Zeitung Heute : Heiliger Michael

Er ist der beste Rennfahrer aller Zeiten: Siebenmal wurde Michael Schumacher Weltmeister. Im Oktober war Schluss – und seine italienischen Verehrer forderten, ihn heiligzusprechen. Ginge das? Er ist schließlich katholisch und hat Wunder vollbracht.

Harald Martenstein

Die Fans fordern es. Ja, warum kann man jemanden wie Michael Schumacher eigentlich nicht heiligsprechen? Er ist loyal, treu, bodenständig, überirdisch erfolgreich. Er spendet. Er hat über seine Karriere gesagt: „Es gibt da oben einen, der mich lenkt.“

Im Verständnis der katholischen Kirche sind die Heiligen Mittler zwischen Gott und den Menschen. Sie stehen Gott näher als andere.

Anruf bei der deutschen Bischofskonferenz. Es gibt dort einen Heiligenexperten, der, vermutlich aus Demut, auf keinen Fall namentlich genannt werden möchte. Der Experte sagt: „Heiliger Strohsack!“ Dieser Ausdruck bezieht sich auf das Stroh, auf welchem das Jesuskind gelegen hat, dies war der original heilige Strohsack. Bei der Heiligenverehrung werden nicht nur Haare und Knöchelchen des Heiligen verehrt, sondern überhaupt alles, womit der Heilige jemals in Berührung gekommen ist. Bei Schumacher würden also automatisch auch der Ferrari und die Schirmkappe heilig werden. Der Fachbegriff für so etwas heißt: „Kontaktreliquie.“

Laien dürfen Vorschläge machen. Letztlich muss die Initiative zur Heiligsprechung aber von einem Bistum oder einem Orden ausgehen. So etwas überlegt sich ein Bistum mindestens zweimal, denn die Antragsteller tragen die Kosten des Verfahrens. Die Kosten betragen im Durchschnitt etwa 250 000 Euro, viel für ein Bistum, wenig für einen Schumi. Der potenzielle Heilige darf das aber leider nicht selber bezahlen.

Es wird dann bei der Kongregation in Rom eine Art Prozess geführt, bei dem man Dokumente studiert, Zeugen vernimmt und Gutachten einholt. Die Kongregation besteht aus 23 Kardinälen, Bischöfen und Erzbischöfen, 71 Beratern und 83 Gutachtern. Da versteht man, dass es teuer ist. Eine bestimmte Person hat im Verfahren den Auftrag, den oder die mutmaßliche Heilige als möglichst fehlerhaften und unheiligen Menschen darzustellen, wie ein strenger Staatsanwalt. Diese Person hieß früher „advocatus diaboli“. Seit 1983 sagt man offiziell „promotor justitiae“. Zwei Drittel der Anträge wurden in den letzten Jahrzehnten positiv entschieden, in jedem dritten Fall siegt der Advocatus Diaboli. Bei Schumacher würde der Advocatus vermutlich all die Rennfahrer aufrufen, die von Michael Schumacher auf gefährliche Weise gerammt worden sind. Schumacher aber würde schwören, dass es keine Absicht war. Das letzte Wort hat immer der Papst.

Wie viele Heilige gibt es überhaupt? 2004 wurde das „Martyrologium Romanum“ zum letzten Mal aktualisiert, da stehen also 6650 Heilige und Selige drin und 7400 Märtyrer. Aber die Liste ist unvollständig. Die genaue Zahl? Unmöglich festzustellen, meint der Experte.

Wie, das muss die Kirche doch wissen! Sie weiß es aber nicht. Es ist zu kompliziert.

Das Heiligenwesen in seiner heutigen Form wurde überhaupt erst 1588 von Papst Sixtus V. geregelt, im frühen Mittelalter hat praktisch das Volk für sich entschieden, wen es für heilig hält. Im frühen Mittelalter wäre Michael Schumacher auf jeden Fall durchgekommen. Die Heiligenverehrung sah damals so aus, dass die Gemeinde am Grab des oder der Heiligen die heilige Person um Fürsprache bei Gott bat. Um die Sache zu vereinfachen, wurden die heiligen Gebeine dann nach und nach in die Kirchen umgebettet.

Die frühe Kirche war aber den Heiligen gegenüber misstrauisch, weil sie eine Konkurrenz zur Christusverehrung gewittert hat. Die Protestanten knüpften daran wieder an, für den Protestanten ist der Heilige ein vorbildlicher Mensch, dessen man ehrend gedenkt und nicht viel mehr. Die Idee, dass ein besonders vorbildlicher Mensch nach seinem Tod bei Gott vorstellig wird und für die Lebenden ein gutes Wort einlegt, ist eine Idee aus der jüdischen Tradition, weil bei den Juden damals der Hohepriester zugleich als Fürbitter der Menschen bei Gott angesehen wurde.

Kaum ein Katholik in Deutschland kennt Heilige aus Afrika oder Asien. Es ist also ähnlich wie bei den Rennfahrern, auch da sind Afrika und Asien ja unterrepräsentiert. Es gibt wenige Weltheilige, aber sehr viele nationale oder regionale Heilige und Bistumsheilige. Karl der Große wird in Aachen und Paderborn verehrt, anderswo nicht. Der heilige Nikolaus ist in der Dritten Welt unbekannt, den heiligen Kim dagegen kennen nur die Koreaner. Die heilige Barbara schützt Bergleute in Deutschland und Polen, der chinesische Bergmann wendet sich an jemand anderen. Es ist extrem dezentral, meint der Experte, und wird immer unübersichtlicher. Theoretisch und theologisch wäre es denkbar, dass Schumacher nur am Nürburgring verehrt wird.

Ein Monopol des Papstes gibt es in der Heiligenbranche erst seit 1171. Davor war es jahrhundertelang strittig, ob auch Bischöfe heiligsprechen dürfen. Viele haben es einfach gemacht. Die Heiligsprechung galt aber nur für ihr Bistum. Sogar Fürsten haben Heilige ernannt, die sogenannten „Adelsheiligen“, diese Heiligen sind später zum Teil wieder gestrichen worden. Als Bischöfe und Papst versuchten, ihre Kompetenzen abzugrenzen, wurde die „Seligsprechung“ erfunden, eine Vorstufe zur Heiligkeit oder Heiligkeit zweiter Klasse, welche eine Zeit lang von den Bischöfen verliehen wurde, heute ist ebenfalls der Papst dafür zuständig.

Johannes Paul II. hat 1268 Personen selig- und 483 Personen heiliggesprochen, dies ist Rekord. In den 300 Jahren davor gab es insgesamt nur etwa 300 Heiligsprechungen, das heißt, die Zahlen sind unter Johannes Paul geradezu explodiert, ähnlich wie Michael Schumachers Motor beim Großen Preis von Japan. Bei Johannes Paul gehörte es zu den Reisen dazu, dass er in dem jeweiligen Land fast immer einige Heiligsprechungen vorgenommen hat, vor allem in Ländern, die bei der Versorgung mit Heiligen bis dahin zu kurz gekommen waren. Heiligsprechungen galten als Mittel, um den Volksglauben in entlegenen Diözesen zu stärken. Das heißt, die Reisen mussten mit den Verfahren bei der Kongregation zeitlich abgestimmt werden. Theoretisch ist der Papst in seiner Entscheidung souverän, das heißt, er könnte auch ohne Zustimmung der Kongregation heiligsprechen, aber das tun Päpste normalerweise nicht.

Welche Voraussetzungen muss jemand erfüllen, um Heiliger zu werden? Zuerst einmal muss die Person katholisch sein. Michael Schumacher ist katholisch. Auch Konvertiten gehen, Edith Stein, Nonne, heilig seit 1998, war ursprünglich Jüdin. Die Geschwister Scholl blieben Protestanten. Vorbildliche Menschen, sicher, das ja. Aber kein Papst wird sie je heiligsprechen.

Seit dem Tod der Person sollten bis Selig- oder Heiligsprechung fünf Jahre vergangen sein. Ausnahmen sind möglich, bei Mutter Teresa ging es schneller. Außerdem muss die Person zwei Wunder gewirkt haben. Das erste Wunder wird bei Antragstellung vorgelegt, Wunder Nummer zwei darf nachgereicht werden. Märtyrertod befreit den Heiligen automatisch von der Notwendigkeit, Wunder zu wirken. Wunder sind heute schwieriger nachzuweisen als, sagen wir, vor 300 Jahren. Man darf diese Dinge nicht naturwissenschaftlich betrachten, Wunder sind subjektiv. Ein Kranker fährt nach Fatima, lebt danach länger, als alle ärztlichen Prognosen vorhergesagt haben, Ungläubige nennen das Autosuggestion, Gläubige sprechen von einem Wunder. Bei Johannes Paul II., dessen Verfahren zurzeit läuft, sind die beiden Wunder bereits aktenkundig.

Im Verfahren bei der Kongregation werden alle schriftlichen Hinterlassenschaften des Kandidaten geprüft, auch die erhaltene Privatpost. Die Person darf sich niemals „gegen den Glauben und die guten Sitten“ geäußert haben. Biografische Kehrtwendungen sind erlaubt. Der heilige Augustinus ist ein Playboy mit ausschweifendem Lebenswandel gewesen, bevor er heilig wurde, kein Problem, aber ein einziger Rückfall ins Ausschweifende hätte ihm die Heiligkeit vermasselt. In ähnlicher Weise könnte wohl auch Schumacher nach Ansicht der Konkurrenz sein gelegentlich unsportliches Verhalten vergeben werden. Ausschweifend war er nie.

Michael Schumacher hatte 1999 in Silverstone einen dramatischen Unfall, frontaler Crash in die Bande. Er überlebte wie durch ein Wunder – nur leicht verletzt! In seinem großen Abschiedsinterview mit dem „SZ-Magazin“ erzählt Schumacher, dass er mit seinem Rivalen Ayrton Senna „ab 1994 auf einmal viel besser klarkam“. Senna starb 1994. Es muss eine Erscheinung gewesen sein.

Die beiden Wunder könnte man hinbekommen. Auch hat sich Schumacher sehr wahrscheinlich nie gegen die guten Sitten geäußert, allein schon, um Ferrari nicht zu schaden. Mag sein, dass Schumacher nicht genug gute Taten in christlichem Sinn vollbracht hat, gute Taten auf der Rennstrecke zählen nicht. Vor allem aber ist er nicht tot.

Dieses Hindernis müssen die Fans, die für seine Heiligsprechung demonstrieren, einfach akzeptieren. Vielleicht freut es sie sogar.

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