Zeitung Heute : Haushoch gewonnen

Haidemühl bei Cottbus muss dem Tagebau weichen – aber statt zu klagen, handeln die Dörfler dem Konzern eine ganz neue Stadt ab

Anselm Waldermann

Im Autoatlas ist der Tagebau Welzow-Süd ein weißer Fleck. Kein Wald, kein Hügel, kein See – nichts. Das, was eben übrig bleibt, wenn Braunkohlebagger die Erde umpflügen. Der Tagebau liegt 15 Kilometer hinter Cottbus, nahe der Autobahn. Seine Fläche entspricht der von 8000 Fußballfeldern und an seinem südlichen Rand liegt Haidemühl.

Man könnte auch sagen: An seinem südlichen Rand lag Haidemühl. Denn eigentlich gibt es hier kein Dorf mehr, auch wenn die meisten Häuser noch stehen. Die Bewohner sind dem Tagebau gewichen – es war die größte Umsiedlung in Ostdeutschland seit der Wende. Und trotzdem stand Haidemühl nie in den Schlagzeilen wie andere Dörfer, die es erwischt hatte, wie Horno oder Heuersdorf, nie gab es Proteste wie in Garzweiler oder all den anderen umkämpften Braunkohlerevieren in Deutschland.

Der Grund ist Geld, viel Geld. Denn statt zu klagen haben die Haidemühler gepokert. Haben verhandelt – und gewonnen. Das Braunkohleunternehmen, der Vattenfall-Konzern, hat viel Geld bezahlt. Die genaue Summe verrät keiner, aber „wir sind an unser Maximum gegangen“, heißt es bei Vattenfall. Nur im Nachbarort Proschim sind sie auf die Haidemühler nicht gut zu sprechen. Verrat werfen sie ihnen vor. Vielleicht ist es Neid, wahrscheinlich aber auch die Angst, dass Proschim das nächste Dorf sein wird, das von der Landkarte verschwindet. Sie wollen nicht so leicht weichen.

„Und was haben sie von ihrem Protest?“ fragt Dietmar Kiel. Er spricht langsam und leise, als ob er jedes Wort zweimal abwägt. Zu viel Feindschaft ist ihm schon entgegengeschlagen. Kiel ist parteilos und seit der Wende der Bürgermeister von Haidemühl. Müde sitzt er im leer geräumten Amtszimmer im Gemeindehaus. Er ist 59, aber er sieht älter aus. „Die Menschen machen sich nur verrückt“, sagt er. Als Kiel zum ersten Mal davon hörte, dass Haidemühl geopfert werden soll, da hat er überlegt, wie man das Beste daraus machen könnte. „Entweder man stellt sich dem Problem oder es überrollt einen. Den Tagebau kann sowieso keiner aufhalten.“ Lieber ein kurzer, schmerzhafter Abschied als jahrelange Hängepartien.

Früher wohnten 580 Menschen in Haidemühl, heute sind es zehn. Bis zum Sommer, in einigen Wochen, müssen auch sie das Dorf verlassen haben, dann kommen die Bagger. „Besenrein“ – so die Abmachung mit Vattenfall – müssen sie übergeben werden. Für das Abrissunternehmen ist es so einfacher. Auf die Bewohner wirkt es wie Schikane.

Der Name Haidemühl geht zurück auf eine alte Mühle, die 1823 erstmals urkundlich erwähnt wurde, aber seine Blüte hatte der Ort der Industrie zu verdanken, erst der Glashütte, dann der Brikettfabrik. Zu besten Zeiten lebten hier um die 1500 Menschen. Als dann die Braunkohle als billiger Energieträger entdeckt wurde, arbeiteten viele Haidemühler auch im nahe gelegenen Tagebau. „Wir alle haben von der Braunkohle gelebt“, sagt Bürgermeister Kiel. Er selbst war 36 Jahre lang dabei, erst in der DDR, nach der Wende bei der Laubag, schließlich beim Nachfolger Vattenfall. Auch seine Tochter arbeitet für die Schweden, sein Sohn hat da gerade seine Lehre abgeschlossen.

„Was ist Heimat?“ fragt Kiel. „Heimat ist ein Stück Erde. Aber davon hat keiner was, wenn es keine Arbeit gibt.“

Trotzdem tut es weh. Niemand verlässt gerne sein Haus – das der Eltern, Großeltern, Urgroßeltern. Niemand fängt gerne von vorne an, wenn er alt ist, wie die meisten in Haidemühl. Besonders weh tut es denen, die das Ganze schon einmal durchgemacht haben. Viele Haidemühler sind gebürtige Gosdaer. In den 60er Jahren sind sie zum ersten Mal vor den Braunkohlebaggern geflohen. Schlimmer trifft die Umsiedlung nur noch ein paar alte Schlesier. Für sie ist es das dritte Mal.

Die Umsiedlung erfolgt nun „nach dem Prinzip des Funktionalersatzes“. Wer ein 150 Quadratmeter großes Haus besaß, darf sich schuldenfrei ein neues in gleicher Größe bauen. Doch das wird nicht alles gewesen sein. Umzugshilfe, Aufwandsentschädigung, Schmerzensgeld – „die haben sehr gut verhandelt“, heißt es bei Vattenfall. „Wir haben viel rausgeholt“, sagt Bürgermeister Kiel trotzig. „Wir lassen uns von keinem reinreden. Von keiner Regierung, von keinem anderen Ort, von keinem Umweltschützer.“

Ein wichtiger Grundsatz der Umsiedlung ist, dass die Haidemühler gemeinsam gehen. Den neuen Standort durften sie sich selbst aussuchen. 16 Gemeinden waren bereit, die Vertriebenen aufzunehmen – über zahlungskräftige Siedler freut sich jeder Bürgermeister. Die Haidemühler haben sich für ein paar grüne Wiesen am Ortsrand von Sellessen entschieden. Sellessen gehört zur Kreisstadt Spremberg und hat einen großen Vorteil: Unter der Erde gibt es keine Braunkohle.

Wer vom alten Standort zum neuen möchte, muss mitten durch den Tagebau, der Großteil führt über Betriebsstraßen von Vattenfall. Kiel grüßt jedes Auto, das das gelb-blaue Logo des Konzerns trägt. Dann beginnt die Mondlandschaft. Bis zum Horizont nur aufgerissene Erde, Leere, Wüste. Monoton fressen sich gigantische Bagger voran. In der Ferne steigt Rauch auf: das Kraftwerk Schwarze Pumpe, in dem die Kohle zu Strom wird. Ein Viertel des Stroms in Deutschland stammt aus Braunkohle, subventionsfrei, importunabhängig.

Am neuen Standort gibt es noch kein Ortsschild, aber bald soll es aufgestellt werden. Weil in Spremberg auch Sorben leben, muss es zweisprachig sein. Wie Haidemühl auf Sorbisch heißt, weiß Kiel noch nicht. Er weiß nur: „Es heißt nicht Neuhaidemühl. Es heißt Haidemühl.“

Trotzdem ist alles neu. Die Straßen, die Einfamilienhäuser, der Sportplatz. Überall frischer Putz, strahlendes Gelb, Rot und Weiß. Keiner hat versucht, die Bauernhöfe oder Bergmannshäuser des alten Dorfes nachzuahmen. Lieber ein modernes Wannenbad als ein Altbau mit Klo auf dem Hof. Am Wegrand stehen junge Bäume, die gerade erst gepflanzt wurden.

Besonders stolz ist Bürgermeister Kiel auf die Turnhalle. „Echtes Europamaß“, erklärt er, „drei Spielfelder.“ Und die Schule, die sei „das Modernste, was zurzeit auf dem Markt ist“. Mit 30 Computern; im alten Haidemühl hätte die Schule aus Kostengründen geschlossen werden müssen. Nun kommen die Eltern aus den Nachbarorten und wollen ihre Kinder anmelden. Der Spielplatz heißt „Platz der Erinnerung“, aber auf dem Friedhof stehen bisher nur Holzkreuze, keine Grabsteine. Die Toten sind gerade erst umgebettet worden. Auch das war ein Ergebnis der Verhandlungen: Früher hatte Haidemühl keinen eigenen Friedhof. Demnächst sollen noch ein Aussichtsturm, ein Teich und ein Springbrunnen entstehen.

Nur einmal die Woche fahren ein paar Haidemühler zurück ins alte Dorf. Zur Kegelbahn. Die neue ist noch nicht fertig.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben