Zeitung Heute : Heiß-kalte Wechselbäder

KOMISCHE OPER Dirigent Patrick Lange lotet in Webers „Der Freischütz“ romantische Abgründe aus.

UWE FRIEDRICH

Bereits während des Studiums hat der Dirigent Patrick Lange den „Freischütz“ gründlich analysiert – und schon damals war er begeistert von den romantischen Abgründen in Carl Maria von Webers Partitur. Mit dem Begriff „Nationaloper“ kann er allerdings nur wenig anfangen. Dass er nach Wagners „Meistersingern von Nürnberg“ nun ein weiteres deutsches Zentralwerk dirigiert, sieht der Generalmusikdirektor der Komischen Oper eher als Zufall: „Ich sehe das gar nicht als besonders deutsche Thematik. Alle Figuren in dieser Oper werden von ihren Ängsten getrieben und beherrscht. Wie weit würde ich persönlich für eine Sache gehen? Diese zentrale Frage steht über dem Werk. Schützenfest und Teufelsglaube sind da gar nicht entscheidend. Weber baut ein faszinierendes Stimmungsbild mit seiner Musik. Er kommt zu ganz neuartigen, ja revolutionären Lösungen, die auch heute noch wirken.“

Im Gegensatz zu den späteren romantischen Opern wird bei Weber der musikalische Ablauf noch von Sprechtexten unterbrochen. Die einzelnen Musiknummern können zu einer Aneinanderreihung von Wunschkonzerthits zerfallen, die keine dramatische Dringlichkeit erlangen. Dann muss der Dirigent mit jedem Orchestereinsatz ganz schnell wieder die Betriebstemperatur erhöhen. Allerdings hat Weber dem Dirigenten die Arbeit durch seine musikalischen Motive bereits erleichtert, betont Lange. „Schon wie diese Pizzikatoschläge den Blick ins Grauenhafte öffnen, ist einfach genial. Es gibt nur wenige Opern, die eine solche Atmosphäre entwickeln. Das hat fast schon Suchtcharakter, diese Musik zieht mich in ihren Bann mit ihrer romantischen Wärme und Sehnsucht, dann wieder mit einer geradezu schockierenden Kälte.“

Gerade der biedermeierliche Humor in den Auftritten Ännchens birgt allerdings auch Probleme. Wenn sie ihre Freundin Agathe mit der Ballade von Nero, dem Kettenhund, ablenken möchte oder sich ihre glückliche Zukunft an der Seite eines schlanken Burschen erträumt, hat nicht nur der Regisseur Calixto Bieito ein Problem, sondern auch der Dirigent, wenn er die Spannung in der Schauergeschichte halten will. „Hier ist der historische Abstand zur Erzählweise der Oper am deutlichsten spürbar“, meint Lange, „selbst die beste Freundin kann die Stimmung Agathes nicht aufhellen. Dieser Moment ist sehr wichtig, um Agathes große Sehnsuchtsarie zu motivieren. Die kann ihre melancholische Wirkung erst richtig entfalten, wenn Ännchen vorher ihr vermeintlich heiteres Lied gesungen hat.“ Diese ständigen Stimmungswechsel erfordern vom Dirigenten eine große Flexibilität. Weber verwendet volkstümliche Melodien, die nach der Uraufführung im Schauspielhaus am Gendarmenmarkt sofort auf den Gassen geträllert wurden, aber auch komplizierte harmonische und rhythmische Muster, die auf der Bühne und im Graben höchste Konzentration verlangen. Die richtige Balance zwischen schnellen und langsamen Teilstücken zu finden, ist eine Herausforderung für jeden Dirigenten, für Patrick Lange aber nicht die spannendste Aufgabe bei dieser Oper. „Viel aufregender ist die Palette an Klangfarben, die Weber mir anbietet. Es gibt da sehr viele Möglichkeiten, bei denen auch ein Dirigent sehr theatralisch denken muss.“

Obwohl der „Freischütz“ als die deutsche Nationaloper par excellence gilt, ist das Stück nicht allzu populär. Bergen unsere Wälder keine Geheimnisse mehr? Haben wir unsere Ängste im Griff? Dem glücklichen Ende traut Patrick Lange jedenfalls nicht recht über den Weg: „Das sieht erst mal nach einem konventionellen Opernfinale aus, mit Chor und Solisten und allgemeinem Glück. Aber in der deutschen Romantik tun sich auch immer Abgründe auf. Und die interessieren mich besonders.“

UWE FRIEDRICH

Premiere 29.1., 19 Uhr

Auch 4., 7., 21. und 24.2.

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