Zeitung Heute : Hausaufgaben mit "Ratzke"

MARTIN BUSCHE

Haben Sie sich auch schon gewundert, warum ihr Kind in letzter Zeit so wenig Hausaufgaben mit Ihnen machen wollte? Dann sind Sie im Internet, und ihr Kind holt sich interaktive Hausaufgabenhilfe bei www.funonline.de , dem mit Abstand populärsten und bestbesuchten Internettreffpunkt für junge Leute bis 18 Jahre. Über 2 100 000 Page Views zählte die IVW-Statistik im Monat Mai. "Ein toller Erfolg, für eine Seite, die erst vor einem Jahr an den Start gegangen ist", sagt Marion Egenberger, Pressesprecherin des Egmont Ehapa Verlages , der die Internetseite www.funonline.de entwickelt hat.Mit der Hausaufgabenhilfe schaffte die Website den Durchbruch, der ihr beim Start 1997 noch verwehrt geblieben war. Damals wollte Egmont, das vor allem durch den Vertrieb der Micky-Maus Hefte bekannt ist, im Web den ganz großen Reibach machen. Fun Online, wie sich die Seite damals schrieb, war nämlich der erste Internetprovider für Kinder und einer der großen Flops in der Internetgeschichte. Ehapa hatte alles falsch gemacht, was falsch zu machen ist im Web. Wer Fun Online als Provider nutzen wollte, mußte nicht nur 22 Mark monatlich bezahlen, sondern auch noch die passende CD dazu bestellen, auf der, sich, neben der kindgerechten Browsersoftware, auch allerlei Werbung und das Jugendschutzprogramm Cyberpatrol befand. Das veranlaßte die Internetgemeinde zu konzertierten Wutausbrüchen. Denn durch die Installation des Fun Online Browsers wurden andere Internet Zugänge wie AOL oder CompuServe gesperrt.Schuld daran war die Kindersicherung, die sich automatisch auf die höchste Sicherheitsstufe einstellte. Abhilfe konnte nur ein Paßwort schaffen, das per 0180er-Hotline für 0,42 Mark pro Minute zu bestellen war. Doch auch User anderer Provider wurden zur Kasse gebeten. Für die kostete Fun Online 8 Mark im Monat. Reichlich viel für eine Seite, auf der sich nicht viel mehr befand als "versteckte Werbung für Produkte des Ehapa-Konzerns und ein Quiz, das direkt auf die Seite von Microsoft führt", schrieb die Süddeutsche Zeitung damals. Kein Wunder, daß sich lediglich 3000 Kunden für Fun Online erwärmen konnten und das Produkt nach einem halben Jahr wieder eingestellt wurde. "Das Projekt war finanziell leider nicht tragbar ", erinnert sich Pressesprecherin Egenberger.1998 präsentiert sich Funonline runderneuert. Zum einen kostet der Zugang nichts. Zum anderen ist die Seite wesentlich übersichtlicher gestaltet als 1997. Damals war Fun Online eine virtuelle Stadt, in der es im Bahnhof Fahrpläne, in der Bücherei Buchtips und im Fernsehturm Links zu TV und Radiosendern gab. Auch einen Kiosk hatte Egmont eröffnet und dort ausschließlich Verlagspublikationen von Micky Maus und Co. plaziert.Heute ist die Stadt abgerissen und hat Foren Platz gemacht. Ein Renner: die interaktive Hausaufgabenhilfe "Ratzke", die nicht nur Lösungen schwerwiegender Schulprobleme innerhalb weniger Stunden verspricht, sondern sie auch tatsächlich liefert. Wer Schwächen in Deutsch, Englisch oder naturwissenschaftlichen Fächern hat, ist hier genau richtig. Nachhilfeangebote und ein Frage-und-Antwort-Forum komplettieren die Schülerhilfe. Für Unterhaltung sorgt die Internetsoap "Stray Kids", eine Art Foto-Love-Story à la Bravo. Information und Tips zu Spaß, Sport, Tiere, Musik, Radio und TV finden sich unter dem Stichwort "Topics". "Wir finanzieren das ganze nun durch Bannerwerbung", erklärt Egenberger, "allerdings ohne Gewinn zu machen." Um die Kosten wenigstens etwas zu minimieren, ist die Funonline-Seite kürzlich zur Portalsite sämtlicher Egmont-Pages aufgestiegen. Das treibt den Bannerpreis in die Höhe, tut den Nutzern aber nicht weh. Im November 1998 konnten sich sogar Medienpädagogen aus München für das Projekt erwärmen und vergaben den pädagogischen Interaktivpreis für Onlineprojekte an die schwäbische Firma. "Funonline greift das Bedürfnis Jugendlicher nach Kommunikation auf", begründeten die Juroren ihre Entscheidung. Funonline.de zeige, wie virtuelle Räume für Jugendliche gestaltet werden können, ohne dabei die pädagogische Verantwortung aus den Augen zu verlieren.Das mit der pädagogischen Verantwortung ist so eine Sache. Kleiner Tip an die Eltern wegen der interaktiven Hausaufgabenhilfe: Schauen Sie mal auf die Website-Favoriten ihrer Kinder. Fragen Sie nach "Ratzke", wenn die Ferien vorbei sind.

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