Zeitung Heute : Hefeweizen mit Heavy-Metal-Geschmack

Immer mehr kleine Brauereien versorgen die Hauptstadt mit Gerstensaft. Die Kunden schätzen die guten Produkte und lassen sie sich einiges kosten.

Michael Pöppl
Foto: PantherMedia /

Dass Berlin im 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts eine der größten Biermetropolen Europas war, erkennt man noch an den riesigen alten Fabrikgebäuden. Mehr als 200 Brauereien gab es in der Hauptstadt des Kaiserreichs. Manche, wie die Kulturbrauerei, haben als Veranstaltungsorte eine neue Funktion gefunden, andere, wie die Schultheiss-Brauerei in Kreuzberg, wurden in schicke Wohn- und Gewerberäume umgewandelt.

Ein backsteinerner Zeuge der Brauereigeschichte findet sich auch im Rollbergviertel in Neukölln: Wie eine gotische Kathedrale wirkt die Kindl-Brauerei von außen. Ein Schweizer Investorenpaar will sie in den kommenden Jahren in ein Kunst- und Kulturzentrum umwandeln. Im Keller unter den denkmalgeschützten Kupferkesseln wird wieder Bier gebraut, seit 2009 existiert die „Privatbrauerei am Rollberg“. Zwischen Maischbottich und hohen silberglänzenden Braukesseln geht Wilko Bereit hin und her, überprüft Temperatur und Druck, dazu dröhnt Musik. „Mein Bier ist hauptsächlich von Rock’n’Roll, Punk und Heavy Metal geprägt“, sagt der junge Neuköllner Braumeister und lacht dabei.

Nur noch 20 Brauereien gibt es heute in der Hauptstadt, wo drei Millionen Hektoliter Bier jährlich getrunken werden. Marktführer mit mehr als 90 Prozent der Braumenge ist die Berliner-Kindl-Schultheiss- Brauerei, im Besitz der Radeberger Gruppe, die seit 2006 in Hohenschönhausen sieben der bekanntesten Berliner Marken produziert. „Dort wird natürlich der Löwenanteil des hiesigen Bieres gebraut“, sagt Olaf Hendel von der Versuchs- und Lehranstalt für Brauerei in Berlin e.V. (VLB). Der Leiter der PR- und Verlagsabteilung des Vereins, der eng mit der TU Berlin zusammenarbeitet, kennt den Markt sehr gut. Der Anteil der anderen kleinen Brauereien am Gesamtumsatz sei zwar gering, ihre Zahl habe sich in Berlin aber seit 2008 fast verdoppelt. „In dieser Zeit sind neun neue Mikrobrauereien gegründet worden. Das ist inzwischen ein echter Megatrend. Die meisten sind Gasthausbrauereien, die direkt verkaufen.“

Der Boom um das „Craft Beer“ habe in den USA begonnen, die „Microbreweries“ hielten dort inzwischen immerhin sechs Prozent Marktanteil, sagt Hendel. „Craft Beer“, handwerklich geprägtes Bier, produzieren unter anderem das Eschenbräu in Wedding, die Brauerei am Südstern, das Brauhaus in Spandau, Hops & Barley in Friedrichshain, das Brauhaus Lemke in Mitte mit seiner Filiale am Schloss Charlottenburg – sie alle gehören zu bekannteren Mikrobrauereien in der Hauptstadt.

Eine der ersten Gasthausbrauereien war das Georgbräu im Nikolaiviertel, das seit 1991 eigenes Bier produziert. Hier hat auch Wilko Bereit gelernt, worauf es ankommt. Nicht nur beim Brauen. Er verkauft sein Rollberger vor allem direkt an die Gastronomie, aber immer wieder schenkt er gemeinsam mit Geschäftspartner Nils Heins auch an Ort und Stelle aus: „So erfahre ich sofort, wie unsere Arbeit ankommt. Die Gäste freuen sich, wenn sie gutes Bier trinken und ich freue mich, wenn es ihnen schmeckt.“

18 000 Hektoliter Bier braute die Privatbrauerei im Jahr 2012, noch vor drei Jahren waren es gerade mal 3500. „Die Nachfrage nach handwerklich guter Ware und nach Produkten aus der Region ist allgemein gestiegen – natürlich auch beim Bier“, sagt Bereit. Die Mikrobrauereien und ihr besonderes Angebot locken auch ein jüngeres, bewusster konsumierendes Publikum an, das gerne Neues probiert, weiß Olaf Hendel von der VLB. „Da gibt es durchaus Parallelen zum Wein: Diese Verbraucher sind bereit, für außergewöhnliche Produkte und das Besondere auch mehr Geld auszugeben.“

„Die Qualität der Zutaten und der bewusste Umgang mit den Ressourcen sind mir enorm wichtig“, sagt Wilko Bereit. Gerste und Hopfen, die er verwendet, stammen größtenteils aus dem Ökolandbau. Doch nicht alles ist in Bioqualität lieferbar. Dazu kommt: Die Rollberg-Brauerei soll nicht zu schnell wachsen, damit die Qualität weiter garantiert werden kann. So braut Bereit auch nur vier Biersorten: das leichtbittere Helle nach Pilsener Art, ein obergäriges Hefeweizen, einen saisonal wechselnden Bock und das sehr süffige „Rollberg Rot“ mit zwölf Prozent Stammwürze. „Das ist das Bier mit dem wir auch Nicht-Bierfans, vor allem auch die Frauen, überzeugen können“, sagt Rollberg-Geschäftsführer Nils Heins.

Ihre Kunden gewinnt die kleine Brauerei hauptsächlich übers Internet und durch Mund-zu-Mund-Propaganda. Inzwischen beliefert sie rund 50 Lokale in Berlin und Brandenburg, von Neuköllner Kiezkneipen wie dem „Lange Nacht“ bis zur schicken „Weinbar Rutz“ in Mitte. Auch das mehrfach ausgezeichnete „Hotel zur Bleiche“ im Spreewald serviert in seinem Sterne-Restaurant Rollberger. „Wir gucken uns genau an, welche Lokale zu uns passen“, sagt Heins. Manche Anfragen lehnen die Neuköllner deshalb auch einfach ab. Michael Pöppl

Mehr Informationen im Internet:

www.rollberger.de

www.vlb-berlin.org (mit einer Liste aller Berliner Brauereien)

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