Zeitung Heute : Hauptstadt der Herzen

20000 Kardiologen aus ganz Europa diskutieren in Berlin über neue Therapien für Millionen Patienten

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Von Hartmut Wewetzer

Am 31. August beginnt im Berliner ICC ein Kongress der Superlative: Mehr als 20 000 Fachleute erwartet die Europäische Gesellschaft für Kardiologie (ESC) zu ihrem 24. Kongress. Bis zum 4. September dreht sich dann im Kongresszentrum und auf dem Messegelände unter dem Funkturm alles um Herzkrankheiten und ihre Behandlung. Gleichzeitig haben die Berliner Gelegenheit, sich im „Neuen Kranzler Eck“ am Kurfürstendamm in Herzenssachen zu informieren, sich testen oder auch einfach nur unterhalten zu lassen (siehe Infokasten auf dieser Seite).

Worüber aber reden die Fachleute? Was sind die „heißen“ Themen der Kardiologie?

Da sind zunächst neue Verfahren bei der Behandlung verengter Herzkranzgefäße. Die werden mit einem Pressluft-Ballon wieder aufgedehnt. Leider ist der Erfolg oft nicht von Dauer, und das Blutgefäß setzt sich wieder zu. Deshalb verwenden die Herzspezialisten immer häufiger „Stents“. Das sind feine Drahtröhrchen. Sie werden in das Herzkranzgefäß eingeführt und sollen es offen halten.

Doch auch die Maschendrahtröhrchen können nicht immer verhindern, dass die gestützten Adern wieder zuwuchern - bisher. Denn jetzt gibt es speziell beschichtete Stents. Sie geben allmählich ein Medikament ab, mit dem das Zellwachstum gehemmt wird. Untersuchungen sprechen dafür, dass die Gefäße offen bleiben.

Allein in Deutschland sollen eine Million Menschen an fortgeschrittener Herzmuskelschwäche leiden. Sie sind schnell aus der Puste, körperlich kaum noch belastbar, haben geschwollene Beine und andere Krankheitszeichen. Bisher wurden hauptsächlich herzstärkende Medikamente eingesetzt.

Neue Studien sprechen dafür, in bestimmten Fällen von Herzversagen eine Variante des Herzschrittmachers einzusetzen. Er gleicht einem Dirigenten, der aus dem Takt geratene Musiker wieder zu einem wohlklingenden Orchester zusammenführt. Im geschwächten Herzen sind die Musiker die einzelnen Muskelfasern, die sich nicht gemeinsam zusammenziehen und das Herz kraftvoll pumpen lassen, sondern vereinzelt und zersplittert ihre Energie verpulvern. Winzige Stromschläge aus drei Kabeln (Elektroden) des Schrittmacher-„Dirigenten“ lassen die Einzelgänger wieder gemeinsam zucken.

Bewährt haben sich auch einpflanzbare Elektroschockgeräte (Defibrillatoren). Sie können geschwächte Infarkt-Patienten nicht selten vor dem Herztod bewahren.

Vor einem Jahr erschütterte das „Lipobay“-Desaster viele Patienten. Der Fettsenker aus der Gruppe der Statine musste nach etlichen Todesfällen aus dem Verkehr genommen werden. Unabhängig davon haben sich die Statine in den letzten Jahren jedoch gut bewährt. Sie senken nicht nur das „schlechte“ LDL-Cholesterin, sondern wirken auch entzündungshemmend. Das könnte erklären, warum diese Mittel nicht nur das Herz-, sondern auch das Hirninfarkt-Risiko senken. Denn in einer verfetteten und verkalkten Schlagader schwelt auch eine Entzündung – tritt sie an die Oberfläche, entsteht leicht ein Blutgerinnsel. Der Infarkt ist da.

Mit technischen Verbesserungen können die Computer- und die Kernspin-Tomografie aufwarten. Sie werden zusehends genauer und können auch vom bewegten Herzen Bilder aufnehmen, die frühzeitig Hinweise auf gefährliche Gefäß-Ablagerungen liefern.

Jede Menge Fortschritt also. Allerdings: die neuen Methoden haben ihren Preis. Was besser hilft, ist nicht selten auch teurer als bisherige Verfahren.

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