Zeitung Heute : Heim und Heimat

Im Evangelischen Johannesstift werden Wohn- und Pflegeformen nach Maß nicht nur für ältere Menschen angeboten

Adelheid Müller-Lissner

Einerseits werden die Alten immer jünger. Sie machen Krafttraining im Fitness-Studio und Kreuzfahrten in der Karibik. Andererseits werden wir alle immer älter – und damit irgendwann wirklich alt. „Das ungelöste Problem der Zukunft ist der Umgang mit der Hochaltrigkeit, also der Zeit ab dem 80. Lebensjahr“, so das Fazit, das der Psychologe Paul Baltes vor Jahren aus seiner viel beachteten Berliner Altersstudie zog. Zum Problem wird das hohe Alter, weil mit ihm die Wahrscheinlichkeit wächst, im Alltag in der einen oder anderen Form auf die Hilfe anderer angewiesen zu sein. So geht es heute jedem dritten über 80-Jährigen.

In einem kleinen Dorf am Rande der Hauptstadt sieht man besonders viele Menschen aus dieser Altersgruppe. Eigentlich sieht das Ganze eher aus wie ein Park, in dem auch ein paar Gebäude stehen: Eine Kirche gibt es, Wohnhäuser, ein Hotel, eine Buchhandlung, Cafés und Restaurants. Aber auch auffällig viele Arztpraxen und ein Krankenhaus. Was auf den ersten Blick wie eine kleine, ruhige Ortschaft wirkt, ist das Evangelische Johannesstift. Man könnte es als eine besondere Art von Fischerdorf bezeichnen, denn über die Bewohner ist ein großes Netz von Hilfsangeboten ausgespannt. „Jeder sollte bei uns an der Stelle Unterstützung finden, wo er sie sucht“, erklärt Geschäftsführer Wilfried Wesemann. So gibt es in diesem Dorf neben 400 Wohnungen für „ganz normale“ Mieter und Mitarbeiter, Wohngruppen für Jugendliche und Betreuungseinrichtungen für Behinderte insgesamt 120 Wohnungen, in denen ältere Menschen eigenständig leben, aber jederzeit die Hilfe von Mitarbeitern in Anspruch nehmen können. Zu diesem betreuten Wohnen gehört eine 24-Stunden-Notrufbereitschaft.

Andere alte Menschen verbringen auf dem Gelände nur den Tag. Sie werden dort in der Tagespflege betreut, wohnen woanders und werden am späten Nachmittag nach Hause gebracht, wo vielleicht ihre berufstätigen Kinder oder ein Partner auf sie warten. Dieses Angebot kann man von Montag bis Sonnabend, aber auch nur für einzelne Tage in Anspruch nehmen.

Die Kurzzeitpflege dagegen ist ein Angebot rund um die Uhr. Sie ist aber eher als Überbrückung gedacht, für die Zeit kurz nach einem Krankenhausaufenthalt, wenn die häusliche Pflege noch nicht organisiert werden konnte, oder für den Fall, dass pflegende Angehörige in Urlaub fahren wollen. Bis zu 300 Pflegebedürftige und ihre privaten Betreuer werden zudem durch ambulante Dienste der Diakoniestation unterstützt, die ihren Stützpunkt im Geriatriezentrum hat. „Die Leitungen aller dieser unterschiedlichen Angebote und Dienste sind gut miteinander vernetzt. Sie treffen sich regelmäßig, alle arbeiten nach einem einheitlichen Pflegemodell und nach einheitlichen Standards“, versichert Wesemann. Zur Palette des Angebots gehören das Wichern-Krankenhaus, ein Hospiz und ein Zentrum für Gesundheitsförderung, das 250 Kurse aus dem Bereich Bewegung und Entspannung anbietet.

Und natürlich gibt es in diesem kleinen Dorf auch eine Einrichtung von der Art, an die viele sofort denken, wenn sie sich die weniger angenehmen Seiten des Alterns ausmalen: Ein Heim, also einen Ort der klassischen stationären Pflege. Besonders für Pflegedürftige, die wegen einer Demenz geistig verwirrt, dabei körperlich aber noch mobil sind, werden aber zunehmend Hausgemeinschaften gegründet, in denen acht bis zehn Bewohner zusammen leben. Solche Hausgemeinschaften gibt es inzwischen auch an anderen Standorten, in Hohen Neuendorf und im Wedding. „Wir versuchen, dort so viel Normalität wie möglich zu erhalten“, sagt Wesemann. Dazu gehört zum Beispiel, dass die Mitglieder dieser Wohngemeinschaften bei der Zubereitung der Mahlzeiten helfen – soweit sie das können. So sollen Alltagskompetenzen möglichst lang erhalten werden. Insgesamt stehen in der Altenhilfe des Johannesstifts augenblicklich 450 Plätze zur Verfügung.

Mehrbettzimmer sind immer seltener darunter. Wesemann beobachtet bei den Pflegebedürftigen, vor allem aber bei deren Kindern, ein verändertes Anspruchsdenken. „Das ist ja auch richtig so, und es wird die Pflegelandschaft der Zukunft deutlich verändern, denn diese Angehörigen sind die Kunden von morgen.“ Es passt zudem zu modernen Pflegekonzepten, in denen das Einzelzimmer eher als Rückzugsraum betrachtet wird, während große Gemeinschafträume für Tagesaktivitäten zur Verfügung stehen. Die recht unterschiedlichen Bewohner des Dorfes werden von den professionellen Dienstleistern, die dort arbeiten, durchaus als Kunden gesehen, sie werden oft aber auch als Klienten, als Bewohner oder als Gäste bezeichnet. Viele Dienstleistungen, die dort angeboten werden, seien einkommensunabhängig, versichert Wesemann. Sorgen machen ihm jedoch jene Senioren, die aufgrund ihres speziellen Hilfebedarfs durch die üblichen Raster der Kranken- und Pflegeversicherung fallen. Zudem ist speziell das begehrte betreute Wohnen ein Angebot, das sich nicht jeder leisten kann. Man arbeite jedoch an Konzepten, in denen diese selbstständige Wohnform preisgünstiger angeboten werden könne, sagt der Geschäftsführer. Er ist sich sicher, dass das Angebot an ambulanten Hilfen in den kommenden Jahrzehnten zunehmen und differenzierter werden wird. „Jeder von uns möchte doch selbstbestimmt alt werden.“ Ob nun in einem idyllischen Dorf am Rande der Stadt oder doch lieber mittendrin. Adelheid Müller-Lissner

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