Zeitung Heute : "Heike" und das Internet im Reich der Mitte

CHRISTIAN SCHNEIDER

Von der südöstlichen Ecke der riesigen Kreuzung aus erscheint dieser Teil der Stadt dem Betrachter wie ein anarchistisches Gemisch aus Wilder Westen und Silicon Valley.Der Blick landet auf meterhohen Werbetafeln einheimischer und multinationaler Computer-, Technik- und Softwareriesen: Microsoft, Legend, Compaq, Great Wall, Toshiba.Dazwischen flattern vertikale Schriftbänder mit Offsale-Angeboten der hunderten von Computershops.Auf dem Bürgersteig bedrängen fliegende Händler die Einkaufshungrigen.Den Ausländern huschen sie in Pidgin-English ein hastiges "CD-ROM, Computergames" oder "Sexvideo" ins Gesicht.Ein Dreirad schleicht über die verstopfte Kreuzung, die Ladefläche so hoch mit Monitoren und Druckern beladen, daß diese drohen, ins Wanken zu geraten..

Willkommen im Pekinger Stadtteil Zhongguancun/Haidian, dem "Cyberland" Chinas.Der Bezirk wurde vor zehn Jahren von der Stadtregierung zur Hightech-Zone deklariert.Heute reihen sich hier statt Äcker Soft- und Hardwarefirmen, Serviceprovider, Zubehör-Shops und eine ständig wachsende Zahl Internetcafes aneinander.Zhongguancun/Haidian ist zum hochfrequentierten Eldorado für Neueinsteiger, Hacker, Studenten und Geschäftsleuten der Computerwelt geworden.

Unweit südlich ist die "Special Development Zone for Information Technology", wo sich über viertausend High-Tech-Unternehmen angesiedelt haben.Nicht nur in Peking, sondern auch in anderen Städten des Landes kursiert das Computer- und Internetfieber.Noch haben bei einer Bevölkerung von 1,3 Milliarden "nur" rund 25 Millionen Chinesen einen Computer.

In der Zeit von 1995-1998 hat sich die Zahl der Computerkäufe von 1,3 auf 4,2 Millionen erhöht.1999 dürfte bei sinkenden Anschaffungspreisen die 6-Millionen-Grenze erreicht werden.Schon heute bieten in Shanghai Geschäfte Computer mit Pentium-Chip, Monitor, Keyboard und Modem für 500 US Dollar an.Ein Microsoft Office Paket 97/98 erhält man in den Städten an jeder Straßenecke für zwei Mark.Dem Staat kommt bei dieser Entwicklung eine treibende Rolle zu.Einheimische Hersteller wie "Legend" oder "Great Wall" halten dank zugesagter Subventionen große Marktanteile.China hat als Markt für PCs bereits heute Japan überrundet und rüstet sich, der größte PC-Markt weltweit zu werden.1997 hat der Staat 170 Lizenzen zum Bau von Computern vergeben.Noch bis 1996 lief der gesamte Netzverkehr Chinas durch ein nur 56 kilobit großes circuit in Shanghai.Mittlerweile hat die Stadt dank hoher Investitionen 45 Megabite vorzuweisen, was schnelleren Internetzugang erlaubt.Um den Kommunikationsfluß unter den Regierungseinrichtungen und deren Transparenz zu fördern, geht auch der Staat online: Das im Januar 1999 initiierte "government-on-the-web project" soll in zwei Jahren 80 Prozent aller Ministerien, Ämter, Provinz-und Stadtregierungen ans Netz anschließen."Sparkice", eine Internetcafé-Kette mit 20 (und geplanten 100) Ablegern im ganzen Land, erhielt die Zusage für eine Datenbank im Web, die Informationen zu 750 000 chinesischen Firmen enthalten soll.Trotz aller wohlklingenden Nachrichten, ist das Internet in einem Land wie China eine janusköpfige Angelegenheit.In den Internetcafés der chinesischen Städte surfen Chinesen und Ausländer am Rande der Illegalität.Das Knacken von Sperren für Websites, die "illegale staatsgefährliche Nachrichten" enthalten, ist für jeden Hacker eine Kleinigkeit.Pornographie auf den Bildschirm zu holen scheint so einfach wie das Herunterladen der Volkszeitung, doch viel verlockernder.Hunderttausende von Firmen, Regierungsstellen oder Privatleute erhalten regelmäßig Nachrichten von in Übersee ansässigen Magazinen, die unangreifbar das Informationsmonopol des chinesischen Staates zerstören, die Zensur umgehen und als "Heike", dem chinesischen Wort für Hacker, versuchen, dem Staat das Leben schwer zu machen.Eine große chinesische Mauer im Web, wie sie die Gegner der totalen Internetisierung fordern, wird jedoch kaum zu realisieren sein.Zu groß ist die Flut der Informationen, zu rasant die Entwicklung.

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