Zeitung Heute : Hedge Fonds: Vom Zockerpapier zum alternativen Investment

Finanzminister Eichel will Deutschland zum „Hedge-Fonds-Land“ machen. Auch das EU–Parlament denkt über eine Förderung der Derivate-Idee nach

Udo Rettberg

Derivate und Hedge Fonds beschäftigen auch die große Politik. Nachdem Bundesfinanzminister Eichel in Deutschland eine Initiative startete, mit der Deutschland zum „Hedge-Fonds-Land“ werden soll, wird jetzt auch in Brüssel über die Förderung dieser neuen Instrumente nachgedacht.

Im Hinblick auf die unterschiedliche Einschätzung von Derivaten in der Öffentlichkeit nimmt der Ausschuss für Wirtschaft und Währung des Europäischen Parlaments eindeutig Stellung. Es gebe Behauptungen, wonach Derivate und Hedge Fonds zu den starken Kursfluktuationen während der vergangenen drei Jahre beigetragen hätten. Andererseits werde argumentiert, diese Produkte brächten Stabilität in die Märkte. „Der Ausschuss vertritt im Großen und Ganzen die Auffassung, dass Hedge Fonds und Derivate zur Effizienz und selbstständigen Gleichgewichtsfindung an den Finanzmärkten beitragen und dass die bestmögliche Option darin besteht, auf einem frei beweglichen Markt mit fast harmonisierten Grundregeln nur ein geringes Maß an Regulierung anzuwenden“, so das abschließende Urteil.

Mit diesem Tenor hat der Ausschuss den Abgeordneten vor kurzem eine Ausarbeitung über die Zukunft von Hedge Fonds und derivativen Finanzinstrumenten vorgelegt. Im Hinblick auf Hedge Fonds kommt der Ausschuss zu der Auffassung, dass diese alternative Investmentmöglichkeiten zur Verfügung stellen, bei denen im Bestreben, unter allen Marktbedingungen absolute Renditen zu erzielen, komplexe Techniken – unter anderem Derivate – angewandt werden. Diese würden jedoch auch das Risiko erheblicher Verluste bergen.

Im Hinblick auf derivative Finanzinstrumente weist der Ausschuss darauf hin, dass diese in zunehmendem Maße in Anlageprodukten verwendet würden, zu denen die Öffentlichkeit Zugang habe. Derivate würden ein Mittel zur Beschränkung des Risikos darstellen und gleichzeitig die Möglichkeit bieten, spekulativ Risiken einzugehen. Es sei daher unerlässlich, dass dieses Risiko sowohl hinsichtlich der Gefahren für Einzelpersonen als auch der Systemrisiken für das Finanzsystem ordnungsgemäß beaufsichtigt und kontrolliert werden müssten.

Insbesondere die Verbreitung von Kreditderivaten sei als besonders Besorgnis erregend anzusehen. Kreditderivate könnten die Identität desjenigen verschleiern, der letztendlich das Risiko trage. Zudem bestehe auch die Gefahr, dass das wahre Ausmaß des globalen „Leverage“ – also der Hebelwirkung von Derivaten – durch den Einsatz von Krediten verschleiert werden könnte. Der Ausschuss weist darüber hinaus auf das Risiko hin, dass OTC-Derivate (an der Öffentlichkeit vorbei im Freiverkehr direkt zwischen Banken gehandelte Derivate) auf den Finanzmärkten einen gefährlichen Überhang bilden könnten. Die Gültigkeit von Derivaten hänge von der Gewissheit der vollständigen Abrechnung zum Zeitpunkt der Fälligkeit und damit von der Kreditwürdigkeit und der Fähigkeit der letztendlichen Gegenparteien ab, Verpflichtungen nachzukommen. Diese Verpflichtungen könnten sich – ohne wirklich wahrgenommen zu werden – auf gefährliche Weise akkumulieren. Zahlreiche hochkomplexe Derivate könnten illiquide sein und die Inhaber könnten dann in Schwierigkeiten geraten, Positionen abzuschließen oder zu bewerten. „Dies insbesondere dann, wenn sich die Marktbedingungen als schwierig erweisen“, warnt der Ausschuss. Derivate könnten sich zu einem allgemein üblichen Mechanismus im Finanzmanagement von Investmentgesellschaften und kleineren Banken entwickeln, die möglicherweise nicht über die notwendige Kompetenz verfügten, wenn es darum gehe, ihr Risiko zu kontrollieren. Ein weiteres Risiko sehen die Ausschuss-Mitglieder darin, dass in diesem Bereich, der sich schnell entwickelt und ständiger Veränderung unterworfen ist, auch die Sachkenntnis in den Aufsichtsbehörden oftmals nicht ausreiche. Finanzderivate würden in unterschiedlichen Formen an Kleinanleger vermarktet. Daher sollten sie der Aufsicht durch die nationale Regulierungsbehörde für den Finanzbereich unterliegen.

Der Ausschuss des Europäischen Parlament erinnert die EU-Kommission mit ihrem Papier daran, dass sie gemäß der endgültigen Fassung von Artikel 2 der Richtlinie 2001/108/EG bis zum 13. Februar 2005 einen umfassenden Bericht über diesen Anlagebereich zu erstellen habe. „Angesichts des zunehmenden Interesses der Anleger sollte dies bereits viel früher geschehen“, lautet die konkrete Empfehlung des Ausschusses. Anlegern, die über gewisse Kenntnisse in diesem Bereich verfügen, sollte der Zugang zu Hedge Fonds ermöglicht werden. Zu gegebener Zeit sollte dies dann auch auf Kleinanleger ausgedehnt werden, zeigt sich der Ausschuss für Fachleute überraschend liberal.

Die Kommission fordert dazu auf, bei der Erstellung neuer oder der Änderung bestehender Richtlinien, die die Finanzdienstleistungen betreffen, besonderes Augenmerk auf derivative Finanzinstrumente zu richten. Gemeinsam mit nationalen und supranationalen Institutionen solle ein Instrument zur Messung und Beobachtung der globalen Exponierung durch Derivate und insbesondere durch das akkumulierte Kreditrisiko (einschließlich des Abrechnungsrisikos) von Kreditderivaten auf den Weg gebracht werden.

Bei Derivaten fragen die Regulierungsbehörden zunehmend, ob ausreichende Informationen über die zugrunde liegenden Vermögenswerte zur Verfügung stehen, ob sich die Kleinanleger bewusst sind, wie das Produkt auf Veränderungen am Markt reagiert, ob der Preis des Produkts korrekt ermittelt wird und ob die Werbung auf Kleinanleger zugeschnitten ist. „Bildung und klare Information müssen der Schlüssel dazu sein, um den Anlegern die Fähigkeit zu vermitteln, die Risiken zu verstehen, mit denen solche Produkte behaftet sind. Berater, Investmentmanager, Mitarbeiter in den Kreditabteilungen und Buchhalter sollten diesbezüglich in den Prüfungen zur Erlangung ihrer Qualifikation getestet werden“, so die konkrete Empfehlung.

Zudem gibt es Bedenken hinsichtlich der Systemauswirkungen, die Derivate und Hedge Fonds über das Marktrisiko, das operationelle Risiko und das Kreditrisiko auf die Finanzmärkte haben können. Die Regulierungs- und Bankaufsichtsbehörden sollten nach einer Empfehlung des Ausschusses Möglichkeiten entwickeln, wie sie solche akkumulierten Systemrisiken bewerten und sich darüber austauschen können.

Derivate könnten ein hohes Risiko aufweisen, wenn keine angemessene interne Risikokontrolle erfolge. Marktteilnehmer wie Unternehmen und Einzelpersonen, die nicht in diesem Maße an ein solches Umfeld gewöhnt sind, könnten schlechter in der Lage sein, mit diesen Bedingungen umzugehen, was das Risiko unvorhergesehener und nicht ausgleichbarer Verluste bergen könne. Die für die Rechnungslegung zuständigen Regulierungsbehörden sollten im Kontext international anerkannter Rechnungslegungsstandards das erforderliche System bezüglich der Berichterstattung im Rahmen der Rechnungslegung von Unternehmen umsetzen.

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