Zeitung Heute : "Haus Dorotheenstadt": Reich - aber auch glücklich?

Christof Hardebusch

Abgeklärt schaut Fortuna über die Universitätsstraße hinweg. Die Glücksgöttin weiß sich in guter Gesellschaft. Ihr zur Seite stehen Hermes, der Götterbote, und Abundantia mit ihrem Füllhorn des personifizierten Überflusses. Die Figuren schmücken die Fassade des Geschäftshauses "Dorotheenstadt" in Mitte: erbaut 1914, saniert 2000.

Glück, Kommunikation, Reichtum - die Hoffnungen der Gewerbetreibenden haben sich seither ebensowenig verändert wie ihre Ziele. Gebaut wurde es für Geschäftsleute, die sich eine repräsentative Adresse leisten konnten. Für dieselbe Klientel steht das Haus Dorotheenstadt nun rekonstruiert und modernisiert wieder bereit. Die Umgebung ist wie schon zur Bauzeit ein Glücksfall. Nebenan stehen die Seitenflügel der Humboldtuniversität. Durch die rückwärtigen Bürofenster fällt der Blick auf das Bodemuseum und auf den Berliner Dom.

Für diesen prominenten Standort entwarf Architekt Johann Emil Schaudt, er erbaute auch das KaDeWe, ein für damalige Verhältnisse modernes Bürohaus in altehrwürdigem Gewand. Die Fassade aus Rodmernsdorfer Sandstein ließ er mit Bildhauerarbeiten, Attika und ausladenden Gesimsen schmücken. Das Eingangsfoyer empfängt mit Böden und Paneelen aus Marmor, Stuck sowie Deckenfresken. Sogar die alte Pförtnerloge ist wieder hergestellt, nur noch nicht besetzt. Höher hinauf geht es über ein Gewebe, das dem ursprünglichen Läufer nachempfunden ist, eingerahmt von einem verzierten Holzgeländer. Auch Marmorpaneele wie im Foyer sind hier zu finden.

Beim Übergang vom Treppenhaus in die Büroräume wechselt die Ausstattung von feudaler Noblesse zu kühler Sachlichkeit. Auch das war in früheren Zeiten schon so, 1924, als Angestellte der Mitteleuropäischen Schlaf- und Speisewagen AG hier die Menüs für die Zugrestaurants zusammen stellten. Mitropa hieß das Unternehmen, und es hatte seinen Sitz bis 1995 hier. Zu DDR-Zeiten wurde es vor allem als Betreiber von Bahnhofsgaststätten, Speisewagen, Autobahnraststätten bekannt - und unter "Westberlinern" für die Intershops auf der "Transitstrecke" zwischen der Mauerstadt und den alten Bundesländern.

Heute überwiegt in den Büros die Farbe Weiß. Die nach altem Vorbild gestalteten Fenster genügen modernen Schallschutzbestimmungen. Unterhalb der Fenster stehen weiße, ausladende Heizkörper. Sie sind so tief, weil Ventilatoren in ihnen verborgen sind. Im Winter geben die Ventilatoren warme, im Sommer kühle Luft ab. Die Lichtschalter kann man aus der Wandhalterung herausnehmen und dann wie mit einer Fernbedienung von jedem beliebigen Ort aus die Beleuchtung regulieren.

Trotz moderner Technik hat die Modernisierung die Spannung zwischen feudalem Treppenhaus und nüchternen Arbeitsräumen eher gemildert als gesteigert. Bei den Türen zum Beispiel. Die sind in den Büros aus teurem, matt schimmernden Kirschholz. Sie übertragen damit etwas von der Noblesse des Treppenhauses. Dagegen blieb es bei den ursprünglichen Türen in den Nebentreppenhäusern; mit blassgrauer Farbe und Fenstern im oberen Viertel wirken sie, als stammten sie aus einer Kreuzberger Altbauküche. Einziger Schmuck sind hier schlichte Kacheln, wie Berliner sie aus einigen älteren U-Bahnhöfen kennen: Sachlich und in der Farbwahl gewöhnungsbedürftig. Die grauen Türen und die sparsam gestalteten Nebentreppenhäuser verdanken ihre Fortbestehen dem Amt für Denkmalschutz.

"Wir müssen jedes Detail mit den Denkmalschützern abstimmen", sagt Architekt Stefan Hilbig. Er hat die Rekonstruktion des Hauses geplant. Wo es um die Aufbereitung der gut erhaltenen Gebäudesubstanz ging, da fiel ihm das denkmalgerechte Bauen nicht schwer. Der Fassade hatten weder der Zahn der Zeit noch der Zweite Weltkrieg viel angetan. Der Marmor in Eingangshalle und Treppenhäusern war fast vollständig erhalten. Für die Nebentreppenhäuser musste Hilbig lediglich einige Kacheln nachbrennen lassen. Größere Probleme bereitete der Denkmalschutz dort, wo gestalterische Vorbilder aus der Vergangenheit fehlten. Zum Beispiel beim Aufzug: "Ursprünglich war hier wohl ein Paternoster installiert, der zu DDR-Zeiten durch einen klapprigen Fahrstuhl ersetzt wurde", sagt Hilbig. Mit dunklem Holz, glänzendem Messing und poliertem Stein soll der neue Fahrstuhlkorb nun besser mit seiner Umgebung harmonieren.

Keine Rückgriffe auf Formen und Gestalten aus der Historie konnte Hilbig beim Sonnenschutz machen. Den gab es weder zu Kaisers noch zu Honeckers Zeiten. Ohne kommt ein Bürogebäude heute nicht mehr aus, da sonst Spiegelungen an den Bildschirmarbeitsplätzen drohen. In eingefahrenem Zustand verschwinden die Rollos vollständig in den Fensterlaibungen und sind weder von außen noch von innen sichtbar. Ins Kreuzfeuer der Behörden geriet Hilbig, als es um den Brandschutz ging. Die Feuerwehr forderte für ihre Feuerlöschschläuche eine Zapfstelle in jeder Etage. Der Denkmalschutz lehnte das Ansinnen strikt ab. Hilbig behalf sich, indem er die Zapfstellen in Nischen hinter kleinen Türen verbarg. Auf die Kulanz der Denkmalschützer stieß Hilbig bei der Gestaltung des Erdgeschosses. Denn das in Stahl gerahmte Panzerglas gab es an dieser Stelle zuvor nicht; es ist so hoch wie das Erdgeschoss selbst. Hinter dem Glas soll es sich künftig für alle Augen sichtbar, aber gegen etwaige physische Übergriffe geschützt dinieren lassen.

Rund 20 Millionen Mark investierte die Familie Lange aus München in die Sanierung und Modernisierung des Hauses Dorotheenstadt. Sie hofft nun, dass sich dieser Aufwand auch auszahlt. "Die Nachfrage nach Büroflächen in hochwertig sanierten Altbauten in guter Lage ist groß. Größer, als nach gleichwertigen Flächen in Neubauten", glaubt Martin Puchmayr. Der Leiter Vermietung bei FPD Savills vermaktet das Haus Dorotheenstadt. Was der Luxus kostet, das möchte er nur einem ernsthaft an Mieträumen Interessierten Kunden verraten. Allerdings dürten sich die Eigentümer von ihrer Investition das erwarten, was die steinernen Göttinnen an der Fassade verheißen: Reichtum - und wohl auch Glück.

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