Zeitung Heute : Heilige Ecken

Die einen hängen Franz Josef Strauß hinein, die anderen Marienbilder – Hauptsache es hilft. Der Herrgottswinkel soll katholische Häuser schützen.

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Gasthof Kreuzeder, Erding

Der gelernte Metzger Martin König führt seit 18 Jahren den Gasthof in der Innenstadt der bayerischen Kleinstadt. Bei ihm gibt es Schweinsbraten, Kalbslüngerl und Ochsenfleisch von Tieren aus eigener Züchtung. Sein Gasthof ist so bekannt, dass es 1988 sogar Franz Josef Strauß hierher zog. Der aß ein paar hausgemachte Weißwürste und ließ ein signiertes Bild von sich da. Das hängt nun im Herrgottswinkel der Gaststube – seit dem Tod des ehemaligen Ministerpräsidenten mit einer Trauerschleife versehen. Etwas später kam Edmund Stoiber, der schenkte dem Wirt auch ein Bild von sich. Ludwig II. konnte Martin König leider nicht mehr selbst kennen lernen, aber natürlich darf der Monarch in diesem Dreiklang der wichtigsten bayerischen Regenten – sozusagen als Heiliger Geist – nicht fehlen. In den katholischen Haushalten hängt man oft Bilder von Maria und Josef rechts und links des Kreuzes auf, aber auch Heiligenbilder sind erlaubt. Und wer heilig ist, entscheidet der Hausherr manchmal einfach selbst. Oben ans Kreuz hat Martin König die traditionellen Palmbuschen gesteckt, die er am Palmsonntag in der Kirche weihen lässt, außerdem ein an Maria Himmelfahrt geweihtes Kräutersträußchen. Das Kreuz ist von seinem Großvater, der hat es selbst geschnitzt. „Damals waren Bauern wie er ja noch Selbstversorger und hatten wenig Geld“, sagt Martin König. Die Palmbuschen und den kleinen Strauß würde er übrigens niemals wegwerfen – das bringt Unglück. Kurz vor Ostern und Maria Himmelfahrt verbrennt Martin König die Gebinde und verstreut die Asche auf den Feldern.

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