Zeitung Heute : Heiraten

i.A. Marius Meller

Wie ein Neuberliner die Stadt erleben kann

Der Neuberliner ist verhindert. Er heiratet. Da sein Arbeitsethos beispielhaft ist, hat er sich im Augenblick des Ja-Wortes nicht nur seiner kommenden Pflichten als Ehemann besonnen, sondern auch der aktuellen als Neuberliner und Kolumnist.

Es ist dies eine Pflicht, der er eigentlich am Dienstag nachkommen wollte. Die Kolumne sollte einen Tag früher als üblich an die Redaktion gesendet werden, da am Mittwoch alle Konzentration dem Ja-Wort gelten sollte. Nun stand jedoch der Dienstag ganz im Zeichen der Hochzeitsvorbereitung, eine oft unterschätzte, möglicherweise viel verantwortungsvollere Tätigkeit als das bloße Ja-Wort-Sagen. Darüber vergaß der Neuberliner seinen Vorsatz, schrieb die Kolumne nicht – und erinnerte sich erst im Angesicht der Standesbeamtin an die Kolumnistenpflicht.

Er sagte rasch Ja, gab der Braut einen Kuss, welchen kritische Beobachter als „eher flüchtig“ beschreiben, fasste die Braut bei der Hand, verließ mit ihr das Standesamt, ließ sich und die Braut mit Naturreis bewerfen, löste sich von der Hand der Braut und hatte noch das ein oder andere Naturreiskorn im Haar, als er sich an einen Hochzeitsgast wandte, welchem sofort die fahle Gesichtsfarbe des Frischgetrauten auffiel. Der Gast hielt sich mit heiratskritischen Kommentaren zurück und lauschte dem Fahlen: „Ich habe meine Kolumnistenpflicht nicht erfüllen können, die Hochzeitsvorbereitungen, du verstehst, und nun, gerade, als ich Ja zu sagen hatte, fiel es mir ein: Die Kolumne muss sofort geschrieben werden. Der Redaktionsschluss steht bevor.“ Die nichteingeweihte Hochzeitsgesellschaft ließ derweil das Paar hochleben und erwartete vom Bräutigam vor allem: frohgemute Anwesenheit. Der Gast erkannte, dass nur eines helfen konnte: sofortiger Kolumnistenbeistand. Er wohne zwar seit 36 Jahren in der Stadt, würde sich mithin kaum als Neuberliner im engeren Sinne verstehen, wolle jedoch dem Kolumnenleser die Situation gern erklären und um Verständnis werben, so der Gast.

Dies hat er hiermit getan und wird sich in wenigen Augenblicken unter die Feiernden mischen. Das Gesicht des Neuberliners hat wieder Farbe angenommen. Er erfüllt seine Pflicht als Bräutigam glänzend.

Heiraten auch Sie! Vertrauen Sie auf Ihre Hochzeitsgäste, die hauen Sie da raus.

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