Heimaten-Sonderbeilage : Vertrauen zum neuen Land fassen

Die zweite Flucht: Für arabische Frauen, die ihre Ehemänner verlassen, beginnt in Deutschland ein Leben mit ganz neuen Möglichkeiten. Drei Begegnungen.

Zoya Anwar Mahfoud
Häufig umziehen: Frauen, die im Frauenhaus landen, müssen ihren Aufenthaltsort oft vor ihren Männern geheimhalten.
Häufig umziehen: Frauen, die im Frauenhaus landen, müssen ihren Aufenthaltsort oft vor ihren Männern geheimhalten.Foto: Peter Steffen/dpa

Viele Frauen, die aus ihrer Heimat geflüchtet sind, flüchten hier in Deutschland ein zweites Mal: Sie laufen vor ihrem Ehemann oder ihrer Familie weg. Dadurch geraten sie in einen gesellschaftlichen und moralischen Konflikt, vor allem wenn sie dem Druck der Familie ausgesetzt sind, an den alten Traditionen festzuhalten. Einigen Frauen gelingt es, die paternalistische und patriarchalische arabische Gesellschaft hinter sich zu lassen, unter der sie in ihrer Heimat litten und die sie überall hin – sogar bis nach Deutschland – verfolgte. Wir haben drei von ihnen getroffen.

Eigene Entscheidungen zu treffen war sie nicht gewohnt

Hana, 25 Jahre alt, klagt darüber, dass viele Araber eine traditionelle, engstirnige Einstellung haben. „Hana“ bedeutet auf Deutsch „Zufriedenheit“. Aber zufrieden war Hana mit ihrer ersten Station in Deutschland, Mecklenburg, nicht. Dort wohnte sie in einer Flüchtlingsunterkunft, zusammen mit dem Ehemann ihrer Mutter und ihrer jüngsten Schwester. „Es gab immer wieder Auseinandersetzungen zwischen mir und dem Ehemann meiner Mutter“, sagt Hana. Über die Gründe möchte sie nicht sprechen. Als der Mann sie schlägt, rebelliert Hana und läuft weg. Diese Flucht vor ihrer Familie sei ihr sehr viel schwerer gefallen als die Flucht aus der Heimat Syrien nach Deutschland. Denn es war ihre eigene Entscheidung, und eigene Entscheidungen zu treffen war sie nicht gewohnt. „Aber ich habe mir gesagt, dass ich keine Angst haben muss, wenn ich doch im Recht bin. Ich bin abgehauen, ohne zu wissen, wie es weitergehen sollte und wo ich landen würde.“ Sie landete im Frauenhaus.

"Haus des Ehemanns" statt "Haus des Ehepaars"

Es war eine ganz neue und auch schwierige Erfahrung für Hana, ganz allein, ohne die Familie und Vormund, zu leben. „In unserer Gesellschaft kann man als Mädchen traditionell nicht allein wohnen oder allein in eine neue Wohnung ziehen, es sei denn, man ist verheiratet und es handelt sich um das Haus des Ehemanns“, erklärt Hana. Und fügt empört hinzu: „Ja, man nennt es ,Haus des Ehemanns' statt ,Haus des Ehepaars'!“

Später übersiedelte Hana nach Berlin, wo sich ihr Leben erst wirklich änderte. Von den Mitarbeiterinnen des Berliner Frauenhauses, in dem sie wohnte, wurde ihr viel Unterstützung entgegengebracht. „Anfangs hatte ich Angst, dass ich in ihren Augen eine schlechte Frau sei, weil ich vor meiner Familie weggelaufen war.“ Hana lacht und erzählt weiter: „Zum anderen befürchtete ich, dass sie mich nicht mögen, weil ich ein Kopftuch trage. Wenn du immer nur mit Arabern zu tun hast, hörst du viele Geschichten. Du hast einfach Vorurteile gegenüber diesem Land, wenn du keinen richtigen Kontakt zu den Deutschen hast. Aber: Genau das Gegenteil war der Fall. Man unterstützte mich ständig und stand mir mit Rat zur Seite. Das war der Moment, an dem ich begann, Vertrauen zu diesem Land zu fassen.“

Hanas Kontakte beschränken sich fast ausschließlich auf das arabische Umfeld. So geht sie zum Beispiel in den arabischen Supermarkt, zu einem arabischen Arzt, in ein arabisches Café. „Immer wieder bekomme ich neugierige Fragen zu hören: Warum bist du allein? Wo ist deine Familie? Es wäre besser, wenn du heiratest und nicht allein bleibst; komm nicht zu spät nach Hause; iss dieses und jenes, das tut dir gut; das schadet dir. Ja, sie mischen sich in alle nur denkbaren Dinge deines Lebens ein.“

Hana kennt keine Deutschen

Hana wünscht sich, Berlin besser kennenzulernen. Außerdem, so Hanna, könnten deutsche Freunde und der Kontakt zur hiesigen Kultur ihr dabei helfen herauszufinden, wie die Deutschen wirklich denken. „Beispielsweise habe ich von arabischen Freunden gehört, dass die Deutschen keine starken Familienbande hätten. Aber ich kenne die Deutschen nicht, ich höre das immer nur. Berlin kann nicht meine Heimat sein, solange ich die Stadt und ihre Einwohner nicht kennenlerne. Ich muss sie kennen, damit sie mich akzeptieren und umgekehrt.“

Als Hana über ihr jetziges Zuhause spricht, wird ihre Freiheitsliebe deutlich. „Heute habe ich meine eigene Wohnung, ja zum ersten Mal in meinem Leben besitze ich einen eigenen Wohnungsschlüssel. Meine Entscheidung hat mich frei werden lassen, unabhängig. Ich gehe regelmäßig zum Deutschunterricht, nächsten Monat habe ich eine Prüfung. Hier in Deutschland eröffnen sich den Menschen viele Optionen – die aber auch nicht immer einfach sind.“ Hana würde gerne als Krankenschwester arbeiten oder als Polizistin. „Ich denke, dass dieses Land meine Heimat sein kann, meine alternative Heimat.“ Hana meint, dass sie sich in Deutschland verändert habe. Wenn sie darüber nachdenkt, ob sie nach Syrien zurückkehren sollte, findet sie das schwierig. „Im Jahre 2013 habe ich meine Heimat verlassen. Seitdem ist alles anders – die Menschen, die Häuser und ich auch.“

Gharam fühlte sich in ihrer Heimat als Frau fremd

Auch Gharam, 29 Jahre alt, hat unter den patriarchalischen Verhältnissen gelitten. „Gharam“ bedeutet „Liebe“. Sie hat in Syrien Wirtschaft studiert, ihre beiden Kinder sind zehn und sieben Jahre alt. Als Frau hat sie sich in ihrer eigenen Heimat immer fremd gefühlt. Ihrer Meinung nach begeht die arabische Gesellschaft ein Verbrechen an den Rechten der Frau. „Wir brauchen Organisationen, die uns nicht in erster Linie vor unseren Ehemännern schützen, sondern vor unserer primitiven Gesellschaft.“

Gharam sagt von sich, dass sie ihr ganzes Leben im „Exil“ verbracht habe. Sie wurde als Kind einer kurdischen Familie in einer arabischen Stadt, Aleppo, geboren. „Ich sprach stets Arabisch, nie Kurdisch. Im kurdischen Heimatdorf meiner Familie fühlte ich mich deswegen sprachlich fremd. Als ich ein wenig älter war, begann ich, Kurdisch zu lernen. Im arabischen Umfeld wiederum fühlte ich mich fremd, weil ich nicht hundertprozentig wie meine arabischen Nachbarn gesprochen habe. Das war also mein erstes Exil, das Exil in der Heimat.“ Dieses Gefühl der Entfremdung hat Gharam nach Deutschland mitgebracht, wo sie wieder auf der Suche nach ihrer Identität ist. „Ich bin keine Araberin und auch keine Kurdin. Dieses multiple Exil, das ich erlebte, lässt mich immerhin flexibler damit umgehen, was man ‚neue Heimat' nennt. Vielleicht soll Heimat für mich dieses Gefühl der Entfremdung sein?“

Der Ehemann darf nicht wissen, wo sie lebt

Eine Antwort auf die Frage ‚Wirst du eines Tages wieder nach Syrien zurückkehren?', fällt auch Gharam schwer. „Unsere Heimat hat sorgenvolle, schwache Frauen hervorgebracht. Deutschland hat mir das gegeben, was meine Heimat mir nicht geben konnte: Sicherheit, Unabhängigkeit, Stärke. Ja, ich lebe in der Fremde, aber auch in einer neuen Heimat, die mir die Möglichkeit zu neuen Erfahrungen, Begebenheiten, Geschichten und einem anderen Leben bietet.“

Suha (Name geändert) ist mit ihren drei Kindern vor dem Krieg geflüchtet – und vor ihrem Ehemann. Der Tag beginnt für die 25-Jährige hektisch. Zunächst hilft sie ihren Kindern, vier, drei und ein Jahr alt, beim Anziehen und bringt sie in den Kindergarten. Suha lebt seit drei Jahren in Deutschland, seit einem Jahr und zwei Monaten in einem Berliner Frauenhaus. Während dieser Zeit ist sie dreimal umgezogen. Diese häufigen Umzüge seien nötig, damit ihr Ehemann nicht herausfindet, wo sie wohnt. „Ich frage mich ständig, ob er irgendwann meine Adresse herausfinden könnte. Das beschäftigt mich die ganze Zeit, es bringt mich um den Schlaf.“

Suha wird sicher wieder umziehen müssen. „Ob du eine neue Unterkunft findest, hängt auch von deinen Sprachkenntnissen ab“, sagt sie. „Wenn du kein Deutsch sprichst, bist du ständig auf die Hilfe und Unterstützung von anderen angewiesen. Wie soll es möglich sein, sich ohne Kenntnisse der Landessprache in der neuen Heimat zu integrieren? Ich denke, dass Heimat auch Sprache ist.“ Suha geht zum speziell für Mütter angebotenen Deutschkurs. Sie möchte gern Modedesign studieren, dafür interessierte sie sich schon immer. Bevor sie ihren Mann heiratete, besuchte sie eine Berufsschule für Nähen und Modedesign. Ihrem Verlobten gefiel aber der Gedanke nicht, dass sie das beruflich macht, und deshalb verlangte er von ihr, damit aufzuhören. „Er hat mir gesagt, er könne es nicht aushalten, dass mir ein Kunde die Hand gibt.“

Vor dem "Islamischen Staat" geflohen

Manchmal kommen in ihr Erinnerungen an die Vergangenheit hoch und damit die Sehnsucht und Traurigkeit. Suha sitzt in der Gemeinschaftsunterkunft, die sich aus fünf Zimmern zusammensetzt, eines davon ist ihres. Zwar wohnt sie inmitten von Berlin, aber ihre Gedanken sind in Syrien. Plötzlich kommt alles wieder hoch: wie der Krieg in Syrien ausbrach und sie mit ihrem Mann von Aleppo nach Raqqa, dessen Heimatstadt, flüchtete. Dort verbrachte sie anderthalb Jahre und musste die Misshandlungen ihres Mannes und die Eroberung der gesamten Region durch den IS erdulden. Dann beschlossen sie, vor dem „Islamischen Staat“ zu fliehen: zunächst über Idlib in die Türkei und schließlich über das Meer.

Im Brot steckt die Heimat

Suha hat nie auch nur im Geringsten daran gedacht, einmal nach Deutschland zu gehen. Aber sie hat ihr neues Umfeld, ihr neues Leben angenommen. Die kulturellen Unterschiede findet sie amüsant. „Bei uns gibt es das nicht, dass jemand mit einer Flasche Bier in der Hand mitten auf der Straße steht und trinkt. Ehrlich gesagt bleibe ich lieber in Vierteln, in denen viele Türken sind. Dort sieht man so etwas nicht.“ Andererseits, findet sie, definiert sich Heimat nicht über die Frage, ob man Alkohol trinkt und Schweinefleisch isst. „ Es ist klar, dass es hier in Deutschland Demokratie gibt und ein gutes Bildungssystem. Deutschland hat mir ein Leben gegeben, Freiheit und auch eine neue Heimat. Ich habe hier Würde erfahren und bin mit meinen Kindern offen aufgenommen worden. Dennoch möchte ich nicht leugnen, dass mir Syrien sehr fehlt. Vielleicht kann ich mein Land irgendwann wieder besuchen.“

Sie beißt sich auf ihre Lippen und weint leise. „Meine Großmutter sagte immer: ‚Im Brot steckt die Heimat.' Manchmal versuche ich, hier aus dem Mehl mein Land zu machen, aus dem Teig das Dorf zu formen, in dem ich früher gelebt habe. Gestern erst habe ich für meine Kinder arabisches Brot gebacken, das mögen sie so sehr. Meine Großmutter hat mir das beigebracht. Ich weiß nicht, warum ich jetzt den Duft nach arabischem Brot rieche. Vielleicht, weil wir über Heimat sprechen?“

Aus dem Arabischen von Melanie Rebasso. Die Autorin, 40 Jahre alt, hat in Syrien als Journalistin gearbeitet. Sie ist seit Ende 2015 in Deutschland und arbeitet in einem Berliner Frauenhaus.

Dieser Text entstand im Rahmen des Exiljournalisten-Projekts des Tagesspiegels #jetztschreibenwir. Am 16. Juni erschien eine Beilage der Exiljournalisten zum Thema „Heimaten“ (in Print und im E-Paper), weitere Texte von Exiljournalisten finden Sie hier.

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