Zeitung Heute : Heimat der Stahlriesen

Vom Boom in Indien und China profitieren auch Berliner Metaller. Denn Maschinen für den Aufbau der Schwerindustrie beziehen die Asiaten aus der Siemensstadt

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Von Henning Zander Mit etwa 15 200 Mitarbeitern ist Siemens einer der größten Arbeitgeber in Berlin. Das Unternehmen wurde 1847 gegründet. Nach dem zweiten Weltkrieg zog der Vorstand nach München. Berlin ist weiterhin der wichtigste Fertigungsstandort. Jeder sechste Mitarbeiter wird hier in der Forschung und Entwicklung eingesetzt.

Im vergangenen Jahr investierte der Konzern in den Berliner Werken etwa 350 Millionen Euro. Mehr als 2,5 Milliarden Euro werden mit Siemensprodukten aus Berlin umgesetzt. Besonders erfolgreich ist derzeit neben der Dynamoproduktion der Gasturbinenbau sowie die Herstellung von Schaltanlagen. Siemens ist einer der größten Hersteller für Elektronik und Elektrotechnik mit einem Jahresumsatz von über 74 Milliarden Euro. Weltweit arbeiten 450 000 Menschen für den Konzern, an 190 verschiedenen Standorten. hez

Mit einem leichten Tipp der rechten Hand senkt der Dreher seinen Meißel. Er raspelt hauchdünne Metallspäne von der tonnenschweren etwa sechs Meter langen Welle ab, die vor ihm auf der Drehmaschine angebracht ist. „Wenn der jetzt einen Fehler macht, können wird die Welle wegwerfen und eine neue kaufen“, sagt Michael Kläring. Den kaufmännischen Leiter des Siemens-Dynamowerks beunruhigen natürlich die Kosten für das Material, die bei etwa 120 000 Euro liegen. Aber mehr noch denkt er an die zwischen zwei Monaten und einem Jahr liegende Lieferzeit für eine neue Welle. Den Abnehmer seiner Maschinen kann dies schnell eine Million Euro am Tag kosten, wenn er nicht wie geplant seine Fabrik in Betrieb nehmen kann, weil ein Teil aus Berlin fehlt. „An unsere Maschinen können wir nicht jeden lassen“, sagt Kläring. Ein ausgelernter Dreher muss noch einmal ein Jahr angelernt werden, bis er selbstständig eingesetzt wird.

Im Werk an der Nonnendammallee in Siemensstadt ist Schwerindustrie wörtlich zu nehmen. Motoren mit einem Gewicht von bis zu 180 Tonnen verlassen das Werk. Viele von ihnen haben die Leistung eines mittleren Kraftwerks. Mehrere hundert Meter Schienen verbinden die fünf Werkshallen miteinander. Nur so können die schweren Teile transportiert werden. In einer Halle werden auf „Läufer“ und „Ständer“, den beiden wesentlichen Bestandteilen eines Dynamos, viele Kilometer Kupferkabel gewickelt.

Diese Spulen erzeugen Magnetfelder, die sich gegenseitig abstoßen und so den Motor in Bewegung bringen: dem Einsatz entsprechend auf zehn bis 15 000 Umdrehungen in der Minute. Besonders große Ringmotoren, die für die Gesteinszerkleinerung verwendet werden, müssen sich sehr langsam drehen. In der Gasverflüssigung muss mit hohem Druck gearbeitet werden, der nur mit einer extrem hohen Umdrehungszahl erreicht wird. Vor allem die Boom-Regionen in Asien sind Abnehmer der Maschinen. Indien und China bauen kontinuierlich Schwerindustrie auf und haben einen großen Bedarf an Motoren, etwa für Walzanlagen in den Stahlwerken oder in der Öl- und Gasindustrie. Nahezu die komplette Produktion, etwa 98 Prozent, exportiert die Dynamofabrik ins Ausland.

Ende der 90er-Jahre steckte das Werk noch in einer Krise: Etwa die Hälfte der Belegschaft, rund 300 Mitarbeiter, mussten gehen. Doch in den vergangenen vier Jahren wurde das Auftragsvolumen fast verdoppelt, heute arbeiten mit 600 Mitarbeitern fast so viele Menschen im Werk wie 1998. Damit macht sich die Firma selbst ein Geburtstagsgeschenk: Vor 100 Jahren gingen von hier die ersten Maschinen hinaus in die Welt. Damit das so bleibt, arbeitet ein Fünftel der Mitarbeiter in der Entwicklung und Konstruktion.

Innovationen sind in der Schwerindustrie nicht ganz einfach. „Man muss schon sehr sicher sein, dass eine Veränderung funktioniert“, sagt Cheftechniker Wolfgang Dietrich. Bei kleinere Maschinen könnte auch mal etwas ausprobiert werden. Wegen des viel größeren Aufwands müssen die Schwermaschinen mehrfach in rechnerischen Modellen und Simulationen ihre Funktionstüchtigkeit beweisen, bevor irgendjemand an den Bau denken kann. Auch auf diesem Feld ist Spezialwissen gefragt.

Allerdings werde in Deutschland der Ausbildung von Maschinenbauingenieuren mit dem Schwerpunkt Konstruktionstechnik nicht mehr die Aufmerksamkeit entgegengebracht, die sie früher hatte, sagt Dietrich. Immer noch sucht sein Haus Absolventen dieser Fachrichtung.

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