Heimwerker : Ich kauf’ mir ein Schloss

Brita Marx’ Auftrag: Häuser zurückbauen. Doch statt Ruinen sah die Luckenwalderin Schützenswertes – Klinken und Griffe, Zargen und Fliesen. Heute handelt sie damit.

Der Mops schläft nicht. Statt draußen im Körbchen zu liegen, läuft er mit zerfurchtem Gesicht, feuchten Augen und schwarzer Hundestrickjacke durch die vollgestellten Flure des Hauses und lenkt die Besucher des Antik- und Trödelmarktes ab, die in Spuren der Vergangenheit wühlen.

„Wieso schläft er nicht?“, fragt Brita Marx ihren Mann. Der Mops heißt Karl. „Karl Marx“, sagt Brita Marx. Sie lacht, obwohl sie das nicht zum ersten Mal sagt. Dass der kleine Hund und der bärtige Gigant Namensvettern sind, ist nichts zum Einmallachen. Das wird wiederverwendet. Der Entscheidung ging eine Qualitätsbestimmung voraus. Eine Abwägung zwischen Wegdamit und Wärschadedrum.

Abwägungen dieser Art gehören seit einiger Zeit zum Alltag von Brita Marx. Nicht im Zusammenhang mit Hundenamenwitzen, sondern im Zusammenhang mit Wohn- und Baustoffen. Deshalb finden die Kunden ihres Trödelmarkts auch nicht nur Trödel, sie finden ebenso alte Dielen, Fenster oder Türen. Eine stammt aus dem Jahr 1880, ist also Zeitzeugin Otto von Bismarcks, hat zwei Weltkriege und den Sozialismus überstanden. Und nun kann man sie kaufen. Oder Plastikfenster aus DDR-Bauten. Alles Artikel aus der Kategorie Wärschadedrum, die vor dem Müll gerettet wurden. Sie sind Teil von Brita Marx’ Geschäftsmodell.

Seit 1994 ist die heute 50-Jährige Abrissunternehmerin und Containerdienstanbieterin und darum mit dem Zerstören und Vernichten oder Entsorgen von Erbautem beschäftigt. Im Rahmen dieser Gewerbeausübung kamen ihr im Jahr 2000 mehrere größere Häuser in ihrem Heimatort Luckenwalde, Landkreis Teltow-Fläming, Brandenburg, vor die Schrottcontainer. Im Auftrag einer Wohnungsbaugesellschaft sollte sie die zurückbauen, wie man es irritierenderweise nennt, wenn Dächer brechen und Wände zerbröseln. Doch was Brita Marx sah, waren funktionsfähige Mehrfamilienhäuser. „Die Häuser waren nicht abbruchreif, es brauchte sie bloß keiner mehr“, sagt Brita Marx. Sie sah Türen, die schlossen, Fenster, die funktionierten, Treppen, denen keine Stufe fehlte, und auf einmal dachte sie jenen Gedanken, der erst zu einem Hobby und dann zu ihrer zweiten Firma führen sollte: „Wär’ doch schade drum.“

Sie ließ bergen, was funktionierte, und fing an, das Geborgene auf ihrem Gewerbehof zu lagern. Und dann kamen im Lauf der Zeit immer mehr Bauteile dazu. Das ist ja das Fatale an dem „Wär’ doch schade drum“-Gedanken, dass er sich irgendwann umkehrt, und man mit der Frage dasteht: Um was wäre es nicht schade? Zwangläufig springt einen so früher oder später der Wahnsinn der ganzen Wegwerferei an. Es ist fast alles längst da, was der Mensch so brauchen könnte, hergestellt unter Aufwand und Einsatz von Ressourcen, und dennoch wird immer noch mehr Neues hergestellt und Altes, weil bereits benutzt, weggeworfen.

Es gibt für diesen Aufwand und Ressourceneinsatz einen eigenen Terminus. Er lautet: graue Energie. Graue Energie ist jene, die zur Herstellung von Waren, für ihren Transport, ihre Lagerung und ihre Entsorgung eingesetzt wird. Sie kauert unsichtbar, schwer zu berechnen und vielfach ohnehin ignoriert in sämtlichen jemals hergestellten Gütern. Der Häuserbau verbraucht besonders viel davon. „Die graue Energie eines Gebäudes kann dem Betriebsenergieverbrauch von weit über 20 Jahren entsprechen“, heißt es beim Projekt „Gutebaustoffe“, das, unterstützt unter anderem von Umweltbundesamt und Baugewerbe, nachhaltigere Methoden am Bau sucht.

Die Nachhaltigkeitssicht auf das Baustoffwesen hat vor zehn Jahren in Bremen zur deutschlandweit ersten Bauteilbörse geführt. Zwei Architektinnen entdeckten den energetischen Wert alter Dielen, Ziegel, Treppen, Zäune, Fenster und Türen. Sie haben sich sogar vom Öko-Institut Freiburg ausrechnen lassen, dass es eine klare Energieeinsparung gibt, wenn man gebrauchte Bauteile wiederverwendet.

Aber nicht nur wegen des ökologischen Gewissens und der günstigeren Gebrauchtwarenpreise werden die alten Bauteile gekauft, sie haben auch einen speziellen Charme.

Auch Brita Marx hat beim Blick auf ihre Sammlung geretteter Bauteile festgestellt, dass die meisten einen nicht unerheblichen Wiederverkaufswert besitzen. Sie begann, den Altteileverkauf zu organisieren und betreibt seit 2008 ebenfalls eine Bauteilbörse, wie ihre Bremer Kolleginnen, mit denen sie im Bauteilnetz Deutschland – auch ein Förderer des „Gutebaustoffe“-Projekts – organisiert ist.

Diese Bauteilbörsen sind im Grunde Verkaufsportale im Internet, Online-Kataloge, in denen akribisch aufgelistet ist, was an Gebrauchtem zu haben ist. Manches ist nur zehn oder 20 Jahre alt, anderes wurde vor 1940 hergestellt, das nennt sich dann „historische Bauteile“. Wer die Kunden sind? „Alle“, sagt Brita Marx, vom Privatmann, der sich ein Bauernhaus herrichtet, über Handwerker und Architekten bis zu Filmschaffenden auf der Suche nach Requisiten. Sie finden im Katalog alte Bücher, Orden und eben auch 26 Kunststofffenster aus einem 1993 renovierten Plattenbau, Höhe 140 Zentimeter, Breite 65 Zentimeter, Preis pro Stück 60 Euro. Oder eine zweiflügelige Hauseingangstür aus Eiche mit Glasfüllungen, die aus einem 1895 erbauten Lazarett stammt. Zustand: gut. Höhe: 2,80 Meter, Breite: fast zwei Meter. Es gibt davon nur die eine, und die kostet 2600 Euro. „So eine Tür nachbauen zu lassen, das würde 4000 oder 5000 Euro kosten“, sagt Brita Marx. Bevor die Kunden ihre Bauteile kaufen, kämen sie meist vorbei, um die Ware in Augenschein zu nehmen. „Man muss das sehen“, sagt Brita Marx.

Was man bei ihr in Luckenwalde sieht, ist erstaunlich genug. Brita Marx hat es nicht dabei belassen, ihre Bauteile aufzumessen und auszupreisen. Um zu zeigen, was sich aus dem Alten machen lässt, hat sie ein Gebäude auf ihrem Betriebsgelände damit ausgebaut. Sie hat auch Möbel im Angebot, dann kam noch Geschirr dazu und alles, was man heute Trödel nennt. Längst hat sie ihr Herz an die Baustoffe und ihr Trödelhaus verloren. Wenn ihre Tochter, heute 26 und BWL-Studentin, eines Tages die Abriss- und Containerfirma übernimmt, will die Mutter sich nur noch um ihren Zweitbetrieb namens Brita Marx Historie kümmern.

Am vergangenen Sonntag waren die 600 Quadratmeter Verkaufsfläche zum regelmäßig stattfindenden Trödel- und Antikmarkt aufgeschlossen, und nun drängen sich die Menschen hier. Viele kennt Brita Marx schon, und immer wieder heißt es „hallo!“, und „auch wieder da!“ Draußen sind noch mal 2000 Quadratmeter Grundstück, auf dem die Baustoffe gelagert sind. Unter einem langen Carport lehnen Türen und Fenster aneinander, Kisten voller Kacheln und Fliesen stehen dicht an dicht, und es riecht nach Rauch, denn in einer Zinkwanne brennen gegen die Kälte Holzscheite.

Drinnen dienen alte Mauersteine in einem Zimmer als Verkleidung für ein Buchregal, im nächsten fassen sie dicke Bohlen ein, die einen fachwerkartigen Raumteiler bilden. In den Zimmern biegen sich Tische unter Geschirr, Besteck, Vasen, Büchern, Gläsern. Die Kunden laufen hier wie durch eine übervolle Wohnung, aus der sie jedes Teil herauskaufen können. „Ein Paradies“, sagt eine Frau. Sie suche nichts, sagt sie, finde aber immer etwas.

Im Untergeschoss des Hauses hat Brita Marx einen Raum voller reich verzierter Türbeschläge und gusseiserner Schlösser. Eins davon, das größte, hat einen Engelkopf am Griff. Ein lächelndes Gesicht mit Lockenhaaren drumherum. Es stammt aus einer märkischen Dorfkirche, die abgerissen wurde, und wäre wohl im Müll gelandet, hätte nicht jemand gedacht: „Wär’ doch schade drum."

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