Zeitung Heute : Heimkehr der Eisköniginnen

Der Tagesspiegel

Von Stephan Wiehler

Ein ganz harmonisches Finale hätte das werden können, gestern am Flughafen Tegel. Denn eigentlich sollten die beiden Olympia-vergoldeten Eis-Schnellläuferinnen Claudia Pechstein und Anni Friesinger am Montagvormittag mit dem selben Flugzeug in Berlin einfliegen. Doch ein gemeinsamer Auftritt wäre für die beiden großen Konkurrentinnen im deutschen Olympiateam vielleicht ein wenig zuviel der Liebe gewesen. Und weil Anni Friesinger erst eine spätere Maschine bestiegen hatte, ging die dreifache Goldmedaillen-Gewinnerin Claudia Pechstein auch in Tegel als erste durchs Ziel.

Als der Lufthansa-Flug LH 1034 aus Frankfurt am Main um 10.42 Uhr mit Claudia Pechstein an Bord am Terminal andockt, haben sich am Gate 8 rund 200 Fans versammelt, um die erfolgreichste Winter-Olympionikin aller Zeiten zu begrüßen. Hinter der Zoll-Abfertigung drängen sich dutzende Reporter und Kamerateams um die Familie der Sportlerin. Auch Bundesinnenminister Otto Schily hat es noch rechtzeitig zum Flughafen geschafft. Er verkürzt die Wartezeit für die Fotografen und nimmt beherzt die kleine Tochter der Schwester von Claudia Pechstein auf den Arm.

Die ankommenden Passagiere blicken etwas ratlos auf den großen Empfang, offenbar hatten sie keine Ahnung, mit wem sie geflogen sind. Erst von den schriftlichen Willkommensgrüßen erfahren sie vom mitgereisten VIP. „Diensdorf-Radlow grüßt seine Bürgerin Claudia Pechstein“, steht auf einem Plakat.

Und dann endlich kommt sie: Zusammen mit Trainer Joachim Franke, die beiden Goldmedaillen aus Salt Lake City um den Hals, gedrückt von Eltern, Ehemann und Minister, in ihren Augen leuchten Olympiaglück und Wiedersehensfreude. Der Präsident des Landessportbunds hat ihr goldene Schlittschuhe mitgebracht, von ihrem Verein gibt es einen weißen Plüsch-Eisbären.

Viel Zeit zum Ankommen bleibt nicht: Der Regierende Bürgermeister wartet schon. Eine Stunde später geht Claudia Pechstein Hand in Hand mit Ehemann Markus Bucklitsch die Freitreppe zum Roten Rathaus hinauf. Zum Fototermin mit Klaus Wowereit trägt sie statt Medaillen einen Cowboyhut.

Inzwischen ist auch Anni Friesinger in Berlin gelandet. Der Empfang in Tegel fällt zwar ungleich stiller aus. „Aber ich habe gehört, dass zu Hause jede Menge geplant ist. Das wird ziemlich heftig“, erwartet die 22-Jährige Bayerin. Öffentliche Aufmerksamkeit für die eigene Person ist ihr dann doch noch sicher, als sie am Nachmittag bei ihrem Sponsor auftritt. Die Firma Rösch in Neukölln macht in Medizintechnik und bedient Diabetiker mit nadelfreien Injektionsspritzen. Von den Journalisten, die am Montag in den Firmensitz kommen, interessiert das allerdings keinen.

Noch ganz benommen vom „jet lack“ einer fast 20-stündigen Reise aus den USA erzählt Anni Friesinger von ihrem Olympiasieg, von den vier persönlichen Bestzeiten, vom „sauberen Eis“ in Salt Lake City. Über die Grenzen ihrer Leistung will sie lieber schweigen: „Über die 5000 Meter möchte ich gar nicht mehr reden.“ Genauso wenig wie über die Rivalität mit Claudia Pechstein. Schluss soll sein mit dem Kampf der Kufenköniginnen. „Wir sollten an den Erfolgen festhalten und nicht an diesen Boulevard-Geschichten“, sagt sie, „ das Thema ist so ausgekaut. Ich will einfach nur meine Ruhe und nach Hause“. Und dort freut sich Anni Friesinger vor allem auf zwei Dinge: „Nach fünf Wochen Amerika möchte ich endlich mal wieder ein richtiges deutsches Brot und einen starken Kaffee.“

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