Zeitung Heute : Heidelbeerkuchen am Polarkreis

Angeln, Wandern, Staunen: Helgeland ist ein Naturjuwel im Norden Norwegens – leider fahren Touristen oft daran vorbei

Hella Kaiser

E-Mail hin, SMS her, von manchen Orten muss man einfach eine Ansichtskarte schicken. Und so gehen am Polarkreiscenter auf dem unwirtlichen, flachen Bergrücken Saltfjell rund 200 000 Karten in der Saison über den Ladentisch. „I have crossed the Artic Circle“ ist darauf gedruckt, und selbstverständlich gibt’s auch einen Sonderstempel auf die Briefmarke. Der hausgemachte Heidelbeerkuchen in der Caféteria tröstet darüber hinweg, dass sich ein besonderes Gefühl an diesem besonderen Ort nicht einstellen will. Da kann man hin- und herhüpfen wie man will, die Trennlinie zwischen Polarzone und gemäßigter Zone ist nicht zu spüren. „Kommen Sie am 21. Juni“, sagt eine Angestellte, „dann erscheint die Sonne pünktlich um 24 Uhr am Horizont.“

Dabei macht das Polarkreisgebiet Helgeland in Nordnorwegen auch sonst viel Spaß. „Die Touristen wollen immer hoch zu Lofoten“, bedauert der norwegische Tourbegleiter Tare Steiro. „Die Leute ahnen nicht, dass es bei uns viel schöner ist – und preiswerter dazu. Und weil sich das noch nicht herumgesprochen hat, kennt kaum jemand außerhalb Norwegens Tares Wohnort Mo i Rana. Dabei hat die Stadt 17 830 Einwohner und ist damit die drittgrößte in Nordnorwegen. Wahr ist aber auch: Mo i Rana ist keine Schönheit. Ein Bombenangriff der Deutschen im Mai 1940 hatte fast die gesamte Stadt in Schutt und Asche gelegt. In Beton und grauem Stein, offenbar ohne Beteiligung von Architekten, wurde sie in den 50er Jahren wieder aufgebaut und verwandelte sich bald in die größte Stahlküche des Landes.

Tare findet Mo i Rana perfekt. Denn von hier aus erschließe sich ein atemberaubendes Landschaftsgebiet, ein ideales Terrain fürs Wandern und Fischen. „Wir Norweger wollen doch sowieso nur draußen sein“, sagt er lächelnd. Und hebt als Wert hervor, dass es sechs große Läden für Outdoorsportbedarf am Ort gibt.

Wenige Kilometer nordöstlich von Mo i Rana beginnt der Saltfjell-Svartisen-Nationalpark. Im Osten reicht er bis an die schwedische Grenze und ist mit 2100 Quadratkilometern Ausdehnung einer der größten Norwegens. Die gut beschilderten Wege im Innern führen durch wilde Täler und Wälder und an brausenden Wasserfällen und tiefen Höhlen vorbei. Hin und wieder ist eine wacklige Hängebrücke zu überqueren. Wem das nicht abenteuerlich genug ist, der schippert zum Fuß des rund 1600 Meter hohen Svartisengletscher, dorthin, wo das blaukristallene Eis in den mintgrünen See Svatisvan zu wachsen scheint. Ein Denkmal aus der Eiszeit, das vielleicht bald schrumpfen wird.

Nordnorwegen hat 240 000 Einwohner – und kein einziges Kunstmuseum. „Ein Skandal“, sagten sie in Oslo und initiierten 1992 ein Skulpturenprojekt für die große Provinz. 33 Kunstobjekte, darunter auch der „Hafenmann“ in Mo i Rana, stehen nun in der Landschaft. In der Nähe der Küstenstadt Bodø etwa hat der Isländer Kristjan Gudmundsson seinen „Protractus“ aufgestellt. Eine Art Tor auf einem Felsplateau, durch das man den eisblauen Fjord fokussieren kann. Zum Entsetzen von Tare finden einige Besucher das Kunstwerk interessant. „Hier hat keiner was für diesen Unsinn übrig“, brummelt er. Und dass sie sich in Oslo ohnehin nur Albernheiten ausdenken und nichts wüssten vom harten Leben im Norden. Die Kunst wird hier auch sonst auf eine harte Probe gestellt. Wie soll sie sich behaupten angesichts der grandiosen Natur rundherum? Gegen die kühne Fjordlandschaft, die zerklüfteten Felsgebirge und die rasenden Wolkenfetzen am Himmel kann kein Menschenwerk bestehen.

Zwei Kinder haben vor Jahren auf einem Felsvorsprung auf der Insel Gjerdøya eine rostige Badewanne nebst ausgedienter Toilette gehievt. „Auch Kunst“, sagt Tare grinsend und erzählt mit diebischer Freude, dass diese „Objekte“ mehr als alle anderen fotografiert werden. Künstler haben es hier schwer, auch solche, die am Herd stehen. In Bodø oder Mo i Rana gibt es inzwischen einige Restaurants mit ambitionierten Köchen. Aber was sollen sie machen mit Gästen wie Tare? Der Familienvater starrt auf den schön angerichteten Fisch auf seinem Teller und erklärt: „Kein normaler Norweger würde im Lokal einen Fisch bestellen. Den angelt er doch selbst.“

Und er beeilt sich während jeder Busfahrt entlang der Fjorde ein ums andere Mal auf gute Fischgründe hinzuweisen und preist die norwegische Freizügigkeit: „Touristen brauchen keinen Angelschein, um einen Salzwasserfisch an Land zu ziehen.“

Manche Experten halten diesen Küstenabschnitt für den schönsten der Welt. Aber es stehen auch Bollwerke darauf. Die einstige Heeresküstenbatterie Grønsviken zum Beispiel, eins von 350 Forts der „Festung Norwegen“, die die deutsche Wehrmacht gebaut hatte. Zwischen 1940 und 1944 wuchs der „Atlantikwall“, eine Verteidigungslinie von der französisch- spanischen Grenze bis zur finnischen Eismeerküste. Grønsvik entstand 1942. Hitler war überzeugt, dass Norwegen das „Schicksalsgebiet des Krieges“ war.

Im Durchschnitt waren in Grønsviken bis zu 200 Soldaten stationiert. Für die Bauarbeiten der Festung wurden russische und polnische Kriegsgefangene eingesetzt. Im Innern des restaurierten Bollwerks hängen Schwarz-Weiß-Fotos. Da sieht man, dass die bloßen Füße der Gefangenen – im tiefsten Winter – nur in Holzschuhen steckten. Die Polen wurden besser verpflegt als die Russen, aber auch ihnen reichte das bisschen Essen nie zum Sattwerden. Die Einheimischen, so ist belegt, steckten den Zwangsarbeitern Lebensmittel und Kleidung zu. Ihre Haltung zu den Deutschen war indes ambivalent. Einerseits hassten sie Besatzer, andererseits durften sie sich im Krankenrevier der Festung, etwa vom Zahnarzt, kostenlos behandeln lassen.

Die Welt in Nordnorwegen ist friedlich geworden. Wenn man in Mo i Rana die gut ausgebaute Landstraße E 12 nimmt, ist man in einer knappen Stunde in Schweden. Und je näher man dem Nachbarland kommt, umso sanfter und lieblicher wird die Landschaft. Die Berge weichen zurück, Seen breiten sich aus. Tare erzählt einen Witz: „Bei uns ist alles schöner als in Schweden, aber die haben etwas, was wir nicht haben.“ Und das wäre? „Gute Nachbarn“, ruft Tare und klopft dem schwedischen Begleiter Hans-Peter lachend auf die Schulter. „Den Witz haben wir auch, bloß andersrum“, sagt Hans-Peter gelassen. Beide haben indes erkannt: Zusammen läuft es besser als allein. Und so empfiehlt Tare den schwedischen Flughafen Tärnaby – Hemavan. Da könne man sich auch günstig ein Auto mieten – und schnurstracks nach Norwegen fahren. Zum Saltstraumen etwa. Es ist der stärkste Gezeitenstrom der Welt. Alle sechs Stunden werden hier durch eine 150 Meter breite Meerenge 400 Millionen Kubikmeter Wasser gepresst. Von einer Brücke aus kann man zu den wilden Strudeln hinabschauen und weiß: Wer hier hineinfällt, taucht nie mehr auf. Tare aber jubelt: „Dorsche, Seelachs, Heilbutt, hier beißt alles an.“ Und sieht wieder wie ein rundum glücklicher Norweger aus.

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