Zeitung Heute : Heiße Luft, teuer bezahlt

„Wir sind die Letzten, die die Öffentlichkeit scheuen“, sagt ihr Anwalt. Dennoch schweigen die Aubis-Manager Wienhold und Neuling vor Gericht. Sie gelten als Schlüsselfiguren im Berliner Bankenskandal. Aber dieser Prozess wird die Affäre noch lange nicht aufklären können.

Katja Füchsel

Kopf runter – und durch. Mit verbissener Miene bahnt sich Klaus Wienhold seinen Weg durch die Menge zum Gerichtssaal 700. Fotografen schimpfen im Gedränge, der Verteidiger an Wienholds Seite blafft zurück. Sein Geschäftspartner Christian Neuling geht seinen Auftritt im Berliner Landgericht gelassener an, stellt sich im Flur sogar kurz den Kameras. Nein, zu den Vorwürfen wolle er sich jetzt nicht äußern, sagt er. Verstehen Sie doch, bitte. „Aus Respekt vor dem Gericht.“ Dann gesellt sich Neuling an Wienholds Seite auf die Anklagebank. In Sachen Garderobe haben sich die Manager mit den grau melierten Haaren für dieselbe Strategie entschieden: Beide tragen einen dunklen Anzug, ein hellblaues Hemd, dazu einen gemusterten Schlips. Die Uniform der Geschäftsmänner.

Es ist eine Premiere. Mehr als drei Jahre nach der Berliner Parteispenden- und Bankenaffäre beginnt am Montag der erste große Prozess gegen zwei Schlüsselfiguren des Skandals: Klaus Wienhold, 54 Jahre alt, und Christian Neuling, 60, die Manager der Immobilienfirma Aubis, sowie zwei Mitangeklagte müssen sich vor dem Berliner Landgericht wegen Betrugs verantworten. Sie sollen gemeinsam mit dem Leipziger Wärmelieferanten Elpag durch überhöhte Heizpreise einen Millionenschwindel eingefädelt haben – was die Angeklagten bestreiten. Ein Mammutverfahren, für das zunächst einmal 19 Verhandlungstage angesetzt sind. Immerhin, Wienholds Verteidiger verspricht Aufklärung, obwohl alle vier Angeklagten am ersten Verhandlungstag schweigen: „Wir sind die Letzten, die die Öffentlichkeit scheuen“, sagt der Anwalt.

Prozess im Terroristensaal

Als wollten sie die Worte des Juristen unterstreichen, blicken Wienhold und Neuling selbstbewusst durch den Saal, die Arme halten sie über der Brust verschränkt. Mit den beiden Aubis-Managern begann der größte Finanzskandal der Berliner Nachkriegsgeschichte. Anfang der 90er Jahre hatte die Firma Aubis den Kauf von Tausenden Plattenbauwohnungen mit Krediten der Bankgesellschaftstochter Berlin Hyp finanziert. Die Aubis-Inhaber zeigten sich großzügig und spendeten der Berliner CDU 40000 Mark. Das Geld hatte Wienhold dem damaligen Berlin Hyp-Chef und Unions-Fraktionsvorsitzenden Klaus Landowsky in bar überreicht. Mit den Krediten und der Spende löste Aubis 2001 die Berliner Parteispenden- und Bankenaffäre aus. Die große Koalition zerbrach. Beim Prozess gegen Wienhold und Neuling spielt die Spende allerdings keine Rolle.

Der Vorsitzende Richter hat den Prozess in den Saal 700 gelegt, eine Festung, die im Hause auch der Terroristensaal genannt wird. Wegen der Sicherheitsschleuse vor der Tür, den panzerglasgesicherten Anklagebänken und den Gittern vor den Fenstern. Hier, im obersten Stockwerk, musste sich bereits der Terrorist Johannes Weinrich verantworten, die Attentäter der Diskothek La Belle – und jetzt Wienhold und Neuling. Nicht, dass irgendjemand die Manager für gemeingefährlich halten würde, aber der Saal 700 ist gleichzeitig der größte im Hause, und das Gericht hat zur Premiere viele Zuschauer erwartet. Aber jetzt sind gut die Hälfte der Plätze im Saal unbesetzt.

Es ist aber auch ein trockener Stoff, den die Staatsanwältin als Anklage 14 Seiten lang verliest. Da geht es um Wohnanlagen-Komanditgesellschaften, Einzelzeichnungsberechtigte, Liquiditätsengpässe, Wärmelieferungserträge… Der Vorwurf in Kürze: Aubis hatte Anfang der 90er Jahre den Kauf von ostdeutschen Plattenbauten über Kredite der Berlin Hyp in Höhe von rund 300 Millionen Euro abwickeln können. Etwa 14000 Wohnungen gehörten zum Aubis-Bestand, als die Firma finanziell ins Schlingern geriet. Die Bank sprang noch einmal ein und vereinbarte mit Aubis ein Sanierungskonzept. Dabei aber sollen Wienhold und Neuling laut Anklage behauptet haben, der Leipziger Energiedienstleister Elpag sei ein von Aubis unabhängiges Unternehmen. Tatsächlich sollen die beiden Manager von den Elpag-Gewinnen profitiert haben, die nach Ermittlungen der Staatsanwaltschaft in den Plattenbauwohnungen durch überhöhte Preise anfielen. Aber auch diese Frage ist strittig. „Die Preise waren zur Zeit des Abschlusses marktgerecht“, sagt der Verteidiger des mitangeklagten Elpag-Mitarbeiters.

Ein lukratives Geschäft. Zwischen Januar und September 2000 soll der Berlin Hyp laut Staatsanwaltschaft so ein Schaden von 800000 Euro entstanden sein. Da die Wärmelieferungsverträge eine lange Laufzeit hatten, drohte der Bank nach den Berechnungen der Ankläger sogar ein Schaden von 15 Millionen Euro. Die Berlin Hyp ist eine Tochter der landeseigenen Bankgesellschaft Berlin, die durch den Skandal an den Rand der Pleite kam. Berlin hat für die Bankgesellschaft mit mehr als 20 Milliarden Euro gebürgt.

Als das Geschäft im Frühjahr 2002 aufflog, schlossen sich hinter Wienhold und Neuling zunächst die Gefängnistore. Erst nachdem sie jeweils eine Kaution von 950000 Euro hinterlegt hatten, entließen die Richter sie nach Hause. Das Gericht zog ihre Reisepässe ein, und einmal wöchentlich hatten sich die Geschäftsmänner bei der Polizei zu melden – wogegen Neuling im August 2003 allerdings erfolgreich Beschwerde einlegte. Wegen der Dauer des Verfahrens hob das Gericht die Haftbefehle wieder auf, die Männer bekamen ihre Kaution zurück und gingen in einer Charlottenburger Altbauvilla fortan wieder ihren Geschäften nach. „Wir kommen täglich her zur Arbeit“, erklärte Wienhold nach seiner Haftentlassung.

Ansonsten halten sich die beiden Manager über ihre derzeitigen geschäftlichen Aktivitäten eher bedeckt. In der Charlottenburger Altbauvilla weist heute kein Schild mehr den Weg zur Unternehmensgruppe. Während eine Kamera die Besucher ins Visier nimmt, wimmelt eine Empfangsdame unerwünschten Gäste ab. „Sie können gerne eine Nachricht hinterlassen“, erklärt die Frau, doch Rückrufe von Wienhold und Neuling bleiben zumeist aus. Wer aber regelmäßig ins Handelsregister blickt, weiß, dass sich Wienhold und Neuling noch längst nicht aufs Altenteil zurückgezogen haben: Die „Wohnanlage Leipzig Dr. Neuling GmbH & Co“, die „Wohnanlage Schmalkalden Wienhold GmbH & Co“, die „Wohnanlage Brandenburg Dr. Neuling GmbH & Co“ sowie die „Wohnanlage Halle Wienhold GmbH“ haben erst kürzlich ihren Sitz nach Westerland auf Sylt verlegt. Die neue Anschrift lautet: Aubis-Hotel, Bomhoffstraße. „Eines der freundlichsten Hotels auf der Insel“, heißt es auf der Internetseite – und: „Herzlich willkommen!“

Ihre unbestreitbar beste Zeit hatten die beiden Unternehmer aber vor dem Mauerfall, in der Berliner CDU waren sie wichtige Leute: Der Diplom-Ingenieur und promovierte Kaufmann Neuling und Parteifunktionär Wienhold. Damals, als Bau-Wirtschaft und Politik im eingemauerten West-Berlin vieles gemein hatten. Jeder kannte jeden in dieser Stadt, die um ihr Überleben rang und dabei auf die Hilfe des Bundes angewiesen war. Es entstand ein Geflecht aus Subventionen und Abhängigkeiten.

Auch Karrieren, wie sie Christian Neuling und der Ex-Polizist Klaus Wienhold machten, wären vermutlich in keiner anderen Stadt Deutschlands so möglich gewesen. In die Berliner Politik stieg Neuling 1979 ein. Bis 1987 saß er im Abgeordnetenhaus, ging dann für sieben Jahre in den Bundestag. Wienhold war nach 13 Jahren als Bereitschafts- und Kriminalpolizist 1981 in die Politik gewechselt. Zehn Jahre später bauten Klaus Wienhold und Christian Neuling zusammen die Aubis-Gruppe auf, um in Ostdeutschland mit dem kreditfinanzierten Ankauf und der Sanierung von Plattenbauten eine schnelle Mark zu verdienen. In ihrer Blütezeit zählten laut Staatsanwaltschaft 60 Gesellschaften zur Aubis-Unternehmensgruppe. Wie viele davon heute noch existieren, ist unbekannt.

Geprellte Mieter

Tatsächlich ist der Prozess gegen Wienhold und Neuling eher ein Nebenprodukt der Ermittlungen im eigentlichen Berliner Bankenskandal, dem bislang größten der deutschen Geschichte. Mindestens 675 Millionen Euro wird die Stadt Berlin die Affäre bis 2006 kosten. Doch um eines der eigentlichen Probleme, die millionenschwere Kreditvergabe der Bankgesellschaftstochter Berlin Hyp an Aubis, geht es in Saal 700 nicht. Die Ermittlungen gegen die verantwortlichen Bankmanager – unter anderem gegen den ehemaligen Vorstand Klaus Landowsky und Ex-Vorstandssprecher Wolfgang Rupf – sind noch nicht abgeschlossen.

Es ist nicht nur der selbstbewusste Blick der Angeklagten, der verrät, was die Aubis-Manager zu den Betrugsvorwürfen der Anklage zu sagen haben. Bereits im vergangenen Jahr saß Wienhold vor Gericht. Dabei ging es um falsche Betriebskostenabrechnungen, durch die rund 2000 Mieter geprellt wurden. Zum Prozessauftakt ergriff Wienhold erfreut das Wort: Endlich finde er Gehör für das, was er zu sagen habe. Über ihn, seinen Geschäftspartner Neuling und ihre Immobilienfirma sei ein negatives und falsches Bild gezeichnet worden. „Ich bin ohne Fehl und Tadel durchs Leben gegangen“, sagte der Geschäftsmann. Das Amtsgericht Tiergarten verurteilte Wienhold wegen Betruges zu einer Geldstrafe von 50000 Euro.

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