Zeitung Heute : Heimatkunde

Wie ein Neu-Berliner diese Stadt erleben kann

Marius Meller

Das allen in die Kindheit scheint und worin noch niemand war: Heimat, dichtete einst der kurpfälzer Philosoph Ernst Bloch, und das fällt dem Neu-Berliner ein, als es ihm, wenige Tage in der großen Stadt, so vorkommt, als brülle ihn die U-Bahn an, wenn sie ihn mit einem Ruck auf den Bahnsteig spuckt: „Geh hin und gründe eine Ich-AG!“ Und die Alt-Berliner schaut er an, oder zumindest die, die er dafür hält, und er denkt, dass es vielleicht auch so heißen könnte: „Das allen in die Heimat scheint und wo noch niemand war: Berlin.“

Der Neu-Berliner weiß, wie vorzugehen ist: Irgendwo ein Nest bauen und dann vorsichtig den Radius erweitern bis die ganze Stadt (die ganze Welt) ein Nest ist.

Also jeden Montag zum Kurpfälzer-Stammtisch! Ein spanisches Restaurant dient zur Tarnung. Der Neu-Berliner ist der einzige gänzlich neue Stadtneuling. Den anderen Kurpfälzern ist ihre Berlin-Zeit ins Gesicht geschrieben, oder denkt das nur der Neu-Berliner? Demnach muss er, denkt der Neu-Berliner, aus Sicht der Alt-Neu-Berliner ein gänzlich leeres Gesicht haben, ein Gesicht, das vollgeschrieben werden muss wie ein Notizbuch.

Am Tisch: R., der gut dran ist. Er hat zwei Jobs und muss manchmal bei der einen Firma krank machen, um bei der anderen zu arbeiten. P. ist arbeitslos, meldet sich alle paar Wochen beim Arbeitsamt an und unterrichtet dann ein drei, vier Tage als SAP-Berater. Einmal in der Woche geht er ins Bordell. N. schreibt seine Doktorarbeit über den Flaneur in der Großstadt. Und S. kommt gerade aus Dresden, wo er sich um eine Dozentur für Musikwissenschaft beworben hat. Er denkt, dass sein Probeseminar über Hans-Werner Henzes Lied „Die Gottesanbeterinnen“ nicht gut angekommen ist, weil er sich womöglich zu lange mit dem Geschlechtsleben dieser seltsamen Tiere aufgehalten hat (das Männchen wird bekanntlich während der Kopulation vom Weibchen aufgefressen und dadurch zu besonders heftiger Tätigkeit angeregt). Sex komme zwar bei den Studenten immer gut an, aber bei den Professoren erzeuge es leicht den Eindruck, man wolle plump Aufmerksamkeit erregen. Hinter dem Tresen steht auch ein Kurpfälzer, allerdings einer, der zur Tarnung auch Spanisch spricht. Er hat, gelernter Tischler, eine besonders stilsicher eingerichtete Wohnung, die er vor kurzem einer japanischen Pornofilmfirma zur Verfügung stellte. Er zog für drei Tage zu R. und bekam von den Japanern anschließend einen erklecklichen Stapel mit Yen-Scheinen, die er bei der Bank in Euro umtauschte.

Alle Anwesenden stimmen zu, dass wohl in der ganzen Hauptstadt solche Zirkel von Alt-Neu-Berlinern existieren müssen, die sich, sortiert nach den unzähligen Stämmen Germaniens, regelmäßig zusammenfinden, um für ein paar Stunden ihre kehlige oder näselnde, ihre helle oder dunkle Mundart zu hören, um sich die merkwürdigen Gegebenheiten aus ihrem Großstadtleben zu erzählen und um den blutigen Anfängern, den ganz neuen Neu-Berlinern Lebensratschläge zu geben.

Kurpfälzer-Stammtisch, Restaurant „Ata Me“, Dircksenstraße 40 in Mitte. Jeden Montag um 20.30 Uhr

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