Zeitung Heute : Haushalten und aushalten

Obama und McCain sind zum zweiten TV-Duell angetreten. Warum war Obama überzeugender?

Christoph Marschall[Washington]

Der Druck vor der zweiten Fernsehdebatte lastete auf John McCain. Vier Wochen vor dem Wahltag liegt der Republikaner zurück. Er muss die Dynamik ändern. Nur, wie kann er angehen gegen einen so mächtigen Faktor wie die Finanzkrise? Sie verdrängt alle anderen Themen – und sie hilft dem demokratischen Präsidentschaftskandidaten Barack Obama. Viele Bürger schreiben diese Krise der Wirtschaftspolitik des amtierenden Präsidenten George W. Bush zu und dem Widerstand der Republikaner gegen eine stärkere Finanzaufsicht und Regulierung der Wirtschaft.

Das Debattenformat immerhin kam John McCain entgegen, so hieß es zumindest. Er liebt sogenannte Townhall Meetings: die direkte Begegnung mit einigen Dutzend bis maximal wenigen hundert Wählern in überschaubaren Räumen wie einem Rathaussaal oder einer Turnhalle in der Provinz. Er steht in ihrer Mitte, sie rufen ihm Fragen zu, er antwortet direkt. Solchen Begegnungen verdankt er seinen Ruf des „Maverick“: ein Politiker, der sich oft gegen die Parteilinie stellt und seinen Überzeugungen folgt.

Die Debatte in der Belmont-Universität in Nashville, Tennessee, in der Nacht zum Mittwoch folgte dem Townhall-Ideal. Das Meinungsforschungsinstitut Gallup hatte 80 nicht parteigebundene Bürger als Publikum und Fragesteller ausgesucht. Sie saßen in kleinen Gruppen um die mit rotem Teppichboden belegte Bühne. In deren Mitte standen zwei Barhocker. Immer wenn Moderator Tom Brokaw, ein angesehener TV-Veteran des Senders NBC, eine zuvor ausgewählte Frage stellen ließ, standen McCain oder Obama auf, gingen auf den Fragenden zu und antworteten aus nächster Nähe. Manchmal suchten sie sogar den Körperkontakt, mit einem Klaps auf die Schulter oder einer Berührung des Arms. Jeweils zwei Minuten hatten sie für ihre Antwort.

Echte Townhall Meetings wirken familiär und authentisch. Doch anders als die 80 Menschen im Saal verfolgten die vielen Millionen Amerikaner an den Fernsehgeräten die 90 Minuten durch die Linsen der TV-Kameras. Die stellen, erstens, Distanz her und verfolgen die Akteure, zweitens, in unbarmherzigen Nahaufnahmen. Der Altersunterschied zwischen dem 72-jährigen Republikaner und dem 47-jährigen Demokraten war unübersehbar. McCains Bewegungen sahen hölzern aus, er ging gebückt. Im Kontrast wirkte Obama umso vitaler.

Die Fragen – und die Antworten – boten keine Überraschung. Oberstes Thema bleibt die Wirtschaftslage, dazu allgemeine Krankenversicherung, Irakkrieg, Afghanistan samt Pakistan und Irans Atomprogramm. Da war Obama im Vorteil, viele Amerikaner plagen Existenzängste und können sich den gewohnten Konsum nicht mehr leisten. Obama klagt die Republikaner an, sie hätten es zur Ideologie erhoben, der Wirtschaft und speziell den Bossen an der Wall Street keine Fesseln anzulegen. Auch McCain distanzierte sich von Bush: Er sei doch berühmt dafür, dass er oft gegen dessen Vorhaben stimme. Dazu wiederholte er den Vorwurf, Obama wolle die Steuern erhöhen. Das verfing nicht. Obama rechnete im Gegenzug vor, sein Steuerplan belaste nur jene fünf Prozent, die mehr als 250 000 Dollar pro Jahr verdienen. 95 Prozent der Bürger würden dagegen entlastet.

Bei CNN konnte man verfolgen, wie die Sympathiekurven für den Demokraten nach oben zeigten. Der Sender hatte eine Gruppe von Zuschauern in Ohio mit Geräten ausgestattet, die ihre unmittelbare positive oder negative Reaktion messen. Durch die Bank waren die weiblichen Zustimmungsraten bei Obama höher, Männer neigten eher McCain zu. In der Summe der Reaktionen lag Obama vorn.

Auch bei den außenpolitischen Fragen konnte er diesmal mithalten. Den Schlagabtausch zu Irak, Iran und Pakistan entschied er für sich. Bei Fragen zur Russland- und Georgienkrise schnitt McCain besser ab. Blitzumfragen nach den 90 Minuten sahen Obama mit 54 zu 30 Prozent als Sieger. Solche Spontanreaktionen darf man jedoch nicht überbewerten. Bei TV-Debatten schauen in der Regel mehr Sympathisanten der Demokraten als der Republikaner zu. Beim konservativen Sender Fox zogen die Kommentatoren eine freundlichere Bilanz für McCain.

Beide Lager stehen fest hinter ihren Kandidaten. Wahlentscheidend ist, was die nicht Parteigebundenen und die immer noch unentschiedenen Wechselwähler denken, zum Beispiel in Ohio. Sie gaben an diesem Abend überwiegend Obama den Vorzug. Alles in allem hat die Debatte nichts an seiner aktuellen Führung geändert. Würde jetzt gewählt, wäre ihm der Sieg wohl sicher.

Doch abgestimmt wird erst in 27 Tagen. McCain wird weiter Themen suchen, mit dem er die Demokraten in Bedrängnis bringen und die Stimmung drehen kann. Er stellt Obama als zu großes Risiko hin in diesen gefährlichen Zeiten. Was McCain wirklich helfen würde, wagt kaum einer offen auszusprechen: ein Terroranschlag, ein mörderischer Angriff auf US-Truppen oder eine außenpolitische Krise wie in Georgien im August. Bleibt die Wirtschaftskrise das beherrschende Thema, kann er Obama den Sieg am 4. November wohl nur noch schwer nehmen.

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