Zeitung Heute : „Heben, senken, lenken!“

Wie die Studierenden des Dirigierens neben der Orchesterleitung auch Selbstbewusstsein erlernen

Olga Bobileva
Geben den Takt an. Antonio Méndez und Róbert Farkas können nach ihrem Studium Chöre und Orchester leiten. Foto: M. Heyde
Geben den Takt an. Antonio Méndez und Róbert Farkas können nach ihrem Studium Chöre und Orchester leiten. Foto: M. Heyde

„Jetzt fängt Ihr Kopf wieder an auszusehen wie der eines Fisches unter Wasser!“ Lutz Köhler, Professor für das Dirigieren an der UdK, lächelt Tanel Nurk, 25, an. Der Student atmet tief durch, versucht zu entspannen, setzt seinen Taktstock an und beginnt von Neuem, das Spiel seiner Mitstudenten am Flügel vom Podest aus zu dirigieren. Die Bewegungen des Esten sind federleicht und grazil, seine Arme schwingen sanft hin und her, die Finger der linken, freien Hand sind leicht geöffnet zu Mendelssohns „Sommernachtstraum“.

Tanel ist Mitglied der elfköpfigen Dirigentenklasse an der Universität der Künste Berlin, die internationaler kaum sein könnte: Israel, Spanien oder Südkorea sind nur einige Länder, aus denen die Studierenden stammen. Sie alle haben einen gemeinsamen Traum: ein erfolgreicher Dirigent zu werden. Unter einem harten Auswahlverfahren haben sie sich einen Studienplatz erkämpft und erlangen in acht Semestern ihren Abschluss.

Nach Tanel ist nun Róbert Farkas, 29, an der Reihe, seine Kommilitonen zu dirigieren. Sein Taktstock senkt und hebt sich energisch, dynamisch und staccatoartig zur Musik Gustav Mahlers. Ab und an wird er durch Professor Köhler unterbrochen und verbessert. „Sie sind in den Schultern zu fest“, ruft er ihm zu. „Sie wissen doch wie es geht: Heben, senken, lenken, kürzen!“

Diesen Sommer werden Róbert und sein spanischer Studienkollege Antonio Méndez, 27, ihre Diplomprüfung ablegen. Gemeinsam werden sie die Berliner Symphoniker dirigieren und Werke Gustav Mahlers, Schuberts und Dvóraks zum Besten geben. In den vier Jahren ihres Studiums haben die beiden nicht nur die Theorie der Musikwissenschaft, italienische Sprache und die Praxis des Dirigierens erlernt, sondern auch Selbstbewusstsein, Körperbeherrschung und psychologisches Geschick ausbauen können. „Wer vor einem Orchester bestehen möchte, braucht all diese Qualitäten, neben großer innerer Kraft“, so Professor Köhler. „Dirigent zu sein bedeutet nicht nur, ein Orchester zu leiten. Man ist gewissermaßen auch Politiker, muss 200 Menschen anleiten können.“

Einzelunterricht gibt es beim Dirigier-Studiengang weniger. Stattdessen Gruppenunterricht inklusive offener Kritik, die bei den Studierenden auf Zustimmung stößt: „Eben dadurch lernen wir voneinander“, sagt Antonio. Eine weitere Besonderheit des Dirigier-Studiums liegt in den Fahrten nach Wernigerode im Harz, die drei Mal im Jahr stattfinden. Auf der mehrtägigen Exkursion haben die Studierenden die Möglichkeit, ein Kammerorchester zu dirigieren.

Der Berufswunsch Dirigent ist unter Musikern nicht außergewöhnlich. Bei Antonio entstand er, als er mit 16 Jahren Sir Simon Rattle im Fernsehen sah. „Ich war und bin begeistert, dass es einem Dirigenten möglich ist, 200 Musiker zu leiten.“ Darin liege für ihn die Faszination. Volljährig begann Antonio sein Studium der Komposition und des Dirigierens in Madrid. Alsbald wechselte er an die UdK und bewarb sich um Förderung. Sein Fleiß und Talent zahlten sich aus: Das Dirigentenforum des Deutschen Musikrats unterstützt und ermöglicht ihm bis heute die Teilnahme an Meisterkursen sowie kleine Engagements. Weil er seine Ausbildung weiter intensivieren möchte, wird Antonio nach seinem Bachelorstudium den Master im Dirigieren an der Musikhochschule Weimar anschließen.

Sein Kommilitone Róbert hingegen, der in Ungarn Klavier und Chorleitung studiert hat und „Musikmachen als Sinn des Lebens“ sieht, möchte nach seinem Abschluss als Korrepetitor mit Dirigentenverpflichtung in einem Opernhaus arbeiten und gleichzeitig an Wettbewerben teilnehmen. Róbert erklärt: „Nicht eine Weltkarriere hat für mich Priorität, sondern, dass ich an schönen, klangkünstlerischen Projekten teilhaben kann.“

Die zwei jungen Dirigenten schauen zufrieden auf ihre Studienzeit an der UdK zurück. Sie haben viel theoretisches wie praktisches Wissen vermittelt bekommen. Besonders durch Lutz Köhlers spezielle Unterrichtsmethoden, das Aufzeigen ihrer Schwächen, das Herauskitzeln ihrer besten Eigenschaften und durch den Mut zur Selbstreflektion haben sie gelernt, ein gestandener Dirigent zu sein, und ihre Individualität weiter ausgebaut. Antonio und Róbert wissen, dass „es mehr Dirigenten gibt, als die Welt braucht“. Doch schauen sie trotzdem optimistisch in die Zukunft, denn es gibt noch „Unmengen an Musikstücken zu dirigieren“.

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