Zeitung Heute : Heidis heimliche Leidenschaft

MEIN KLASSISCHES LEBEN

Christine Lemke-Matwey

Jetzt herrscht sie also wieder, die „stade“ Zeit, wie der Bayer sagt. Die Rilke-Zeit, die Zeit für Traurigkeiten wie Schuberts spätes Streichquintett oder Mehrstimmiges von Orlando di Lasso. Und die Zeit, natürlich, in der der Berliner alles, was irgend leuchten, blinken, wackeln und elektrisch Feuerräder schlagen kann, an seinem Balkon befestigt. Der Vorfreude wegen. Und weil es in dieser steinernen Stadt nun einmal kein rechtes Sternenzelt zu bewundern gibt. Und keinen Schnee zu durchstapfen, der so laut knirscht, als hielte der liebe Gott persönlich sein Ohr ans Universum.

Im Kanton Graubünden, da, wo die Berge hoch sind und die Schweizer rätoromanisch sprechen, war das anders. Dort ächzte und stöhnte der Schnee von November bis März, und am Himmel tanzten allnächtlich die hellsten Funkenmariechen. Vier Winter habe ich in diesem Land verbracht, und manchmal, auf meinen Fußmärschen vom Bahnhof tief unten im Rheintal hinauf ins Dorf, war es so finster und so still, dass ich stehen bleiben und mir ans Herz greifen musste, um zu spüren, dass ich noch lebte. Das Haus übrigens, in dem ich wohnte, hieß bei den Einheimischen „s’ Schlössli“. Uralte Herrschaften grüßten von den holzgetäfelten Wänden, in jeder freien Ecke knarrte eine Ritterrüstung oder kreuzten sich eiserne Klingen - und oben im Dachgeschoss, neben meiner Schlafkoje, wurde von morgens bis abends Musik gemacht. Pianisten und Komponisten scharten sich haufenweise um den edlen Bösendorfer, ein Meisterkurs jagte den nächsten, eine Soirée die andere. Wenn die Kultur nicht zu uns kommt, so die Überzeugung der Hausherren, dann machen wir sie uns eben selber.

Den Dorfbewohnern war das suspekt, Heidi fand es toll. Heidi, das späte Mädchen. Heidi, die eigentlich Lehrerin war, aus Niedersachsen stammte und das grässlichste Schweizerdeutsch sprach, das mir je begegnet ist. Heidis heimliche Leidenschaft aber war das Singen. Manchmal, früh morgens, hörte ich sie üben. Tonleitern, Skalen, Dreiklänge. Do-re-mi-fa-so-la-si-do. Und Arien, nicht die leichtesten. Die der Gräfin Eboli etwa aus Verdis „Don Carlo“ oder „Bereite dich, Zion“ aus dem Weihnachtsoratorium. Irgendwann gab sie dann ihr erstes und einziges Konzert, mit Schumanns Liederkreis op. 39. Das ganze Dorf rückte an, und kaum hatte Heidi mit dünnseidener Stimme „Aus der Heimat hinter den Blitzen rot“ intoniert, da machte es zu unser aller Füßen leise krrrrg. „Ussa, ussa!“, schrie der Zimmermann, der als erster begriff, was los war, „s’Schlössli kracht zemme!“ Die Statik. Wir waren zu viele. Und zu schwer. Und zu laut.

Fortan zierte ein zentimeterbreiter Riss die Decke des Rittersaales. Heidis Riss. Ein Menetekel, ein stummer Aufschrei - gegen die Stille. Und die Traurigkeit. Krrrrg.

Die Autorin ist Musikredakteurin des Tagesspiegel.

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