Zeitung Heute : Hauptsache umgeschult

Der Tagesspiegel

Von Christian Domnitz

Es war in Hellersdorf, am U-Bahnhof Grottkauer Straße. Da stand er mit seinem Anzug, dem Aktenkoffer und geputzten Schuhen auf dem Bahnsteig. Ein Reporter des „Stern“ sprach ihn an und schrieb dann eine Geschichte über den Gewinner/Ost, der mit hoher Qualifikation und Kompetenz die Verlierer/West aus dem heiß umkämpften Gesamtberliner Arbeitsmarkt drängt. Herbert Großmann hätte nichts gegen die Geschichte gehabt – wenn es tatsächlich seine gewesen wäre.

Denn die geputzten Schuhe haben dem heute 36-Jährigen wenig genutzt. Trotz zweier Fortbildungen, gesponsert vom Arbeitsamt, rutscht er immer wieder zurück auf ABM und befristete Stellen als Betreuer für Kinder und Jugendliche – Jobs ohne wirkliche Perspektive für den Familienvater. Das Arbeitsamt unterstützte ihn beim Versuch, in andere Berufszweige einzusteigen. Doch dann legte es ihm – und sich selbst – einen Stein in den Weg.

Herbert Großmann ist Lehrer für Staatsbürgerkunde, das ist jenes Schulfach, mit dem DDR-Schüler ab der siebten Klasse politisch auf Linie gebracht wurden. Als er 1990 sein Studium beendete, brauchte niemand mehr Lehrer wie ihn. Und es graut ihm heute bei der Vorstellung, er hätte seinen Schülern das freie Denken verbieten müssen. In seinem Beruf gearbeitet hat Großmann jedenfalls nie. An seinem Abschluss aber ändert das nichts: Er bleibt der Stabü-Lehrer. Denn im Computer des Arbeitsamts gibt es für jeden Arbeitsuchenden eine Kennzahl, je nach Beruf. Sie lässt sich nicht ändern, auch nach Fortbildungen nicht. Das hindert Großmann daran, vom Arbeitsamt als Presse- oder Personalreferent vermittelt zu werden.

Im Internet-Portal des Arbeitsamts hat er einmal, als sei er Unternehmer, die offene Vermittlungs-Datenbank angeklickt, die Angebote auf „Lehrer“ eingegrenzt und sich selbst dort gefunden. Als er „Pressereferent“ eingab, fand er seinen Namen nicht.

Herbert Großmann hatte dazulernen wollen, „seinen Kopf füllen“, wie er sagt. Anderthalb Jahre dauerte die erste Fortbildung 1992/93 zum Pressereferenten. Sie kostete das Arbeitsamt 17 000 Mark, seinen Unterhalt nicht eingerechnet. Die Fortbildung 1998 zum Personalreferenten dauerte ein Jahr und muss etwas mehr als 10 000 Mark gekostet haben.

Großmann ist einer der vielen Klienten des Arbeitsamts, denen Fortbildungen keinen neuen Job gebracht haben. In den vergangenen zehn Jahren wechselten sich bei ihm die ABM-Stellen ab, Fortkommen ausgeschlossen. Er sprang von einer geförderten Maßnahme in die nächste, als arbeitslos gemeldet war er nur die wenigen Monate dazwischen. Er spielte auf der Klaviatur des zweiten Arbeitsmarkts. Oder der spielte mit ihm. Seine Fortbildungen wählte Großmann selbst, die Qualität, findet er, war nie zu kritisieren. Während der Praktika war er offen, fand die Arbeit spannend, suchte den Kontakt zu seinen Mitarbeitern. Er hat auch miese Arbeiten übernommen.

Für die Pressestelle des Lichtenberger Bezirksamts hat er die Sitzungen der Lichtenberger Bezirksverordneten besucht und über die Sanierung des Rummelsburger Gefängnisses geschrieben. In der Personalabteilung einer Bank hat er, als neue Gesetze das nötig machten, die Mitarbeiter-Akten umgearbeitet. Am Ende hat Herbert Großmann die Chefs gefragt, ob es für ihn eine Stelle gebe. Fehlanzeige. Er hat sich bei Firmen beworben, in Berlin, bundesweit. Etwa 150 Briefe losgeschickt – ohne Erfolg. Das Arbeitsamt vermittelte ihn danach immer wieder in geförderte Jobs für Sozialpädagogen.

Warum haben die Fortbildungen nichts gebracht? „Es gibt Beziehungs-Netzwerke“, sagt Großmann. Im Netz der Hellersdorfer Sozialpädagogen steckt er drin – gibt es irgendwo ein neues ABM-Projekt, weiß er Bescheid. Anders beim Personalwesen oder der Pressearbeit: Die Fortbildungen hätten ihn nicht gerade in Insiderkreise katapultiert, sagt er.

Jetzt arbeitet Großmann gerade im Hellersdorfer Kellerclub „Akku“, einem Integrationsprojekt für geistig gehandicapte Jugendliche. Seine Stelle ist auf einige Monate befristet, wird vielleicht verlängert.

Und wenn nicht? „Dann geht alles wieder einfach von vorne los.“

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