• Hausgemachte Probleme - Der Arbeitsmarkt in der Informationstechnologie verunsichert Bewerber und Firmen gleichermaßen

Zeitung Heute : Hausgemachte Probleme - Der Arbeitsmarkt in der Informationstechnologie verunsichert Bewerber und Firmen gleichermaßen

Helga Ballauf

Spötter nennen die Computerindustrie "Jekami"-Branche: "Jeder kann mitmachen." Demnach dürfte es den derzeit lautstark beklagten Mangel an informationstechnischen (IT) Fachkräften gar nicht geben. Dennoch steckt ein richtiger Kern im Spruch der Lästerer: In keinem anderen Wirtschaftszweig können Quereinsteiger und Selfmademen so schnell Fuß fassen wie im Hard- und Softwaregeschäft. Aber nirgendwo sonst folgt allzu oft dem rasanten Aufstieg ebenso rasch der jähe Karrieresturz. Jeder kann rausfallen. Jederzeit. Kein Wunder, dass im Zuge der Greencard-Debatte seit Wochen über Beschäftigtenzahlen, Ursachen des Fachkräftemangels und Verantwortliche gestritten wird.

Darum geht es: Rund 75 000 IT-Fachleute sucht die deutsche Wirtschaft; andererseits sind 31 000 EDV-Spezialisten und 56 000 Ingenieure arbeitslos gemeldet. Etwa 34 000 Personen schließen in diesem Jahr eine IT-Qualifizierung ab, unter ihnen rund 7000 Auszubildende. Die Industrie hat zugesagt, in den nächsten drei Jahren die Zahl der Lehrlinge zu verdoppeln: Demzufolge hätten bis Ende 2003 nahezu 60 000 junge Frauen und Männer die Chance, einen der sechs neuen Berufe in den Feldern Informationstechnologie und Medien zu erlernen.

Personalentwicklung notwendig

Als Übergangsmaßnahme will die Bundesregierung 20 000 Greencards für ausländische Computerspezialisten bewilligen. Unabhängig vom Gerangel, wie verlässlich diese Zahlen sind und ob nicht oft Äpfel mit Birnen verglichen werden - vier Aspekte sind unstrittig: In der Boom-Branche herrscht ein größerer Bedarf an qualifizierten Fachkräften als der Arbeitsmarkt anbietet; ausländische Experten eignen sich nur bedingt als Lückenbüßer; die Computerwirtschaft muss eine eigene Personalentwicklungsstrategie aufbauen, um die gewünschten Spezialisten zu finden und zu halten; der Frauenanteil lässt sich nur erhöhen, sofern künftig Job und Familie vereinbar sind. "Wenn eine Branche feststellt, dass von ihr dringend benötigte Fachkräfte in größerer Zahl ins Ausland abwandern, sollte sie sich ernsthaft fragen, ob sie vielleicht das eine oder andere ändern muss." Mit dieser Kritik verwies der Präsident der Bundesanstalt für Arbeit, Bernhard Jagoda, auf eine der Problemursachen: schlechte Arbeitskonditionen für Könner hierzulande.

Auch über 40-Jährige sind "brauchbar"

Ein zweiter Grund für die beklagte Misere: Die Vorliebe der Branche für junge Fachkräfte, weil schon Beschäftigte über 40 Jahre als unflexibel und zu teuer gelten. Dazu bemerkte Jagoda süffisant: "Arbeitssuchende haben oft nur einen Fehler: Sie sind so alt wie der amtierende Präsident der Bundesanstalt. Aber die Leute sind brauchbar, gucken Sie mich an".

Rund um die Uhr schuften

Jagodas Kritik wird von Diskussionsbeiträgen in diversen Webforen zum Thema IT-Fachkräfte untermauert. Aus den zahlreichen Einzelerfahrungen lässt sich der Vorwurf herauslesen: Die Computerindustrie sucht gar keine ausgewiesenen Fachleute, sondern junge Menschen ohne Familie und Freunde, die bereit sind, rund um die Uhr zu arbeiten. Als Pauschalurteil für eine ganze Branche darf man diese Äußerungen nicht gelten lassen. Denn Konzerne im Bereich Informationstechnologie und Telekommunikation wie beispielsweise Telekom, Hewlett Packard oder Siemens können nicht mit Zwei-Mann-Softwareschmieden oder kleinen Multimedia-Agenturen verglichen werden, was Aufgabenstellung, Qualifikationsanforderungen und Arbeitsbedingungen angeht. Und auf diese Unterschiede achten gerade junge IT-Spezialisten besonders.

Dies beweist eine Umfrage unter 2000 Informatikstudenten an 40 deutschen Hochschulen, die im Auftrag einer Fachzeitschrift Ende 1999 durchgeführt wurde. Als wichtigste Anforderungen an ihren ersten Arbeitgeber nach dem Examen nannten die jungen Leute: abwechslungsreiche Aufgaben, flexible Arbeitsbedingungen, Erwerb von langfristigen Fähigkeiten, eigenverantwortliche Arbeit und Gleichgewicht zwischen Berufs- und Privatleben. Und diese Erwartungen können nach Einschätzung des heißumkämpften IT-Nachwuchses nur die Großen der Branche erfüllen. Traumarbeitgeber ist demnach Siemens, gefolgt von IBM, Sun, SAP und der Fraunhofer Gesellschaft.

Nun übertreffen sich Hochschulen und kommerzielle Weiterbildungsinstitute mit immer neuen Qualifizierungsangeboten und Abschlüssen. Ständig entstehen zusätzliche Jobbörsen speziell für IT-Fachleute. Und phantasievolle Berufsbezeichnungen schießen nur so ins Kraut: Web- und Javaarchitekt, Servicedesigner, Qualitätsmanager, System- und Workflow-Berater, Certified Networking Specialist.

Schneisen im Berufsdschungel

Zur Übersichtlichkeit, Vergleichbarkeit und Attraktivität des Aufgabenfeldes trägt dies nicht unbedingt bei. Mit mehr Weiterbildungsanstrengungen einzelner Firmen - so dringlich diese sind - ist es nicht getan. Wichtiger denn je wird der von Arbeitgeberverbänden und Gewerkschaften im vergangenen Jahr begonnene Versuch, Schneisen in den Berufsdschungel zu schlagen. Ziel ist, die weit über 300 Fortbildungsbezeichnungen zu systematisieren, nach Tätigkeitsfeldern zu strukturieren und zu vereinheitlichen. Denn der aktuelle Zustand, so ein Verbandsexperte, "verunsichert Bewerber und Firmen gleichermaßen."

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