Zeitung Heute : Hauptsache gute Stimmung

Moritz Döbler

Nach dem Ifo-Geschäftsklima- index ist die Stimmung in der deutschen Wirtschaft so gut wie seit 15 Jahren nicht mehr. Welche Aussagekraft hat der Ifo-Index?


Auf den Wetterbericht kann man sich nicht verlassen, genauso wenig wie auf das Geschäftsklima, mit dem das Münchner Institut für Wirtschaftsforschung (Ifo) den Aktienmarkt monatlich in Aufregung versetzt. Eine Auffassung, die so richtig wie falsch ist. Der Ifo-Index ist kein harter Wirtschaftsindikator wie es das Wirtschaftswachstum des zurückliegenden Jahres oder der aktuelle Auftragseingang der Industrie sind. Er basiert nicht auf Daten des tatsächlichen Wirtschaftslebens, sondern fragt bei rund 7000 Unternehmen deren Stimmung und Erwartung ab.

Dabei beurteilen sie ihre gegenwärtige Geschäftslage mit „gut“, „befriedigend“ oder „schlecht“ sowie ihren Ausblick auf die nächsten sechs Monate „günstiger“ als bisher, „gleich bleibend“ oder „ungünstiger“. Aus beiden Komplexen wird das Geschäftsklima errechnet, das mit den am Dienstag vorgelegten Daten für März den höchsten Stand seit 15 Jahren markiert, nämlich 105,4 Punkte. Dabei entspricht 100 dem Durchschnitt des Jahres 2000. Nun können sich Unternehmen irren und zum Beispiel die Politik der Bundesregierung positiver beurteilen, als sie am Ende ausfällt. Und in die Zukunft können sie erst recht nicht sehen – zum Beispiel, was die Energiepreise angeht. So gesehen ist dieser so genannte Sentiment-Indikator wenig hilfreich.

Andererseits leben die Börse und die Wirtschaft insgesamt von Annahmen über die künftige Entwicklung. Ein Unternehmen muss eine Erwartung haben, wie die Dinge werden, um daraus ein Geschäftsmodell zu entwickeln und Gewinne zu realisieren. Setzt zum Beispiel ein Biergartenpächter darauf, dass am kommenden Wochenende die Sonne scheint, dann sollte er sich um Personal kümmern. Wie das Wetter gestern war, interessiert dabei allenfalls am Rande. Und so ist es auch im Großen: Aktienkurse reagieren vor allem auf die erwartete Entwicklung eines Unternehmens.

Und dann ist es natürlich schon interessant zu wissen, wie 7000 deutsche Unternehmen ihre Lage und ihre Zukunft sehen. Zumal der Indexwert damit eine deutlich größere statistische Basis aufweist als viele der sonst so verbreiteten Umfragen. Die Sonntagsfrage, die regelmäßig für politischen Wirbel sorgt, stützt sich in der Regel auf nicht mehr als 1000 Befragte.

Und selbst wenn der Glaube an den Geschäftsklimaindex begrenzt sein sollte, die Börse glaubt an ihn – und schon deswegen ist er wichtig. Ähnlich verhält es sich mit den monatlichen Konjunkturerwartungen des Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) in Mannheim. Dafür werden allerdings nur rund 300 Analysten und Händler befragt. Außerdem ist dieser Indikator der Börsenstimmung selbstreferentiell: Finanzmarktprofis werden zu ihrer Einschätzung befragt – und dieselben Finanzmarktprofis kaufen oder verkaufen auf Grund just dieser Umfragewerte bestimmte Aktien.

Am Ende ist es wieder wie beim Wetter: Eine Schwalbe macht noch keinen Sommer, und ein positives Klima allein schafft noch keinen Aufschwung.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben