Zeitung Heute : Hegel und die große Freiheit

Wie Mexikaner Berlin erleben – und von der Heimat träumen

Yaotzin Botello

Olivia sitzt an einem Tisch im Literaturhaus, ihr Kaffee dampft, sie schaut durch das große Fenster auf den Garten. Sie genießt ihre neue Pünktlichkeit. Zur Begrüßung sagt sie: „Heute bin ich zum ersten Mal zu früh da.“ Sie war so pünktlich, dass sie ihren Lieblingstisch in dem Café an der Fasanenstraße bekommen hat. In Mexiko kam Olivia immer zu spät, so wie alle Leute in Mexiko zu spät kommen. Ihr Zeitgefühl ist nicht das Einzige, was sich in Berlin verändert hat.

Als sie vor einem Jahr in die Stadt kam, trug sie Absatzschuhe, die sie auch als Waffen hätte einsetzen können, viel Make-up und eine Frisur wie von Udo Walz. An diesem Morgen trägt sie flache Schuhe, Jeans, eine weite Bluse, sie bindet sich ihre Haare während des Gesprächs zum Zopf und löst sie wieder. Außerdem ist sie mit dem Fahrrad gekommen, sie fällt nicht mehr um, wenn sie fährt, so wie es ihr am Anfang manchmal passiert ist.

974 Mexikaner leben in Berlin, das ist die aktuelle Zahl des Statistischen Bundesamts, vielleicht sind es noch ein paar mehr, die sich nicht ordnungsgemäß angemeldet haben. Aber riesig ist die mexikanische Gemeinschaft in Berlin nicht. Mexiko ist ein Auswanderungsland, aber die meisten Leute, die es verlassen, suchen Arbeit und Glück in den USA. Wenn Mexikaner nach Europa gehen, dann lieber nach Spanien. Die deutsche Sprache ist schwer, das Wetter in Deutschland meist schlecht – wer hierher kommt, braucht einen guten Grund. Meist ist es die Liebe, oder ein Studienplatz, die deutschen Unis haben in Mexiko einen guten Ruf.

Nach Berlin kommen einige Mexikaner aber auch wegen: Berlin. Olivia ist eine von ihnen, und sie ist eher zufällig in der Stadt gelandet, aber sie passt ziemlich gut hierher. In das neue, moderne Berlin, die Stadt, die jeden Tag neu entsteht. In der man ein Berliner werden kann und dennoch – kann man das noch sagen, in diesen Tagen? – sein eigenes Gen behalten darf.

Die eigene Art, zu leben, so wie Olivia, 35, die als Journalistin für ein Gourmet-Magazin schreibt, aber auch Babysitter ist, Catering-Chefin und Expertin für komplizierte Situationen. So wie Joaquín, der Zeitungen ausgetragen hat, bevor er eine der ersten mexikanischen Taquerías in Berlin eröffnete. Oder so wie Enrique, der in Berlin lebt, weil Hegel in Berlin gelebt hat und weil er hier Doktor der Philosophie werden will.

Olivia floh vor der Gewalt in Mexiko-Stadt. „Da werde ich nie wieder leben“, sagt sie, nicht einmal, sondern immer wieder an diesem Morgen. Mexiko-Stadt hat sie fertiggemacht. Siebenmal wurde Olivia überfallen. Einmal saß sie am Ende auf dem Boden in ihrer Wohnung, mit dem Telefonkabel an ihre Mutter gefesselt. „Die haben alles mitgenommen an diesem Tag, sogar meinen Uni-Rucksack“, sagt sie. Als sie den Entschluss gefasst hatte, Mexiko zu verlassen, dachte sie an München, aber da kannte sie niemanden. Außerdem war in Bayern alles ziemlich teuer.

In Berlin gab es alles für die Hälfte, und Freunde von Freunden waren schon da. In Berlin reichte Olivias Geld trotzdem oft nicht. Partys, Klamotten, Restaurants, Reisen, sie liebt das gute Leben. „In manchen Wochen musste ich dann mit zehn Euro auskommen“, sagt sie. Egal, es war Berlin, es war ihr eigenes Leben. Viele Mexikaner wohnen noch mit Mitte dreißig bei ihren Eltern, auch wenn sie endlich ausziehen, sind die Eltern immer da. Olivia hatte darauf keine Lust mehr. Sie brauchte einen Ozean Abstand.

In Berlin arbeitete sie als Babysitter. In Mexiko war sie Restaurantkritikerin bei einer großen Zeitung gewesen. Aber sie schaffte es auch, ein Gourmet-Magazin davon zu überzeugen, sie als Europa-Korrespondentin zu beschäftigen, sie gibt Kochkurse und ist dabei, einen Catering-Service aufzubauen.

Wenn sie nicht selber kocht und richtige Tacos essen will, den Lieblingssnack aller Mexikaner, das Sehnsuchtsessen aller Mexikaner in Berlin, kleine Maisfladen mit Fleisch und scharfen Soßen, geht sie manchmal ins Tá Cabrón in Kreuzberg.

Das kleine Restaurant gehört Joaquín Robredo, vor knapp einem Jahr hat er es aufgemacht. Er steht an diesem Mittag in der offenen Küche, alles um ihn herum bewegt sich. Zwei Männer pressen Maisteig zu Tortillas, an einem Tisch können sich ein paar Deutsche nicht zwischen Nachos und Tacos entscheiden, ein paar laute Spanier sind da, die Mexikaner sitzen im Laden wie die türkischen Männer in ihrem Club ein paar Häuser weiter. „Die Leute fühlen sich hier zu Hause, ist doch gut“, sagt Joaquín. Joaquín ist 35 und kommt aus Sinaloa, einem Bundesstaat im Norden von Mexiko. Als er nach Berlin kam, dachte er nicht daran, ein Restaurant zu eröffnen, aber jetzt läuft es so gut, dass er über einen zweiten Laden nachdenkt.

Eigentlich wollte er einen Master machen, in Rechtswissenschaften, das war sein Plan im September vor sieben Jahren. Allerdings musste er dafür erst Deutsch lernen, und das war komplizierter, als Joaquín erwartet hätte.

Aus dem Masterstudium wurde nichts, aber Joaquín heiratete die Frau, für die er nach Berlin gekommen war, bekam zwei Töchter, er trug im Morgengrauen Zeitungen aus, arbeitete in einem Callcenter und als Kellner.

Wie viele Mexikaner, die vor Jahren nach Berlin gekommen waren, stellte auch Joaquín schmerzlich fest, dass er in dieser Stadt kaum richtiges mexikanisches Essen finden konnte. Es gab mal ein, zwei Restaurants in Charlottenburg, aber die machten irgendwann zu, sie waren auch eher schick. Das wollte Joaquín nicht. Und auf keinen Fall wollte er einen dieser Läden, in denen pakistanische Kellner Tex-Mex-Küche und bunte Cocktails verkaufen und in denen zu viele Palmen stehen – von den künstlichen. Er wollte eine einfache Taquería, wie es sie in Mexiko in jeder zweiten Straße gibt, „es sollte so aussehen wie zu Hause bei meiner Oma“. Er strich die Wände mit warmen Farben, in die offene Küche legte er Fliesen, in den Gastraum stellte er Holztische.

„Tá Cabrón“ heißt sein Laden, das ist kaum zu übersetzen, ein Alltagsspruch im mexikanischen Spanisch, „es ist verdammt hart“, könnte es heißen. Manchmal ist das auch bewundernd gemeint. Es ist ein Name, der zu Berlin passt.

Joaquín hat übrigens nicht vor, für immer in der Stadt zu bleiben. Dort, wo er herkommt, ist der Strand nicht weit. Dort will er wieder leben. Eines Tages, mit seiner deutschen Frau, seinen Töchtern. Wenn man ihm mit den Stränden an der Spree kommt, lacht er ziemlich laut. „Ich brauche einen Strand, an dem Kokosnüsse von den Palmen fallen und die Langusten frisch aus dem Meer kommen“, sagt er, und, klar, 45 Grad im Schatten.

In einer Kneipe am Savignyplatz, die „Dicke Wirtin“ heißt, sitzt Enrique García de la Garza, das Licht ist schummerig, der Stuhl knarzt, wenn Enrique sich bewegt. Die beiden Deutschen am Nachbartisch sehen aus, als gehörten sie zur Einrichtung. Enrique ist 31, kommt aus Monterrey, das ist auch im Norden von Mexiko, und ist Philosoph. Für ihn heißt das, dass alles mit allem zu tun hat.

Er erzählt von Yoko Ono, die er mal in Mexiko traf und die er gerade in Berlin interviewt hat. Er erzählt von der Kassiererin im Penny Markt und von dem chinesischen Passagier im ICE. Er erzählt, wie er vor ein paar Tagen von einem bewaffneten Überfall geträumt hat, so wie sie in den Nachrichten dieser Tage ständig vorkommen. Den Nachrichten aus Mexiko.

Enrique kommt aus einem Dorf, San Pedro Garza García, das für die Drogenbosse berühmt ist, die auch von dort kommen. „Entschuldigung“, ruft er zur Theke in Berlin, er will einen Whisky mit Cola.

Enrique interessiert sich nicht für das neue Berlin, sondern für das alte. Er ist in die Stadt gekommen, um zu sehen, was sie ihm geben kann. Um Hegel zu suchen und die Philologen des 19. Jahrhunderts der Universitas Berolinensis.

Um hier Doktor der Philosophie werden zu können, musste er einen Mastertitel einer bestimmten mexikanischen Universität vorweisen. Und er musste die Sprache beherrschen, Deutsch. Aber bei Enrique schien es wie in einem dieser Märchen zu sein, in denen man von etwas träumt und am Morgen mit dem Gefühl aufwacht, es zu besitzen.

Sein liebstes Wort in der deutschen Sprache ist „unterwegs“. Enrique hat sich in Berlin in Enrique G de la G verwandelt, unter diesem Namen schreibt er jetzt, in einem Blog, in dem seine Gedanken wie ein Wasserfall fließen, in den Zeitungen und Zeitschriften, bei denen er Praktika macht. Für Kunst interessiert er sich gerade sehr. Clärchens Ballhaus in der Auguststraße mag er, dort ist es „wie auf einer großen mexikanischen Hochzeit“. Für Joaquín, den Gastwirt, der vom Meer träumt, ist das Leben in Berlin manchmal zu schnell, „es braust durch die Stadt wie ein Zyklon“, sagt er.

Olivia, die in Berlin ihre hohen Absätze verloren hat und ihre Angst, findet, dass Berlin vor allem eins ist: eine saubere und dennoch freie Stadt. Eine gute Mischung, findet sie. Ihre liebstes deutsches Wort ist „genau“.

Der Autor ist Deutschland-Korrespondent der mexikanischen Tageszeitung „Reforma“

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