Zeitung Heute : Heimatlos

Die deutschen Gewerkschaften waren gut im Geschäft. Ihr Juwel: Die Neue Heimat, größter Wohnungsbaukonzern der Welt. Doch 1986 wurde sie für eine Mark verkauft.

Andreas Austilat

Das ist er also, der Mann, der einmal 200 000 Wohnungen besaß. Allein sitzt er auf der leeren Terrasse, er hat sich einen Stuhl im Zentrum genommen und nicht etwa einen der freien Plätze am Rand. Zufall? Oder würde sich einer wie er immer für den Platz in der Mitte entscheiden? Horst Schiesser, der für eine Mark die Neue Heimat kaufte, den größten Wohnungsbaukonzern der Welt.

20 Jahre ist das jetzt her, Schiessers immer noch volles Haar ist inzwischen weiß. Auf dem Handrücken trägt er ein Pflaster, wahrscheinlich steckte dort bis eben noch eine Kanüle. Er ist als Patient in einem kleinen ostdeutschen Kurort, aber sein Auftritt ist auch mit 76 Jahren noch der des Geschäftsmannes: dunkelblaue Hose, weißes Hemd, dunkelblaue Krawatte, nur der senffarbene Blazer würde nicht so gut in eine Vorstandssitzung passen.

„Warum interessiert Sie das alles?“ Wahrscheinlich hasst er die Artikel, die über ihn erschienen sind, mit Überschriften wie „Schiesser backt jetzt kleine Brötchen“. Doch in dieser Geschichte geht es nicht um den Konkurs seiner Brotfabriken 1997. Sie führt zurück in eine Zeit, die ihn zu einem sehr reichen Mann hätte machen können.

Horst Schiesser? Am 18. September 1986 wurde dieser Name der bundesdeutschen Öffentlichkeit schlagartig bekannt. Bis dahin war der Besitzer von Geschi und Paechbrot nur eine Berliner Größe. Die Werbesprüche seiner Firma gehörten in der U-Bahn zur Folklore („und der Orje sagt zum Kulle, gib mir noch ’ne Paechbrot-Stulle“). Nun übernahm er die Neue Heimat, bis dahin Prunkstück im Imperium des Deutschen Gewerkschaftsbundes. Allein in Bremen besaß sie einst jede vierte Mietwohnung.

Heutzutage überrascht es niemanden mehr, wenn Riesenfirmen über den Tisch gehen, ohne dass überhaupt Geld fließt. Damals war eine halbe Million Mieter von der Nachricht erschüttert, dass all die Dächer über ihren Köpfen nicht mehr als eine einzige Mark wert sein sollten. Selbstverständlich waren ihre Wohnungen viel mehr wert. Nur wie viel mehr? Waren sie zum Beispiel die 17 Milliarden D-Mark Schulden wert, die auf ihnen lasteten?

Für kurze Zeit verharrte die Öffentlichkeit in einer Art Schockstarre. 150 Banken, denen die Neue Heimat Geld schuldete, schwiegen. Immerhin, Berlins ehemaliger Bausenator Ristock bezeichnete Schiesser als „ziemlich erfolgreich“. Die Auskunftei „Creditreform“ wurde mit den Worten zitiert: „Nachteiliges ist nicht bekannt“. Und der „Spiegel“ schrieb, auffällig sei allenfalls sein Interesse für ungewöhnliche Ideen, „ihn plagt offenkundig immer der Gedanke, irgendein Geschäft zu verpassen“. Aber wie sollte einer, der 300 Millionen Mark umsetzte, wie die Zeitungen damals schrieben, die Neue Heimat mit ihrem 17-Milliarden-Loch sanieren?

Die plausible Erklärung lag auf der Hand: Indem er sie zerschlägt, meistbietend verkauft, ohne Rücksicht auf die Mieter.

„Da sehen Sie mal, was für ein Unsinn über mich verbreitet wurde.“ 300 Millionen, Schiesser lehnt sich zurück, die Arme vor dem Körper verschränkt, die Augen fixieren irgendeinen Punkt in der Ferne. „Wenn ich alle Unternehmen zusammennehme, in denen ich im Aufsichtsrat saß, dann waren das zwei Milliarden Umsatz.“ Er, ein kleiner Mittelständler? Von wegen. Und außerdem habe er sich seit 1960 wissenschaftlich mit Volkswirtschaft befasst. „Das war alles genau berechnet, der Sanierungsplan stand, nach vier Wochen waren wir doch schon in den schwarzen Zahlen.“ Schiesser wollte mit seiner „Neuen Gesellschaft“ aus Mietern Eigentümer machen, „und das wäre die nicht teurer gekommen als die bisherige Miete“.

Nach ein paar Tagen war es mit der Ruhe vorbei. Die „taz“ zitierte einen „Infodienst Kapitalmarkt“, der Schiessers Leute als „skrupelarme Geldeinsammler“ bezeichnete. Dieser Mann sollte 200 000 Wohnungen für eine Mark bekommen? Ausgerechnet von den Gewerkschaften? Schiessers sonstige Unternehmen gerieten ins Blickfeld. Der Türkische Basar zum Beispiel in dem zu West-Berliner Mauerzeiten stillgelegten U-Bahnhof Bülowstraße. Der Tagesspiegel berichtete damals über Mietstreitigkeiten, dass Schiesser achtmal mehr kassiere, als er Miete zahle. „Unsummen habe ich da reingesteckt“, sagt er selbst. Dann waren da noch die Videoautomaten, die Schiesser in Tankstellen aufstellen lassen wollte, er durfte nur jugendfreie Filme darin deponieren. Die Bonner Bürokraten, schimpft er, machten die Idee kaputt.

Vielleicht hätten solche kleinen Fehlschläge normalerweise niemanden interessiert. Aber war dieser Horst Schiesser nicht ein Kapitalist wie aus dem Bilderbuch? Das fanden offenbar sogar die Christdemokraten. Oscar Schneider, Bauminister im Kabinett Kohl, das sich im Herbst 1986 auf den Wahlkampf vorbereitete, warf dem DGB „zynische Rücksichtslosigkeit“ im Umgang mit seinen Mietern vor. Schneiders Parteifreund Kansy ermahnte die Parteikollegen: „Bitte vermeiden Sie die Inaussichtstellung von direkten und indirekten Hilfen durch den Bund. Dies nimmt den moralischen und politischen Druck von DGB und SPD.“ Bankensprecher bekräftigten, dass sie nach wie vor den DGB in der Haftung sähen.

„Einen Verzweiflungsakt“ nannte Alfons Lappas, Vorstandsvorsitzender der Gewerkschaftsholding BGAG, den Verkauf an Schiesser später. Ein Verzweiflungsakt, weil man erstens die ganz große Pleite vor Augen hatte und zweitens nicht mehr aus den schlechten Nachrichten kam.

Und die waren sehr schlecht. Zum ersten Mal in der Geschichte der Bundesrepublik wurde ein Wirtschaftsunternehmen vor einen Untersuchungsausschuss des Deutschen Bundestages geladen. Eine Institution, die eigentlich Missstände in Regierung und Verwaltung aufdecken soll, nahm sich ein gewerkschaftliches Unternehmen vor. War das für die Regierung Helmut Kohls die willkommene Gelegenheit, nach der Flick-Affäre wieder in die Offensive zu kommen? So weit möchte Hans-Jochen Vogel, damals sozialdemokratischer Oppositionsführer, nicht gehen. Aber, sagt er bedächtig, „dass die Affäre um die Neue Heimat eine Gelegenheit war, den Gewerkschaften am Zeug zu flicken, liegt auf der Hand.“ Der Strudel drehte sich immer schneller, und in ihm versanken nicht nur die Mitgliedsbeiträge von Millionen Gewerkschaftsmitgliedern, in ihm versanken auch eine ganze Menge Illusionen.

Hervorgegangen war die Neue Heimat nach dem Ersten Weltkrieg aus dem genossenschaftlichen Wohnungsbau: Wohnungen in Arbeiterhand, geschützt vor Spekulanten und Profitgier. Den kuscheligen Namen bekam sie ausgerechnet von den Nazis, die den Gewerkschaftsbesitz 1933 an sich brachten. Der Aufstieg begann nach dem Zweiten Weltkrieg. Auf den Trümmern der Städte errichtete die Neue Heimat eine halbe Million Wohnungen.

Der Wohnungskonzern war ein wichtiger Baustein im Imperium des DGB, der einzige war er nicht. 1970 gehörten zur Gewerkschaftsholding auch noch die Bank für Gemeinwirtschaft, kurz BfG, mit acht Milliarden Mark Einlage eine Großbank, die Volksfürsorge, damals drittgrößte deutsche Lebensversicherung, und der Handelsriese Coop, größter Lebensmittelhändler der Bundesrepublik. Der DGB schickte sich an, den Kapitalisten zu demonstrieren, wie man erfolgreich Betriebe führt: gemeinwirtschaftlich und ohne Profitinteresse – wofür man im Gegenzug mit reichlich Steuerprivilegien belohnt wurde. Er wähnte sich auf dem dritten Weg zwischen Kapitalismus und Sozialismus.

Auf diesem Weg wuchs die Neue Heimat zu einem Konglomerat ungeheurer Größe heran, mit 30 Tochterfirmen, eine operierte weltweit, in Brasilien, Mexiko und Frankreich, um nur einige Bauplätze zu nennen. Und wenn der Wirbel um den Verkauf des Unternehmens 1986 manch einem wie eine Burleske vorkam, sechs Jahre früher hatte die Affäre als Krimi begonnen.

An einem Samstag im August 1980 betritt John Siegfried Mehnert ein Büro in der elften Etage der Neuen-Heimat-Zentrale in Hamburg. Die Tür zu dem moosgrün und braun gehalten Raum, der mit den vielen Schiffsmodellen ein bisschen so wirkt wie die Kommandozentrale eines hanseatischen Reeders, steht offen. „Zu meiner Erleichterung“, wie Mehnert später bekennt. Hätte er sie sonst aufgebrochen? „Weiß ich nicht“, sagt der ehemalige Konzernsprecher der Neuen Heimat. Mehnert steuert den Schreibtisch an, hinter dem normalerweise Vorstandsmitglied Wolfgang Vormbrock sitzt. Er greift sich einen Schlüssel vom Tisch, widmet sich den Aktenschränken und stößt auf zwei Ordner mit den Aufschriften „Teletherm“ und „Wölbern“.

Anderthalb Jahre später kannte ganz Deutschland den Inhalt dieser Ordner. Mehnert hatte ihn dem „Spiegel“ und dem „Stern“ angeboten. Der „Spiegel“ reagierte schneller, und so erfuhr die Öffentlichkeit im Februar 1982 von den Machenschaften der Neue-Heimat-Manager, allen voran Vorstandsvorsitzender Albert Vietor. Über Strohmänner hatten sie Firmen gegründet, die mit der Neuen Heimat Geschäfte machten. Und saßen damit bei Verhandlungen praktisch auf beiden Seiten. Die Firmen lieferten Wärme, warteten Antennen, erschlossen Grundstücke, Leistungen, für die die Neue Heimat und ihre Mieter teuer bezahlten.

Mehnert bekam Geld für seine Informationen, keine 100 000 Mark, wie die „Bunte“ später schrieb, aber doch einen fünfstelligen Betrag. Er hätte auch Grund gehabt, Rache zu üben, denn die Neue Heimat hatte ihn kurz vor dem – ja, was eigentlich? Einbruch? den Begriff mag Mehnert nicht, „die Tür stand doch offen“ – vor seinem Coup also, gefeuert. Weil er einen Artikel nicht verhindert hatte. Der „Stern“ hatte in großer Aufmachung über den Horror berichtet, den es bedeuten konnte, ein Neue-Heimat-Mieter zu sein, und dazu ein Foto von einem älteren Herrn gezeigt, durch dessen Wohnzimmer eine Regenrinne lief. Aber weder Geld noch Rache hätten ihn zu seiner eigenwilligen Recherche getrieben, beteuert der heute 66-Jährige, der ein bisschen so aussieht wie Dieter Kürten, graumelierter Grandseigneur des ZDF.

Mehnert, vormals Redakteur beim „Spiegel“, war Gewerkschafter. Aus Überzeugung sei er zur Neuen Heimat gegangen. Die Innensicht, die er dort bekam, habe ihn zutiefst enttäuscht: Eine Kontrolle des Managements fand nicht statt, wozu auch, man wähnte sich doch auf der richtigen, der gerechten Seite. Schlimmer aber wog, dass das Management ebenfalls jede Kontrolle verloren zu haben schien.

Die Neue Heimat hatte riesige Siedlungen errichtet, Bremen Neue Vahr, Hamburg Mümmelmannsberg, München Hasenbergl. Mit solchen Großsiedlungen und all ihren Problemen wurde sie nun identifiziert. Sie baute ausschließlich für die öffentliche Hand, dort konnte sie sich auf ihre guten Kontakte in allen Parteien verlassen, auf das dichte Beraternetz. Aber nachdem Großvorhaben wie das Aachener Klinikum und das Berliner ICC mit ihren explodierenden Kosten für Skandale sorgten, gingen viele gute Freunde in Ministerien und Ämtern lieber auf Distanz. Der Konzern blieb darüber auf teuer bezahlten Flächen sitzen, die doch einmal Bauland werden sollten. Sie summierten sich auf 24 Millionen Quadratmeter, was etwa der Insel Borkum entspricht. Nebenher wurden dreistellige Millionenbeträge in Pariser Luxusappartements, Hotels in Monaco oder brasilianischen Urwäldern versenkt, während daheim die Bausubstanz verlotterte, weil die Instandhaltungskasse für die auflaufenden Defizite herhalten musste.

Die private Bereicherung war das i-Tüpfelchen, und darauf konzentrierte Mehnert seine eigenen Recherchen im Haus. Die Veröffentlichung im Februar 1982 kostete Konzernchef Vietor den Job. Erst danach kam das Ausmaß der Katastrophe ans Licht. Vietors Nachfolger Diether Hoffmann versuchte, den Konzern zu sanieren, indem er 60 000 Wohnungen abstieß.

Den Niedergang zu stoppen, gelang ihm nicht. Nach wie vor übertraf der Schuldendienst die Einnahmen. Und aus den Schlagzeilen brachte er das Unternehmen auch nicht. Das, glaubt der Wirtschaftshistoriker Andreas Kunz, Herausgeber der Dokumentation „Die Akte Neue Heimat“, habe die Sanierung in dieser Situation unmöglich gemacht: „Sie schaffen es nicht, die Banken zum Stillhalten zu bewegen, wenn Sie jeden Abend in der ,Tagesschau‘ auftauchen“. Überdies seien der Neuen Heimat Hilfen verweigert worden mit dem Kalkül, die Gewerkschaften und die SPD zu schwächen. Wenn es dieses Kalkül gab, dann ging es auf. Der politische Schaden der Affäre Neue Heimat war immens, bestätigt Hans-Jochen Vogel, „die Gemeinwirtschaft und der Mitbestimmungsgedanke waren auf Jahre diskreditiert.“

Der DGB wurde die Neue Heimat nicht so einfach los. Nach 43 Tagen wurde das Geschäft mit Schiesser rückgängig gemacht. Die Banken spielten nicht mehr mit. Vielleicht seien sie wirklich nicht die Richtigen gewesen, sagt Schiessers damaliger Steuerberater Jürgen Havenstein, für kurze Zeit Neue-Heimat-Geschäftsführer.

Schiesser selbst ist sichtlich erregt. „Verraten worden bin ich“, sagt er, „von Leuten wie Havenstein, der keinen Ton raus brachte, als es darum ging, unser Konzept vorzustellen.“ Die Terrasse ist immer noch leer, eigentlich hätte längst das Frühstück serviert sein sollen. Verraten worden sei er von den Banken, die so taten, als ob sie nicht Bescheid gewusst hätten über die Verhandlungen mit ihm, „das war doch alles abgestimmt“. Und selbst sein eigener Anwalt habe ihn am Ende verraten: „Der hat meine Frau bedroht, er könne nicht mehr für die Sicherheit ihrer Familie garantieren, wenn sie ihren Mann, also mich, nicht dazu bringt zurückzuverkaufen.“ Als er schließlich einwilligte, da hätten sie ihn auch noch um die 14 Millionen Mark gebracht, die er für den Rückverkauf erhalten sollte. Kein Pfennig sei bei ihm angekommen.

Von allen im Stich gelassen – war er am Ende ein gebrochener Mann? Lächerlicher Gedanke. Kurz nach der Wende wollte Schiesser ein noch größeres Rad drehen. „Berliner Bäcker will DDR-Wirtschaft kaufen“ lautete diesmal die Schlagzeile. „Unsinn, aber mein Sanierungsvorschlag wäre Deutschland günstiger gekommen als alles, was die Treuhand angerichtet hat.“ 1997 gingen seine Backbetriebe in Konkurs. Heute ist Schiesser Privatier, wie er sagt.

John Siegfried Mehnert, der den Skandal ins Rollen gebracht hatte, wurde zwei Wochen nach der „Spiegel“-Veröffentlichung im Februar 1982 enttarnt. „Stern“-Chefredakteur Peter Koch habe seinen Namen in einer Redaktionskonferenz genannt. Kurz darauf stand er in der „Bunten“. Mehnert tauchte unter. „Als Arbeiterverräter wurde ich beschimpft“, sogar der eigene Bruder habe sich zeitweise von ihm distanziert. Später nannte er diese Phase „den Brand in der Mitte meines Lebens“. Die Neue Heimat verklagte ihn auf zehn Millionen Mark Schadensersatz, doch den Prozess gewann Mehnert. Er kehrte nie zurück in den Journalismus, eröffnete stattdessen ein Kabarett in St. Pauli, ging als Schauspieler ans Bremer Theater. Und schrieb ein Buch. Es heißt „Die Gewerkschaftsbande“.

Die Neue Heimat fiel zurück an die Gewerkschaftsholding. Ein neuer Sanierer wurde berufen, einer, der die Zustimmung der Banken hatte. Nachdem das Medieninteresse erloschen war, wurde der Konzern langsam und vergleichsweise ruhig abgewickelt. Für die Gewerkschaften war die Krise damit noch nicht vorüber. Die Coop, die BfG, die Volksfürsorge, sie steckten ebenfalls in Schwierigkeiten, auch sie mussten abgestoßen werden.

Vom einstigen Imperium ist dem DGB nichts geblieben. Außer dem Ruf, Gewerkschafter könnten nicht wirtschaften.

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