Zeitung Heute : HAVANNA

Havanna, Neujahr 1989: Aus dem Norden naht eine Kaltfront, und Teniente Mario Conde von der Kripo hat einen Kater. Sein Jugendfreund, der perfekte Parteifunktionär, wurde ermordet und entpuppt sich als Betrüger großen Stils. – Frühlingsstürme am Aschermittwoch: Die junge Lehrerin der sozialistischen Eliteschule, die erwürgt wurde, war in Prostitution und Drogengeschäfte verwickelt, die in hohe Parteiränge reichen. – Brütende Sommerhitze im Park: Dass der erstochene Transvestit ein Sohn des Vizeministers ist, macht die Sache nicht einfacher. Da muss wieder Conde ran, trotz aller Zweifel an seiner Linientreue. – Herbst: ein schlimmer Hurrikan und noch ein Toter aus der Nomenklatura. Vor langer Zeit war er für die „Vergesellschaftung“ von privatem Kunstbesitz zuständig, dann machte er nach Florida rüber. Und wollte jetzt noch mal absahnen...

Die vier Bände von Leonardo Paduras „HavannaQuartett“ sind politische, ja systemkritische Romane über die Erstarrung und Erosion des kubanischen Staatssozialismus. Das wäre an sich schon spannend – zumal Padura, geboren 1955, kein Dissident und kein Exilant ist. Als ehemals prominenter Reporter, geschützt durch die internationale Resonanz seiner Bücher, schreibt er immer noch in „seinem Havanna“.

Zum Lesegenuss wird das „Havanna-Quartett“ (soeben als Sonderausgabe neu herausgekommen) aber durch Paduras Erzählkunst, die außergewöhnlich farbig, vital und zugleich literarisch reflektiert ist. Da geht es eben nicht nur um Politik und Morde, sondern um das ganze Leben in seiner Fülle und Armseligkeit: um „Havanna die Schöne“ zwischen Glanz und Zerfall, um eine geopferte Generation zwischen Idealen und Verzweiflung – und um ihre kleinen Fluchten: das Trinken, das Essen, Baseball und Rockmusik. Es geht um Sexualität als Betäubung und um Liebe als Utopie. Und wer Lust hat, darf sich an pfiffigen Anspielungen auf Literatur und populäre Musik erfreuen.

Als „fünfte“ Jahreszeit hatte Leonardo Padura schon in dem kleinen Roman „Adiós Hemingway“ von 2006 die fünfziger Jahre entdeckt, als Havanna noch ein einziges amerikanisches Vergnügungsviertel und der Literaturnobelpreisträger ein lokaler Mythos war. Gerade noch rechtzeitig für den Ferienkoffer erscheint nun der sechste, in Spanien schon preisgekrönte Roman „Die Nebel von gestern“. Und Conde, längst außer Dienst, muss einem mysteriösen Fall aus dem Jahr 1955 – dem Geburtsjahr des Autors – nachgehen.

JOCHEN VOGT

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