Zeitung Heute : Heimkehr der grünen Giganten

Mehr als 4000 Pflanzen ziehen bis September wieder in das sanierte Große Tropenhaus ein

Michael Krebs

Man kann nicht behaupten, dass es in den letzten drei Jahren kein Leben im Großen Tropenhaus des Botanischen Gartens Berlin der Freien Universität gegeben hätte. Im Gegenteil: Das historische Gewächshaus war monatelang ein Ort höchster Betriebsamkeit. Seit 2006 wurde kein Stein auf dem anderen gelassen. Der Abriss und Wiederaufbau der Katakomben, das Sandstrahlen, Sanieren und Neubeschichten des historischen Stahltragwerks, der Einbau innovativer Technik, die Installation einer neuen Heizungswasser führenden Stahlfassade, der Einbau eines weltweit einmaligen Sicherheitsglases, das wärmedämmend ist und trotzdem UV-Licht durchlässt, sowie viele andere Arbeiten machten das Große Tropenhaus zu einer der interessantesten Baustellen Berlins. Nicht nur Scharen von Bauarbeitern gingen hier ihrer oft schwierigen Arbeit nach. Auch mehr als 10 000 interessierte Besucher ließen sich bei Präsentationen und Führungen über den Stand der Arbeiten informieren und die Ziele der Sanierung erläutern. Dazu zählt vor allem die Halbierung des bisherigen Energiebedarfs.

Jetzt ziehen wieder die tropischen Pflanzen und damit das normale Leben in das Gebäude ein, das trotz seines Alters von mehr als 100 Jahren noch immer zu den größten freitragenden Gewächshäusern der Welt zählt. Seit Mai werden die etwa 4000 ausgelagerten Pflanzen aus ihren provisorischen Quartieren zurücktransportiert und wieder eingepflanzt.

Die Rückkehr der Pflanzen wurde sorgfältig vorbereitet: Seit vielen Monaten arbeiten die Wissenschaftler des Botanischen Gartens unter der Leitung von Professor Albert-Dieter Stevens und Beat Ernst Leuenberger an einem Pflanzplan. Durch die Mitwirkung der zuständigen Gärtnermeisterin, Henrike Wilke, wird auch die Erfahrung der Praktiker einbezogen.

Bei der Standortwahl für die mehr als 1350 tropischen Pflanzenarten ist nicht nur die historische Einteilung des denkmalgeschützten Hauses in eine Hälfte mit Pflanzen aus der „Alten Welt“ und eine Hälfte mit Arten aus der „Neuen Welt“ zu berücksichtigen. Zukünftig wird noch genauer auf die Zugehörigkeit zu den verschiedenen Kontinenten geachtet, um den Besuchern – auch mit einem überarbeiteten Besucherinformationssystem – die faszinierende Pflanzenvielfalt der Tropen näher zu bringen.

Neben diesen ausstellungspädagogischen Überlegungen müssen die unterschiedlichen Standortansprüche der verschiedenen Pflanzenarten berücksichtigt werden. Beispielsweise ist damit zu rechnen, dass trotz der modernen Klimatisierung des Gebäudes an der Südseite sonnigere und trockenere Bedingungen herrschen als an der Nordseite. Auch die zukünftige Größe der Pflanzen muss beachtet werden. So ist der Riesenbambus (Dendrocalamus giganteus), der bis an die Decke des 26,5 Meter hohen Kuppelbaus wachsen wird, unter den First des Großen Tropenhauses eingepflanzt worden. An dieser höchsten Stelle des Hauses kann er sich in den nächsten Jahren in voller Pracht entfalten.

Bei den Rückpflanzarbeiten ist eine ausgeklügelte Logistik und ein hohes Maß an Präzision notwendig. Eine wichtige Voraussetzung für das gute Gedeihen der teils seltenen Pflanzen ist der Austausch des alten, ausgelaugten und wegen der Bauarbeiten verdichteten und verunreinigten Bodensubstrates durch neue Pflanzerde. Diese wird nach einer besonderen Rezeptur gmischt, die speziell für das Große Tropenhaus zusammengestellt worden ist. Der Substrataustausch in dem insgesamt 1700 Quadratmeter großen Gewächshaus kann jedoch nicht in einem Stück erfolgen. Da das frische Substrat nach dem Einbringen nicht durch die schweren Radlader, mit denen die teilweise tonnenschweren großen Pflanzen herantransportiert werden müssen, verdichtet werden darf, muss der Erdaustausch, der bis in eine Tiefe von 1,6 Metern notwendig ist, in vielen kleinen Abschnitten vorgenommen werden. Während der dreijährigen Sanierung waren die tropischen Kostbarkeiten in provisorischen Gewächshäusern auf dem Gelände des Botanischen Gartens untergebracht. Der Rücktransport der bis zu zwölf Meter hohen und teils sehr ausladenden Großpflanzen ist dabei besonders schwierig. Deshalb bekommt der Botanische Garten Unterstützung durch die Havelländischen Baumschulen, die Erfahrung in der Verpflanzung von Großbäumen haben. Palmen und andere Bäume, die vor drei Jahren in mühevoller Arbeit in riesige Kübel umgepflanzt worden waren, müssen teils in die Horizontale gekippt werden, um mit einem Radlader an jedem Ende im Schneckentempo etwa 500 Meter durch den Botanischen Garten gefahren zu werden. Stämme und Äste müssen vorher geschient und gepolstert werden, damit sie nicht abbrechen oder die Pflanzen Schürfverletzungen erleiden. Als schwierige Hürde beim Pflanzenumzug erweisen sich die Tore des Großen Tropenhauses, durch die die Kronen der großen Bäume möglichst ohne Abknicken und Verletzen der Äste hindurchgezwängt werden müssen. Schließlich müssen die riesigen Pflanzen wieder vorsichtig aufgerichtet und bis zum sicheren Anwachsen so verankert werden, dass sie nicht umfallen können. Entscheidend ist natürlich der Erfolg der ungewöhnlichen Rückpflanzaktion. Beim Auslagern vor drei Jahren haben entgegen den Befürchtungen des Botanischen Gartens nur vier größere Pflanzen den Stress des Auspflanzens nicht überlebt. Eine ähnlich gute Bilanz wird auch jetzt erwartet.

Bis September wird dieser letzte Bauabschnitt der Grundsanierung abgeschlossen sein. Vom 16. bis 20. September 2009 wird das Wahrzeichen des Botanischen Gartens feierlich wiedereröffnet. Im Programm sind unter anderem zwei Tage der offenen Tür mit einer Mischung aus Information und Unterhaltung.

Weitere Informationen:

www.bgbm.org/

tropenhaussanierung

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