Zeitung Heute : Hauptstadt werden

Wie eine Berlinerin, West, die Stadt erleben kann

Susanne Kippenberger

WAS MACHEN WIR HEUTE?

Foto: Kai-Uwe Heinrich

Berlin ist nicht Sein, sondern Werden, das haben wir tausend Mal gehört. Jetzt zum Beispiel wird Berlin zur Hauptstadt der Schweizer. Das hat Adolf Muschg in seiner Rede als neuer Präsident der Akademie der Künste erklärt, hier sei ja schon das größte Werk der Schweizer Literatur, „Gottfried Kellers „Grüner Heinrich“ entstanden…

Komisch: Besonders schweizerisch kam mir die Stadt bisher nie vor. Aber vielleicht ist ja gerade das das Attraktive, wenn man, wie Muschg, aus Männedorf bei Zürich kommt: keine Alpen weit und breit, Kreuzberg statt Davos. Immerhin, ein echtes Schweizer Kolonistendorf gibt es auch vor den Toren unserer Stadt – Nattwerder heißt das – und neuerdings auch ein Schweizer Restaurant. Gleich bei mir um die Ecke hat es aufgemacht, dort, wo früher der Bamberger Reiter war, gut soll es sein, heute Abend probiere ich es aus. „Moritz“ nennt sich das Lokal, das St. haben die Betreiber wohlweislich gestrichen, das passt nicht zu Schöneberg.

Die Schweizer Botschaft ist ja längst Teil des Berliner Regierungsgeländes, und selbst um unsere Schokolade beneiden die Schweizer uns. Doch, doch, meine Berner Freundin Corinne macht jedesmal bei Leysieffer Großeinkauf, denn Tafeln mit so hohem Kakaoanteil – bis zu 99 Prozent – findet sie in zu Hause nirgendwo. Und fast jede Woche macht in Berlin ein neuer cooler Schokoladenladen auf.

So geht’s weiter mit dem Werden: Als nächtes wollen wir nämlich „Cool Capital“ sein. Junge Besucher sollen mit dieser neuen Kampagne nach Berlin gelockt werden, die sich an der britischen Hauptstadt orientiert. „Cool Britannia“ hieß der Schlachtruf, mit dem New Labour vor Jahren seine Wahl gewann. So cool sind Tony Blair und seine Feunde allerdings längst nicht mehr, bei einer Umfrage letzte Woche wurde der britische Ministerpräsident zum Allerschlimmsten der 100 schlimmsten Briten gewählt. Vielleicht kommt er ja demnächst auch nach Berlin, um das Coolsein wieder zu lernen.

Schon jetzt, hat der Schriftsteller Jeffrey Eugenides erzählt, kaufen sich seine englischen Freunde alle Wohnungen hier, weil die so billig sind. In London kann sich ja kein Mensch mehr das Wohnen leisten. In Berlin fühlen die Briten sich gleich zu Hause, hier können sie Doppeldecker fahren und im Tiergarten spazieren gehen, sich dort sogar auf Bänke setzen (in England eine Selbstverständlichkeit, in Berlin eine Rarität). Ein Schloss gibt es auch am Rande des Parks und fast gegenüber das neue Wahrzeichen Berlins, die Kuppel auf dem deutschen Parlament, von einem Briten geschaffen, der zu Hause lange nichts bauen durfte, weil man in Großbritannien das Sein meist dem Werden vorzog.

Von London aus betrachtet, wirkt Berlin offenbar längst wie die Hauptstadt der Schweiz. Als ich jetzt am Telefon eine Fahrt auf dem neuen Wahrzeichen der britischen Hauptstadt, dem Riesenrad an der Themse, buchte, war die junge Dame im Call Center ganz entzückt: Oh, wenn sie nur Deutsch könne, würde sie sofort nach Berlin ziehen. Und warum? „Weil da immer alles so perfekt funktioniert!“

Jetzt, wo die Rhododendren blühen, ist der Tiergarten besonders englisch und schön.

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