Zeitung Heute : Heiraten ist spannend (Fernsehkritik)

Uta-Maria Heim

Gegensätzlicher hätten die beiden Hochzeitsshows zum 9.9.99 nicht ausfallen können. ZDF und Sat 1 rivalisierten im Hauptabendprogramm um die Quote, und egal, bei welcher Live-Übertragung man um 20 Uhr 15 gelandet war, man konnte sich unmöglich wegzappen. Spannend war beides.

Christian Clerici moderierte auf Sat 1 "Heirate mich!": Eine unglaublich schnelle Show, die neben einigen kühnen Lebend-Effekten vor allem auf den Zauber aus der Konserve setzte. Die eigentlichen Events waren meist vorher gelaufen, die Einspielungen wurden aufgeführt, die Auserwählten dabei leider vorgeführt. Das rührende kleine Mädchen, das möchte, dass seine Mutter "den Axel" heiratet, zum Schluss die spontane Live-Hochzeit, die abgenudelt wirkt: Da wurde zu Gunsten der Sensation die persönliche Würde hinten angestellt. Nur ein einziger Coup gelang, bei der fröhlichen Trauzeugin, die plötzlich selber Braut wurde. Diese Szene hatte Charme, sie wirkte natürlich, aber man hatte keine Zeit für Tränen.

Bei Michael Schanzes "Trau Dich" im ZDF war das anders. Dort hatte man für alles Zeit, was eine traditionelle Hochzeit ausmacht: Brautkleid, Brautstrauß, Hochzeitstorte. Denn es gab nur ein einziges Traumpaar: Corinna und Michael gaben sich vor laufender Kamera in aller Seelenruhe das Ja-Wort. Das Publikum hatte sie im Vorfeld ausgewählt, und für sie war alles vom Feinsten. Zwischen gediegenen Showeinlagen wurde ausgewählt, probiert und ausstaffiert, bis sich zum Abspann die ganze Gesellschaft im Walzertakt drehte.

Keine Frage, die Show im ZDF wirkte sehr viel sympathischer. Zwar wurde man das Gefühl nicht los, dass sich die dort gewählte Ästhetik an die Zuschauergruppe jenseits des Vorruhestands richtete, aber man muss sich dabei schon fragen, wie verkommen die eigenen Sehgewohnheiten sind. Bestimmt das Werbeclip-Tempo bereits den Rhythmus unserer gesamten visuellen Wahrnehmung? Und woran liegt es eigentlich, dass Corinna und Michael niemals peinlich wirkten, obwohl Michael eine Zeitlang stark schwitzte? Liegt es nicht daran, dass sie genügend Raum bekamen, dass die Show sich Zeit ließ? Zeit bedeutet im Fernsehen Achtung und Würde. Wir aber, die Zuschauer, sind die würdelose, gehetzte, verzerrte Darstellung von Personen und Ereignissen längst gewohnt.

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