Zeitung Heute : Heilige Väter

Johannes Paul II. ist nicht mehr am Leben. Wer könnte der nächste Papst werden?

Paul Kreiner[Rom]

Im „Toto-Papa“, wie die Italiener die Spekulationen um die Papstnachfolge nennen, gibt es etliche Spielregeln. Auf einen Papst mit „r“ im Namen, so sagen die Römer, folge immer einer ohne, auf einen Dicken ein Dünner. Dass auf einen „Uoitiua“ unbedingt einer mit – für italienische Zungen – einfacherem Namen folgen muss, diese Regel ist neu. Sie gilt aber wie die Weisheit, dass jeder, der als Papst ins Konklave geht, als Kardinal herauskommt.

Es gibt natürlich Ausnahmen: Giovanni Battista Montini galt als chancenreich, bevor er 1965 zu Paul VI. gewählt wurde, und Eugenio Pacelli, der 1939 als „papabile“, ins Wahllokal der Sixtinischen Kapelle ging, kam als Pius XII. heraus.

Die Regel ist also, dass es keine gibt. Keiner kann überschauen, wie sich die Wahlversammlung von derzeit 117 Kardinälen unter Michelangelos Jüngstem Gericht entwickelt; keiner weiß, was der Heilige Geist, dem die katholische Kirche die Wahl zuschreibt, im Schilde führt.

Spekulation Nummer 1 ist die am weitesten verbreitete. Sie lautet: Nach dem langen Pontifikat von Johannes Paul II., nach seinem erschütternden Leidensweg braucht die katholische Kirche eine Atempause. Gesucht wird dafür ein Kandidat, der „den Ball flach hält“. Er darf sich nicht am Andenken seines großen Vorgängers vergreifen, Reformen oder gar Kursänderungen werden hinausgeschoben. Die Anhänger dieser Spekulation tippen auf einen Übergangskandidaten: entweder auf einen betagten Kardinal oder auf einen, der nach einer gewissen Zeit zurücktritt.

Unter den „Übergangskandidaten“ werden am häufigsten genannt die Kardinäle Joseph Ratzinger, der am 16. April 78 Jahre alt wird, und Camillo Ruini (74), der im Auftrag des Papstes die Diözese Rom leitet. Der streng konservative, kämpferische Ruini wäre „endlich“ wieder ein Italiener, und da die Italiener mit 20 Kardinälen im Konklave einflussreich sind, ist nach dem polnischen Experiment die „Rückkehr zur Normalität“ nicht ausgeschlossen. Ratzinger andererseits gilt nach fast 24 Jahren an der Spitze der katholischen Glaubensbehörde und an der Seite Johannes Pauls II. nicht mehr als Deutscher – was seine Chancen schmälern würde. Ein Wechsel von Wojtyla zu Ratzinger würde den geringsten Aufwand bedeuten.

Fast genauso alt ist der mächtige Kardinal-Staatssekretär Angelo Sodano, der sich aber mit unvorsichtigen Rücktrittsspekulationen den Mund verbrannt hat. Ob das die Chancen von Giovanni Battista Re steigert, der Sodano öffentlich gerüffelt hat? Re leitet das für Bischofsernennungen zuständige Vatikan-Ministerium. Sein Personalwissen verleiht ihm Stärke; allerdings wäre der energische Lombarde mit 71 Jahren für einen Übergangskandidaten zu jung.

Hypothese Nummer 2: Nach 2000 Jahren europäischer Dominanz ist nun ein anderer Erdteil an der Reihe. Nordamerikaner kommen kaum in Frage; man will jede Nähe zur US-Regierung vermeiden. Kandidaten aus Lateinamerika – von wo 21 Kardinäle im Konklave kommen – , gibt es mehrere: Claudio Hummes aus Sao Paolo, Brasilien; Dario Castrillon-Hoyos aus Kolumbien, der allerdings im Vatikan arbeitet; Oscar Andrés Rodriguez-Maradiaga aus Honduras. Mancher wettet schon auf den vatikanischen „Innenminister“ Leonardo Sandri (61), der als Argentinier läuft, von italienischen Auswanderern abstammt und in den stummen Tagen Johannes Pauls II. zu dessen Stimme geworden ist. Sandri ist noch nicht Kardinal, sondern erst Erzbischof. Als einer der am längsten genannten „Dauerkandidaten“ hält sich der schwarze Nigerianer Francis Arinze (73).

Womöglich laufen die Entscheidungslinien aber ganz anders. Nach Hypothese Nummer 3 stehen die Kardinäle vor der Wahl zwischen „Glaubensschützern“ und „Brückenbauern“, zwischen solchen also, die ihre Kirche der bösen Welt gegenüber verschließen oder sie öffnen, zwischen dogmatisch-moralischen Hardlinern und Vermittlern. Wenn das Konklave einen Hardliner will, dann stellt sich die Frage, ob es ein Schroffer oder ein im Auftreten Gewinnender sein soll. Welches Signal will man an die anderen Konfessionen aussenden? Welches an andere Religionen, an den Islam vor allem? Sucht man nach einem besonders Geschmeidigen, der im Zweifelsfall die gerade vorherrschenden Wünsche bedient, fällt der Blick auf den Wiener Kardinal Christoph Schönborn. Ihm sagt man bereits weltweite Wahlwerbung in eigener Sache nach.

Hypothese Nummer 4: Nach 26 Jahren Papstfixierung und Kurienzentralismus könnten die Kardinäle mehr Vielfalt und endlich echte Mitsprache für die Ortskirchen einfordern. Dann müssten sie eine Art Herkules aus der katholischen Provinz wählen, der die Kurienbürokratie bändigt und neue Instrumente für den Föderalismus ersinnt. Da die stärksten Strippenzieher aber in der Kurie sitzen und diese unter dem nicht eben verwaltungsfreudigen Johannes Paul II. ein blühendes Eigenleben entwickelt hat, ist Hypothese Nummer 4 die am wenigsten realistische.

Die Hypothesen von Nummer 5 bis ungefähr 17 werden nicht öffentlich dargelegt. Sie haben mit konkreten Namen zu tun, und viele – Eingeweihte wie Beobachter – rücken mit ihrem wahren Wunschpapst nicht heraus. Jeder hat Angst, seinen Kandidaten durch öffentliche Nennung oder gar öffentliches Lob vorzeitig zu „verbrennen“. Auf den Namen Karol Wojtyla wäre 1978 auch keiner gekommen – obwohl für ihn im Hintergrund eine mächtige Wahlkampagne im Gang war. Um sie zum Erfolg zu führen, mussten die entscheidenden Leute an entscheidenden Stellen – einfach den Mund halten.

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