Zeitung Heute : Hauptstadt aus dem Nichts

Nach westlichem Vorbild ließ Peter der Große ab 1703 auf dem Sumpfgebiet der Newa seine Idealstadt errichten

Am Anfang schuf Gott den grauen Himmel und den verschneiten Marsplatz. Danach machte er die Bürger Sankt Petersburgs zu seinem Bilde und sprach: Seid fruchtbar und mehret euch. Und die Moskauer? Sie stammen vom Affen ab. Eine kürzlich erschienene Satire nimmt mit den Glaubenssätzen eines „echten“ Petersburgers die Mythen der zweiten russischen Hauptstadt aufs Korn. Demnach glaubt der Petersburger etwa, dass es sich bei den sieben Weltwundern um Newski Prospekt, Marsplatz, weiße Nächte, Eremitage, Issakkathedrale, Finnischen Golf und die aufklappbaren Brücken handelt. Er ist fest davon überzeugt, dass nördlich von dieser Stadt, die selbstverständlich die schönste und höflichste in der Welt ist, nichts als eine leere Wüste liege und hält Murmansk für ein Sagengebilde in der Art von Atlantis, das der kranken Fantasie der Moskauer entsprungen ist.

Das ironische Spiel mit dem alten Wettstreit zweier russischer Hauptstädte ist wieder aktuell. Davon zeugen etwa die Verkaufsschlager der letzten Jahre: die Romane „1999 – Generation Y“ (2004) von Ilja Stogov oder „Duchless“ von Sergej Minaevs (2006), die dieses Motiv aufgegriffen und damit den Nerv der Zeit getroffen haben. Steht doch im Fokus der ersten postsowjetischen Generation, an die sich die Bestseller richten, seit jüngster Zeit schon wieder Russland am Scheideweg und damit an einem Dilemma, das für die russische Salonkonversation seit den Zarenzeiten so etwas gewesen ist, wie das Wetter für den britischen Smalltalk: Ost oder West? Russland oder Europa? Moskau oder Sankt Petersburg?

Als Zar Peters „Fenster nach Europa“ scheint der Stadtmythos Sankt Petersburg für diese großen „Schicksalsfragen“ geradezu prädestiniert zu sein. Weniger bekannt, kulturell aber nicht minder wirkungsvoll ist das, was sich unter dieser politischen Oberfläche verbirgt. Sankt Petersburg ist nicht einfach ein Fenster, sondern – und das ist vielleicht eine viel spannendere Botschaft – auch ein Spiegelbild dessen, das die europäische Moderne mit ihren Utopien, Heilserwartungen und Katastrophen zeigt. Kein Wunder, dass die Autobiografie der Stadt für sich biblische Dimensionen in Anspruch nimmt und wie die Heilige Schrift mit dem Urschleim beginnt.

Am Anfang war der Sumpf. Sankt Petersburg hat sich „auf Geheiß eines Mannes, des großen Kaisers Peter, aus den Newasümpfen emporgehoben“, gibt ein deutscher Reiseführer aus dem vorletzten Jahrhundert den lobrednerischen Ton des Petersburger Gründungsmythos wieder. Die nach dem Sieg im Nordischen Krieg am 16. Mai 1703 offiziell gegründete Metropole ist damit keine „natürlich“ gewachsene Stadt. Sie entstand zunächst auf dem Reißbrett mit dem Anspruch das Palmyra, besser das Venedig, am besten aber das Rom des Nordens zu werden. Die angesagtesten Architekten des 18. und 19. Jahrhunderts wurden hierher geholt, um Bauwerke und Architekturensembles von Weltrang zu schaffen. Selbst raumgestalterische Innovationen André Le Nôtres, des Schöpfers der Gartenanlagen von Versailles, sind in deren Generalplan eingeflossen, eine den Gärten des Barock nachempfundene Idealstadt. Die Verwirklichung dieser Ambition forderte einen hohen Preis. Um den Boden für die Zarenresidenz dem Sumpf des Newadeltas abzuringen, bedurfte es einer Armee von zwangsrekrutierten Arbeitern, von denen Zehntausende beim Bau ihr Leben verloren. Durch diesen bitteren Beigeschmack wird der verherrlichende Überschwang der Stadtgeschichte aber nur gesteigert. Zwar ist sie auf Knochen erbaut worden in einer trostlosen Einöde, die nicht für das menschliche Leben bestimmt ist. Zwar grenzte die Idee, in dieser von Stechmückenplagen heimgesuchte Gegend am Rande der damaligen Welt eine Hauptstadt zu gründen fast an den Wahnsinn. Doch gerade deshalb vermochte sie für den Sieg der Vernunft über die elementaren Naturgewalten, für das Baconsche Fortschrittsideal zu stehen – ein Ideal, das sich in der Sehschule einer neuen städtebaulichen Ästhetik von Rationalität, Berechenbarkeit und Härte vermittelte.

Eben ein Bekenntnis zu diesem heroischen Geschmack verdichtete sich in der an den Ufern der Newa bis heute geltenden Binsenwahrheit: Petersburg ist die schönste Stadt der Welt.

„Rag, Peters Stadt, in hehrer Pracht, wie Russland stolz und unbezwungen! Bezähm der Elemente Macht, der du dein Leben abgerungen.“ Bis in die Sowjetzeiten hinein schien die Metropole dieser von Alexander Puschkin in Verse gegossenen Hybris treu zu bleiben, ja der revolutionäre Umbruch von 1917 selbst galt als deren Vollendung. Zur Wiege des Großen Oktober Leningrads wurden der Kanonenschuss des Panzerkreuzers Aurora, mit dem das Signal für die Erstürmung des Winterpalais gegeben wurde. Und selbst die „Erstürmung des Kosmos“, die man mit dem Abschuss des ersten sowjetischen Sputniks zum 40. Jahrestag der Oktoberrevolution 1957 verkündete, wurde in diese Traditionsreihe als eine „wahre Befreiung des Prometheus“ eingeschrieben und gefeiert. Diese offizielle Zuversicht konnte jedoch einen bohrenden Zweifel nie wirklich betäuben: Vermögen die Kanonen Auroras auf ihrem „ewigen Liegeplatz“ vor der Kadettenakademie den „Urmächten des Sumpfes“ tatsächlich zu trotzen?

Die Drohgebärde göttlicher Strafe, welche angeblich die prometheische Maßlosigkeit nach sich zu ziehen vermag, ist die dunkle Kehrseite der Petersburger Stadtsemantik. Der auf Pfeilern ohne festes Fundament errichteten Idealstadt wird in der russischen Literatur deshalb stets das Schicksal von Atlantis prophezeit. „Unvergleichlich schönes“ aber „todgeweihtes Gebilde“, so der Historiker Karl Schlögel über diesen apokalyptischen Gestus, der Generationen von Literaten inspirierte. Lässt doch dieses Motiv das Unheimliche, Gespenstische und Fantastische in den offiziösen Raum der Zarenresidenz und späteren bolschewistischen Kultstätte hineinbrechen. Besonders der Newski Prospekt, die glänzende Hauptpromenade der Stadt, wird wie bei Nikolaj Gogol als ein Spielplatz von Trug und Schein und Bühne teuflischer Machenschaften porträtiert und stets in einen dichten Nebel oder in ein magisches Laternenlicht eingetaucht.

Dass die prächtige Stadt, wie die menschliche Zivilisation überhaupt, letztlich ein unsicherer Ort ist, daran erinnert das wichtigste Wahrzeichen der Stadt. Das ist die von Étienne-Maurice Falconet 1782 zu Beginn der Blüteperiode der Petersburger Geschichte errichtete Reiterfigur des Stadtgründers. Zwar weist die herrschaftliche Geste des Zaren siegessicher auf die klassizistische Fassade der Akademie der Wissenschaften hin, die den Gedanken der Naturbeherrschung verkörpert. Zwar überwindet sein Ross mühelos einen „wilden“ ungeschliffenen Granitfelsen, der dem Denkmal als ein 1600 Tonnen schwerer Sockel dient und die zu bezwingende Natur symbolisiert. Die Hufe des sich aufbäumenden Pferdes aber schweben in der Luft über dem Abgrund. Die Statue findet keinen Halt.

Alexander Puschkins Verspoem „Der eherne Reiter“, das sich eben diesem Grauen vor den stets an den Rändern von Zivilisation und Vernunft lauernden Gefahren widmet, hat das Meisterwerk Falconets nicht zufällig in seinem Mittelpunkt. Auf eine als Reminiszenz der biblischen Genese entworfene Mythologie der Petersburger Stadtgründung, lässt hier Puschkin eine rührende Liebesgeschichte folgen, die an den Ufern von Newa tragisch endet. Der „arme Eugen“, der Hauptprotagonist, der während einer Newa-Überschwemmung seine Geliebte verliert und sich selber auf einen unweit vom Peter-Denkmal stehenden marmornen Löwen rettet, wird vom lebendig gewordenen „Idol“ durch die nächtlichen Straßen der Stadt gejagt, nachdem er sich anmaßt, dem „kupfernen“ Stadtgründer als Urheber seines Unglücks zu drohen.

Jährlich, meistens in den Herbstmonaten, übt der im Granitufer eingezwängte Stadtstrom seine Rache an der Schöpfung Peters. Bis zum Bau eines Schutzdamms in der Kronstädter Bucht starben bei größeren Überschwemmungen in den rasant steigenden Fluten, wie in den Jahren 1824 und 1924, tausende von Menschen. Das 306. Hochwasser in der Stadtgeschichte hat es just am 3. Februar gegeben.

Aber nicht durch das Hochwasser allein wird der dünne Überzug der Kultur von den anomischen Mächten der Natur immer wieder zerrissen. Beißende Nordwestwinde und Schneestürme, grauer Nebel oder unaufhörlich rieselnder Regen quälen die Bewohner und zerren an der Infrastruktur der Stadt. Liegt sie doch bereits an jener nördlichen Breite, von der aus man das Polarlicht sehen kann, und die geografische Zone der Taiga beginnt.

So schlimm sich das alles anhört, bleiben diese Realitäten weit hinter der eisigen Stimmung von Petersburg als Mythos zurück, das sich gerne als der äußerste Vorposten der Zivilisation präsentiert und deshalb nordwärts von sich in der Tat nichts duldet. Selbst die sprichwörtliche Höflichkeit eines „wahren“ Petersburgers hat mit diesem frostigen Ideal zu tun. Bereits der Literaturkritiker und Publizist Vissarion Belinskij erklärte in der Physiologie Petersburgs, einem Essayband von 1845: Anders als der typische Moskowiter ist der Petersburger „stets höflich, manchmal zuvorkommend, aber irgendwie kalt“. Außerdem sei Sankt Petersburg männlich, Moskau aber weiblich. Sankt Petersburg liebe die Form, Moskau den Inhalt. Petersburg sei ein „wahrhaftiger Deutscher“, da er alles vorausberechnen will, Moskau sei hingegen ein großzügiger russischer Adliger, der sich gerne gehen lässt.

Dieser Stadthabitus hat sich festgesetzt. Einen „hellen, kalten Blick“ habe Sankt Petersburg. Für das „schlampige“, „warmherzige“ Restrussland bleibe es deshalb für immer „ein fremder, unbegreiflicher und sogar verhasster Sergeant“, klagte knapp sechzig Jahre später der Maler Aleksander Benua. Damit outete er sich natürlich als ein „Slavophiler“. Was die „Slavophilen“ als „seelenlos“ und „unrussisch“ im Stadtbild verdammten, wurde von sogenannten „Westlern“ als „zivilisiert“ und „europäisch“ gefeiert. Und umgekehrt ließ sich die moskowitische Gemütlichkeit als das dunkle Andere und jenen Ursumpf des Newadeltas stigmatisieren, aus dem sich das Land seit über dreihundert Jahren nach Baron-Münchhausen-Methode an den eigenen Haaren herausziehen zu müssen glaubt. Offenbar war diese Stadtgeschichte zu schön, um sie umzuschreiben, selbst nachdem die „deutsche“ Stadt 1914 mit dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges den russifizierten Namen „Petrograd“ bekommen hatte oder nachdem mit der Machtübernahme Stalins das Land mit eiserner Hand ausgerechnet vom „warmherzigen“ Moskau aus dirigiert werden sollte. Das binäre Prinzip, wonach die zweite Hauptstadt als ein Ort der Differenz und Symbol der nationalen Selbstdisziplinierung inszeniert wird, blieb stets eine Konstante, ja es schrieb sich bis in unser Jahrhundert fort, um zuletzt in Gestalt eines aus Leningrad stammenden KGB-Offiziers, dieses „Deutschen im Kreml“ mit kaltem abschätzenden Blick wieder aufzutauchen, der das Land aus dem Sumpf der Korruption und des Verfalls der Ära seines Vorgängers herausgezogen habe.

Petersburg ist „die abstrakteste Stadt der Welt“ sagte einmal Fedor Dostojewskij und meinte jene Fülle verschlüsselter Botschaften, „gebauter Ideen“ und Mythen, die in seinen Plätzen und Straßenzügen, Wasserläufen und Brücken, Denkmälern und Fassaden wie ein Text gelesen werden wollen und deren topografische Dichte einmalig ist. Der bekannte Stadthistoriker Vladimir Toporov spricht vom „Petersburger Text“, um diese „abstrakte“ Dimension der Stadt zu erfassen. Freilich verfügt jeder urbane Raum um eine mehr oder weniger ausgeprägte Semantik. Was Petersburg vielleicht aber wirklich einmalig macht, ist die enorme Faszinationsmacht seines Textes. Er ist eine Art „heilige Schrift“, die jeden, ob Hineingeborenen oder Konvertiten, zum Missionar seiner „kalten Religion“ erhebt, um die bekannte Parabel von Claude Lévi-Strauss zu verwenden. Nikolaj Agnivcev, ein Petersburger Stadtpoet, und einer seiner Apostel um die Jahrhundertwende fühlte sich in seinem Berliner Exil in den 20er Jahren des 20. Jahrhunderts wie unter den Wilden. Musste er doch feststellen, dass die Toponymen wie Marsplatz, Milionnaja oder Newski für den Einheimischen gar nichts bedeuteten. Aus elegischer Verstimmung, in die ihn diese überraschende Entdeckung versetzt hatte, widmete er seiner deutschen Umgebung in Berlin ein Gedicht, das mit dem Ausruf endete: „Mein Gott, wie unglücklich müssen Sie sein!..“

Der Autor ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam und stammt aus St. Petersburg

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