Zeitung Heute : Haus mit Hüter

In dieser Berliner Wohnung kam alles wieder hoch. Der Bruch ’45, die ganze verlorene Welt. Eine deutsche Trümmergeschichte, die Martin Wiebel zu etwas Neuem zusammenfügte

Pascale Hugues

Hört man Martin Wiebel zu, diesem großen Mann mit den grauen Haaren, und sieht, wie er mit enthusiastischen Gesten auf die neogotischen Fassaden zeigt, die den Bürgersteig in eleganter Reihe begrenzen, so könnte man glauben, dass sie jeden Moment die Tür aufstoßen und aus ihrem Haus treten werden: Tante Trude, die allzu muntere Kinder nicht leiden konnte. Tante Lotte, die irgendwann verarmt im Altersheim starb. Onkel Max, der HalsNasen-Ohren-Arzt, und Großmutter Margarethe, die ein strenges Regiment über Personal und Tafelsilber führte.

Zwischen Martin Wiebel und der Berliner Rotherstraße gibt es eine lange Trümmergeschichte, eine deutsche Geschichte, die an einem Julimorgen des Jahres 1945 in Stücke gesprungen ist: Die Familie muss ihre von der Roten Armee beschlagnahmte Wohnung verlassen.

Als Martin Wiebel im Jahr 1989 in die Rotherstraße kam, wo er am 28. Januar 1943 geboren wurde, ahnte er nicht, dass er eines Tages im Haus seines Urgroßvaters Maximilian Koch in Friedrichshain wohnen würde. „Das Thema Enteignung war für mich der Preis des Krieges. Es war normal wie die deutsche Teilung.“ Er sah die heruntergekommenen Fassaden, die altersschwachen und vom Einsturz bedrohten Balkone. Im Hinterhof roch es nach Katzenpisse und Kohle. Maximilian Kochs Kastanie von 1904 war abgeholzt. Die Turmuhr der Zwingli-Kirche, in der Martin Wiebel getauft worden war, hatte keine Zeiger mehr, und der Rudolfplatz, auf dem er gespielt hatte, wurde zugunsten einer gigantischen Kita amputiert. „Das ist Geschichte“, sagte sich Martin Wiebel damals. Er drehte sich auf dem Absatz um und kehrte nach Köln zurück, wo er seit 28 Jahren lebte. Kapitel abgeschlossen.

Doch seine Mutter Ruth, 71 Jahre alt, sah die Dinge anders. Die alte Dame lebt in Halensee. Als echte Westberlinerin misstraute sie dem „schrecklichen Osten“. Sie, die Büroangestellte, hatte nie aufgehört, ihren einstigen Status einzufordern. Als sie in der Zeitung las, dass die früheren Besitzer ihr Eigentum zurückverlangen können, bestellte sie ihren einzigen Sohn zu sich. „Ich bin zu alt“, sagte sie. „Aber du kannst es machen. Du musst den Anspruch geltend machen!“, trug sie ihm auf. Ohne große Überzeugung fügte sich Martin Wiebel. Er stellte einen Antrag auf Rückgabe. „Wie sollte ich die Renovierungskosten bezahlen? Es hat mir Angst gemacht. Diese unbeherrschbare Bauruine.“

Ein Oktobermorgen im Jahr 1998: Martin Wiebel und seine Frau ziehen in die Beletage der Rotherstraße 3 ein. Neun Jahre Zweifel, Ängste, Stimmungsumschwünge liegen hinter ihm. Er hat sich mit Bankgeschäften befasst, den Stuck restauriert, die Balkone repariert. Die Ruine hat sich in ein prachtvolles denkmalgeschütztes Gebäude verwandelt. In der Küche gibt es Terracotta, im Bad Marmor, an den Wänden moderne Bilder.

„Ich habe immer gedacht, ich hätte nicht zugehört. Immer dieselben alten Geschichten, aber als ich hier war, kam alles zurück, bis in die kleinsten Einzelheiten.“ Martin Wiebel entdeckt die Macht der Erinnerungen, das Gewicht der Kindheit, die Notwendigkeit der Verwurzelung. „Das erste Mal, als ich in dieser Wohnung saß, kam alles hoch. Nein, dachte ich, das ist kein Märchen. Das ist eine verlorene Welt: großzügig, elegant, gastfreundlich.“

Der Ziegeleibesitzer Maximilian Koch und seine beiden Brüder, Sigismund, Architekt, und Emil, Stuckateurmeister, kommen um die Jahrhundertwende aus Rheinsberg. Maximilian Koch ist ein reich gewordener Aufsteiger. Er baut 70 Mietshäuser. Schöne Fassaden, große Wohnungen, luftige Hinterhöfe. Das „Koch’sche Ensemble“ ist nicht mit den ungesunden Mietskasernen der damaligen Zeit zu vergleichen. Es ist eine Insel für Mittelständler, für Beamte und Handwerker im proletarischen Ozean im Berliner Osten, eingezwängt zwischen dem Osthafen und den Bahngleisen der alten niederschlesischen Eisenbahn. Das Zentrum des Universums Koch: der Rudolfplatz.

Die Wohnung in der Rotherstraße 3 ist die Bühne aller Familiengeschichten. Hier in der Küche bekommt Großmutter Margarethe einen spektakulären Wutanfall: Als diese „Herrin der unangenehmsten Sorte“– so nennt sie Martin Wiebel – beim 50. Dienstmädchen angelangt ist, schenken ihre Kinder ihr einen Kuchen mit einer „50“ aus Marzipan.

Hier im Salon sitzen Ruth und ihre Mutter auf dem Kanapee und spitzen die Ohren, während im Arbeitszimmer nebenan Martins Vater, Hans-Joachim Wiebel, Kolonialwarenhändler aus dem Wedding, um die Hand der Tochter des Hauses anhält. Eine schlechte Partie, findet der Vater, und Ruth hört, wie er droht: „Junger Mann, wenn Sie glauben, Sie können Ihren Sauerkohlladen mit dem Erbe meiner Tochter veredeln, dann haben Sie sich geirrt!“ Am Ende gibt der Vater nach. Die Hochzeit wird mit großem Pomp gefeiert. Aber das Idyll wird nicht lange dauern. Hans-Joachim fällt 1944 in Norwegen. Er sieht seinen Sohn nur zweimal.

20. Juli 1945. An diesem Tag beginnt der brutale Sturz. Die Familie hat sechs Stunden, um ihre von der Roten Armee beschlagnahmte Wohnung zu räumen. Sechs Stunden panischer Betriebsamkeit. „Meine Großmutter“, weiß Martin Wiebel aus Erzählungen, „kam und ging mit ihrem mit Geschirr beladenen Teewagen, um möglichst viel im Keller der Kirche um die Ecke unterzubringen. In ihrer Überstürzung hat sie wertlosen Nippes gerettet, dafür aber die Briefmarkensammlung meines Großvaters vergessen, die ein Vermögen wert war.“ Margarethe hat nie mehr einen Fuß in die Wohnung im ersten Stock gesetzt, wo die Sonne das safrangelbe Parkett streichelt. Ihre Anrichte aus massiver Eiche ist im Hof verbrannt. „Man muss ja zufrieden sein, aber man lebt wie die Zigeuner eng zusammengepfercht und aus dem Koffer“, schreibt sie ihrer Schwester. Bis 1956, als sie in den Westen geht, haust sie in einer engen Wohnung im vierten Stock. Jeden Tag geht die abgesetzte Herrin des Hauses an ihrer ehemaligen Wohnung vorbei, wenn sie die Treppen hochsteigt. Jeden Tag schluckt sie Tränen und Wut hinunter.

Zum ersten Mal in ihrem Leben muss Ruth Wiebel Arbeit suchen. Diese in Watte gepackte Prinzessin tauscht den Überfluss der Rotherstraße gegen zwei Zimmer in der Koloniestraße in Wedding und tritt eine Stelle als Arbeiterin bei Schering an, Stundenlohn 98 Pfennig. Für Ruth Wiebel ist das Leben 1945 stehen geblieben. Sie hat nicht wieder geheiratet. Sie hat die Rotherstraße nie vergessen. „Als sie das erste Mal bei uns in der renovierten Wohnung saß“, erinnert sich ihr Sohn, „schnurrte alles zusammen. Jetzt ist die Familie wieder hier, und jetzt geht es weiter, wo es aufgehört hat, dachte sie. Die gesamte Nachkriegszeit, ihre Arbeit bei Schering in West-Berlin hat sie ausgeblendet. Alle ihre Geschichten gingen nur bis 1945. Aus dieser Zeit hat sie eine Legende gebaut. Bis zu den Weinmarken wusste sie noch alles!“ Als die alte Dame ihren Sohn zum Mittagessen besucht, fragt sie ihn besorgt: „Aber habt ihr genug Geschirr für 40 Personen?“ Nur mit Mühe kann ihr begreiflich gemacht werden, dass die Großeinladungen, die Kammerzofen ebenso wie die Parade der Kristallgläser einem untergegangen Zeitalter angehören.

Wiebel setzt auch die Geschichtssplitter seines Viertels zusammen, sucht Zeitzeugen, befragt Nachbarn, wühlt in Archiven. Aus dieser Arbeit sind das Buch „East Side Story“ und ein Film entstanden, der heute im RBB läuft. Aber auf keinen Fall will er bei der Vergangenheit stehen bleiben. Er will neu anfangen. Energie und neue Ideen braucht der Stadtteil. Die Schließung des Narva-Werks, der Lampen- und Lichterfabrik, von 1993 ist eine Katastrophe. 5000 Menschen werden arbeitslos. Die Jungen suchen ihr Glück woanders, zurück bleiben Alte und Arme.

Martin Wiebel bemüht sich, seinen schlafenden Kiez wachzuküssen. In der Rotherstraße lässt er Rotdornbäume anpflanzen. Er hat eine Interessengemeinschaft der Eigentümer gegründet, die sich in die Kommunalpolitik einmischt. Auf keinen Fall darf eine Sondermüllkippe hinter dem Kindergarten vom Rudolfplatz gebaut werden! „Das Viertel muss seinen Wert kriegen und attraktiv werden“, fordert er. „Vor 100 Jahren zogen Familien mit vielen Kindern hierher. Das möchte ich heute wieder!“ Wenn Martin Wiebel in seinem Salon sitzt, dann blickt er auf den schmutzigen grauen Putz und die tiefen Risse in der Fassade gegenüber. „Es dauert“, seufzt er dann. Und er freut sich über jedes Unternehmen, das in seiner Nähe eröffnet wird. Oberbaum-City, das Dienstleistungszentrum der Medien, macht ihn glücklich. Er jubelt, als die Universal sich im alten Eierlagerhaus an der Stralauer Allee niederlässt. Und als MTV-Europe sich in einer alten Lagerhalle des Hafens einmietet, hofft er als Erster, dass all die jungen Leute an den Rudolfplatz ziehen.

Wenn Wiebel, flankiert von Tochter und Enkeln, im Salon der Beletage am Kopfende des Tisches thront, dann – nicht dass er es so ausdrücken würde –, aber dann fühlt er in sich die Seele eines Patriarchen. Und aus seinem hölzernen Bilderrahmen nahe dem Fenster beobachtet Maximilan Carl Theodor Koch die Szene und ist es zufrieden.

Aus dem Französischen von Elisabeth Thielicke

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