Zeitung Heute : Heimkommen, umkommen

Die Vertreibung jüdischer Autoren hat in der deutschen Literatur eine Teilung bewirkt, die auch nach 1945 nicht aufgehoben worden ist. Der wohl bekannteste Fall einer gescheiterten Remigration ist der Alfred Döblins. Zunächst hatte er sich noch als Offizier der französischen Armee für eine "Reedukation" der Deutschen engagiert. Als er dann 1953 Deutschland ein zweites Mal enttäuscht verließ, schrieb er an den damaligen Bundespräsidenten Theodor Heuss: "Es war ein lehrreicher Besuch, aber ich bin in diesem Lande, in dem ich und meine Eltern geboren sind, überflüssig". Ähnliche Erfahrungen mussten auch weniger berühmte Autoren wie Walter Mehring machen, der 1953 aus dem amerikanischen Exil zurückgekehrt war und sich fünf Jahre später verbittert in die Schweiz zurückzog. Ein deutsch-jüdischer Odysseus habe, so der sarkastische Kommentar Friedrich Dürrenmatts, "entweder heimzukommen oder umzukommen". Mehring habe sich damit begnügt, "nur davonzukommen". Mehring selbst hat für das Scheitern seiner Remigration in erster Linie die hierarchisch-elitären Verhältnisse im westdeutschen Literaturbetrieb verantwortlich gemacht. Und selbst Ludwig Marcuse, der erst 1963 aus den USA zurück gekommen war, empfand den bundesrepublikanischen Literaturbetrieb als "die letzte geschlossene Gesellschaft in unserer Welt".

In einer materialreichen Studie hat Stephan Braese die Rolle jüdischer Autoren in der westdeutschen Nachkriegs- und Gegenwartsliteratur als ein "Gegenüber" zu dieser "geschlossenen Gesellschaft" dokumentiert und analysiert. Bestimmend für den eigentümlichen Ort jüdischer Autoren, war, so Braese, "ein einziger sozialgeschichtlicher Sachverhalt: ihre Nicht-Teilhabe an der kollektiven Erfahrung der Deutschen zwischen 1933 und 1945 sowie deren subjektgeschichtliche Aufzeichnung - der anderen Erinnerung". Eine wesentliche Ursache für die Verbitterung der jüdischen Exilanten sei das gespannte Verhältnis zur Gruppe 47 gewesen. Vor allem mit dem für die ideologische Grundierung der Gruppe verantwortlichen Hans Werner Richter schien ein gemeinsamer literarischer Neuanfang unmöglich. So gehörte es zum mehrheitlichen Grundverständnis der Gruppe 47, das Nürnberger Tribunal abzulehnen und deutsche Mitarbeiter der alliierten Militärregierungen als "Kollaborateure" zu titulieren. Auch Marcel Reich-Ranicki berichtet in seiner Autobiographie über den Anpassungsdruck auf diejenigen in der Gruppe, die an der kollektiven Erinnerung der einstigen Wehrmachtsmitglieder nicht teilhatten. Viele jüdische Autoren wie Nelly Sachs, Paul Celan, Erich Fried, Peter Weiss oder Wolfgang Hildesheimer veröffentlichten zwar in deutschen Verlagen, lebten aber überwiegend im Ausland.

Paul Celan zum Beispiel hat nur einmal (1952 in Niendorf an der Ostsee) auf einer Tagung der Gruppe 47 gelesen und dies seinem Lektor Klaus Wagenbach gegenüber als "Katastrophe" bezeichnet. Wie wenig Akzeptanz dem Vortrag des jüdischen Autors entgegengebracht wurde, beweist das abfällige Urteil Richters, Celan habe "in einem Singsang vorgelesen wie in einer Synagoge". Bevor Adorno seinen problematischen Satz über "barbarische" Gedichte nach Auschwitz korrigierend erläutern konnte, hat man ihn genüsslich mißverstanden. Ob nun die Einwände ästhetisch berechtigt schienen oder nicht - sie konnten nicht verhindern, dass die "Todesfuge" auf Grund ihrer suggestiven Musikalität und poetischen Radikalität im Urteil des internationalen Publikums zu dem berühmtesten literarischen Werk über die Vernichtung der Juden geworden ist. Für den deutschen Literaturbetrieb jedoch blieb Celan in den fünfziger und auch noch in den frühen sechziger Jahren von marginaler Bedeutung.

Das analytische Kürzel "Gegenüber" beschreibt aber nicht nur den Gegensatz zwischen jüdischen Exilanten und nichtjüdischen ehemaligen Wehrmachtsangehörigen oder das unterschiedliche Ethos von "innerer" und "äußerer" Emigration - es ging auch um ein Generationenproblem. Die deutschen Schriftsteller der Nachkriegsgeneration betrachteten die jüdischen und nichtjüdischen Exilanten oft als Relikte einer anachronistischen Kultur der zwanziger Jahre. Zwar konnte man einen Thomas Mann nicht übergehen, doch die eigentlichen Vorbilder der jüngeren Autorengeneration waren damals vor allem Camus, Sartre oder Faulkner. So blieb zum Beispiel Hannah Arendt auch dem späteren radikalen Engagement junger deutscher Autoren gegenüber misstrauisch und warf noch 1965 einem Hans Magnus Enzensberger "kurzschlüssigen Escapismus" vor. Aber auch unter den jüdischen Autoren gab es Generationskonflikte und Unterschiede in den poetischen Traditionen. Zwischen Günter Kunert, Wolfgang Hildesheimer, Edgar Hilsenrath, Robert Neumann, Hilde Domin, Paul Celan, Alfred Döblin, Grete Weil oder Nelly Sachs existierten nicht viele literarische Gemeinsamkeiten. Das Problem einer zweifelhaften jüdischen Identität in der deutschen Nachkriegsliteratur sprach Hilde Domin 1960 in einem "Offenen Brief an Nelly Sachs" an, in dem es heißt: "Mögen die Gutmeinenden uns kein falsches und sentimentales Etikett umhängen. Die Stimme wird gehört, weil sie eine deutsche Stimme ist." Der Versuch, jüdische Literatur in deutscher Sprache zu beschreiben, bleibt ein generelles hermeneutisches Problem, das sich nicht auf die Nachkriegszeit eingrenzen lässt. Es macht auch methodisch und historisch wenig Sinn, das "Gegenüber" als westdeutsche Variante zu spezifizieren. Ostdeutsche Literatur war zwar - mehr noch als die frühen Romane Heinrich Bölls - bestimmt von einem Pathos der "antifaschistischen" Solidarität, doch jüdische Thematik kam auch hier kaum vor. Erst mit Romanen wie Jurek Beckers "Jakob der Lügner" (1969) oder Edgar Hilsenraths "Der Nazi und der Friseur" (1977) entstand in der deutschen Literatur so etwas wie ein neuer jüdischer Akzent. Trotz gelegentlicher akademischer Überstrapazierung macht der Begriff "Diskurs" für die Beschreibung des interkulturellen Zusammenhang um den es hier geht, durchaus einen Sinn. Daher hätte man sich auch noch einen Hinweis auf die nach 1945 geborenen jüdischen Autorinnen und Autoren wie Maxim Biller, Barbara Honigmann, Chaim Noll, Robert Schindel oder Rafael Seligmann gewünscht, das heißt einen Ausblick auf die Perspektive eines neuen jüdischen Diskurses in der deutschen Gegenwartsliteratur.

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