Zeitung Heute : Hat der Europäer dem Türken die Sehnsucht gestohlen?

Der Tagesspiegel

Von Suzan Gülfirat

Jeden Montag im Tagesspiegel: Ein Rückblick auf die in Berlin erscheinenden türkischen Tageszeitungen.

„Was ist bloß aus uns Türken geworden?“, fragte am Freitag ein Schreiber der Tageszeitung Türkiye in seiner Kolumne. „Die, die in Deutschland leben oder dort schon mal gewesen sind, werden es wissen: Morgens, um fünf oder sechs Uhr, ist jeder auf den Beinen. Wirklich jeder“, fing er seinen Text an. Die Berufstätigen gingen arbeiten und die Senioren seien unterwegs, um die frische Morgenluft zu genießen und den Hund auszuführen. „Eigentlich sagt man bei uns, dass auf niemanden die Sonne scheinen darf, wenn er morgens aufsteht“, hieß es weiter. „Nachmittags gegen 16 Uhr beenden sie (die Deutschen) ihre Arbeit. (…) Abends um zehn liegen dann alle im Bett. (…) Wenn hier und da ein Licht brennt, dann ist das in einer türkischen Wohnung. Bis um Mitternacht sitzen sie vor dem Fernseher. Am nächsten Tag gehen sie müde zur Arbeit. Entsprechend ist dann ihre Leistung.“

In der Tageszeitung Türkiye spielt die Religion eine große Rolle. Die relativ auflagenstarke Zeitung (etwa 60 000 Exemplare erscheinen täglich in Deutschland) hat fast jeden Tag eine religiöse Kolumne. Deshalb ist der Text nicht so sehr als Lobeshymne auf die Deutschen zu verstehen als vielmehr als eine religiöse Anweisung. „Erinnert Sie das an etwas?“, fragte der Autor. Er wollte mit seiner Schilderung an eine – zumindest aus Sicht der religiös-nationalistischen Türken – ruhmreiche Zeit erinnern, die aber längst vergangen ist. „Im Osmanischen Reich stand jeder von sieben bis 70 Jahre zwischen sechs und sieben Uhr zum Morgengebet auf. Die einen gingen auf ihre Felder, die anderen zu ihrem Geschäft, und die Senioren lasen bis zum späten Vormittag den Koran oder ein anderes Buch. (…) Nach dem Abendgebet (ein bis zwei Stunden nach dem Sonnenuntergang) gingen alle schlafen.“

Um zu erklären, dass alle Europäer so fleißig sind, brachte der Kolumnist ein etwas rätselhaft anmutendes Beispiel. Ein Moslem, der einst in Italien lebte, habe einen Juden gefragt, warum auch er so früh auf den Beinen sei. „Auch meine Religion schreibt mir vor, dass ich so früh aufstehe,“ habe der geantwortet. „Haben Sie jetzt verstanden, warum Europa so entwickelt ist und wir wirtschaftlich so zurückgeblieben sind?“, fragte der Kolumnist seine Leser. Er zeigte sich überzeugt, dass „die Rollen vertauscht sind“. „Sie (die Europäer) haben unsere guten Eigenschaften übernommen und wir ihre schlechten Angewohnheiten.“

Aus seinen Schlusssätzen klang Verzweiflung: „Haben nicht unsere Vorfahren jahrhundertelang auch so (wie die Europäer) gelebt? Was ist mit uns geschehen, dass wir uns unsere Sehnsüchte von den Europäern haben wegschnappen lassen?“

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