Zeitung Heute : Heiße Ohren

Die berühmtesten Hasen der Welt sind keine Tiere. Hugh Hefner klebte den Kellnerinnen seines „Playboy“-Clubs einfach weiße Puschelschwänze an. Wie 1960 in Chicago das Bunny erfunden wurde.

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Von Esther Kogelboom Im Chicago der späten 50er Jahre gab es nicht besonders viel zu tun für Geschäftsmänner, die sich nach Feierabend angemessen amüsieren wollten. Gut, rund um die East Ohio Street warteten ein paar Bars auf Kundschaft – das East Inn, das Chez Paree, das Black Orchid –, doch ein Nachtclub, der gleichermaßen sophisticated und ungezwungen war, existierte nicht.

Hugh Hefner war schon immer der Typ, der die Dinge, die ihm fehlten, einfach erfand. So hatte er es ja auch gegen alle Widerstände mit seinem Magazin „Playboy“ gemacht, dessen Redaktion sich im obersten Stockwerk 232 East Ohio Street befand. Bis spät in die Nacht brannte hier Licht, die Auflagen stiegen, das Heft wurde dicker. Immer wenn Hefner gegen ein Uhr mit seinen Partnern in dem alten Aufzug nach unten fuhr, wo sein silberfarbener Mercedes 300SL parkte, kam die Frage auf: Und was machen wir heute Nacht? Brauchte die Stadt nicht einen neuen Club, eine Art begehbaren „Playboy“?

Der Ort war mittels eines befreundeten Immobilienmanagers schnell gefunden, die Inneneinrichter auch, und so verwandelten sich die Räumlichkeiten des früheren Colony Club in den modernsten Hang-out der Stadt. Von der Bibliothek bis zum Play Room mit ausufernder Bar war auf vier Stockwerken alles da, was ein Männerherz sich wünschen kann, nur eines fehlte: die Mädchen.

Klar, Hefner wollte die glamourösesten Kellnerinnen der Stadt. Er wollte junge Dinger in transparenten Negligés, Playmates, die aussehen sollten, als seien sie direkt dem Centerfold seines Magazins entsprungen. Bei der alles entscheidenden Besprechung waren jedoch nicht nur Hefner und seine beiden Partner, Mr. Lownes und Mr. Morton, anwesend, sondern auch eine Bekannte von Mr. Lownes. Ilse Taurins, eine junge Lettin, schlug vor, die Negligés zu vergessen und stattdessen das Hasenlogo als Vorbild für die Garderobe der Kellnerinnen zu wählen. Die Herren zeigten sich angetan, und Ilse Taurins’ Mutter, eine Schneiderin, nähte über Nacht den ersten Prototyp des legendären Bunny-Kostüms. Es waren zwei Frauen, Mutter und Tochter, die den Look des fleischgewordenen „Playboy“-Häschens prägten.

Dabei verlief die erste Anprobe vor männlichem Publikum zunächst enttäuschend. Hefner, Lownes und Morton spazierten um Ilse Taurins herum, die sich mitten in dem Ballsaal der ersten „Playboy“-Mansion positioniert hatte, und begutachteten Ilse weißes, fluffiges Schwänzchen. Sie waren sich einig: Das Kostüm wirkte wie ein Badeanzug, nett anzuschauen zwar, aber züchtig irgendwie – bis Hefner das Mädchen bat, den Beinausschnitt des Korsettteils bis über die Hüftknochen zu ziehen. Ilse Taurins gehorchte brav, ihre Beine wirkten nun gut und gerne 15 Zentimeter länger. Die Herren nickten. Dann kam Hefner auch noch mit der Manschettenidee: Um den Schwimmbad-Eindruck vollends zu tilgen, forderte er Manschetten für die Häschen-Handgelenke sowie einen frei schwebenden Hemdkragen für den Häschen-Hals.

Am 4. Januar 1960 erschien eine Annonce in der „Chicago Tribune“: „Wir suchen 30 Singlemädchen zwischen 18 und 25, die unsere exklusive Klientel bedienen und gleichzeitig als Raumschmuck dienen. Erfahrung nicht notwendig. Schönheit, Charme und gute Manieren Voraussetzung.“

Chicago suchte und fand die Superbunnys. Am Samstag darauf drängelten sich mehr als 400 junge Mädchen im „Playboy“-Fotostudio. „Die meisten waren furchtbar“, erinnert sich Lownes in Russell Millers Buch „Bunny – The Real Story of Playboy“. Die Ansprüche waren hoch, der Lohn auch. Pro Woche sollte ein Bunny 250 Dollar verdienen. Die Mitgliedschaft im „Playboy“-Club kostete einmalig 50 Dollar, ein Drink, ein Steak oder ein Päckchen Zigaretten wurden mit je 1,50 Dollar abgerechnet.

Der Abend des 29. Februar 1960 war kalt, ein eisiger Wind blies vom Lake Michigan in die Stadt. Trotzdem standen die Männer Schlange vor dem „Playboy“-Club, der zum ersten Mal seine Pforten öffnete, während die 30 frisch gecasteten Bunnys sich drinnen warm liefen. Kaum hatte die Party begonnen, sahen sich die Mädchen mit der arbeitsreichen Realität konfrontiert. Es ging weniger darum, dekorativ herumzustehen als darum, schwere Tabletts mit Cocktails zu transportieren, das Lächeln im Gesicht zu behalten und das Trinkgeld weisungsgemäß im Dekolleté verschwinden zu lassen. Nach einer Weile legten, sehr zum Missfallen des Chefs Hef, die ersten erschöpften Bunnys ihre Ohren ab. „Diese Ohren bringen mich um“, sagte ein Mädchen. „Es ist unmöglich, sie zu tragen.“ Doch die Männer kannten kein Erbarmen: Die Satin-Ohren, die an einem pieksenden Haarreif befestigt waren, seien niemals, zu keiner Zeit und unter keinen Umständen abzulegen. Das war nur das erste einer Reihe von Gesetzen, die etwas später im „Bunny Manual“ verewigt wurden.

So durften die Frauen nicht vor der Kundschaft rauchen, essen oder trinken. Sie mussten vorgeschriebene, servile, fast schon akrobatische Körperhaltungen einnehmen, den „Bunny Stance“ (kerzengrade Position, linker Fuß hinter dem rechten), den „Bunny Dip“ (leicht nach hinten gebeugte Position, vorgeschobene Hüften, ausgestreckter linker Arm, Tablett auf der rechten Hand) und den „Bunny Perch“ (Kombination der Positionen unter Zuhilfenahme eines Klappstuhls).

Die leicht bekleideten Häschen waren die Hauptattraktion im Club. Amerika befand sich irgendwo zwischen grenzenloser Prüderie und – dank Kinsey-Report und Einführung der Antibabypille – beginnender sexueller Revolution. Es war noch die Ära Dwight D. Eisenhowers, doch John F. Kennedy war bereits Präsidentschaftskandidat. Der Kalte Krieg war in vollem Gange, die „Playboy“-Bildbearbeiter achteten streng darauf, dass kein Schamhaar seinen Weg ins Blatt fand, Oralverkehr war offiziell verboten – und den Bunnys war es untersagt, „private Kontakte“ mit der Kundschaft zu pflegen. Wer seine Telefonnummer herausgab oder einem Clubbesucher den Zeitpunkt des Schichtendes verriet, wurde fristlos entlassen. Freunde oder Ehemänner, die ihre Frauen nach Dienstschluss abholen wollten, mussten zwei Blocks vom Club entfernt warten.

Hugh Hefner legte großen Wert auf das kernseifensaubere Image seiner Hasenfamilie.

Hefners Bruder Keith kümmerte sich um die Rekrutierung von immer mehr jungen Frauen. Er war es auch, der das Bunny definierte: „Ein Bunny ist – wie das Playmate auch – das Mädchen von nebenan. Das Bunny ist ein romantischer, amerikanischer Traum, eine schöne, begehrenswerte, nette und lustige Person. Ein Bunny ist definitiv kein Hippie. Es darf sexy sein, aber auf eine gesunde, frische Art.“

Die Bunnys waren unberührbar – für die einfachen Keyholder, wie die Clubmitglieder genannt wurden. Schnell führten Hefner und seine Partner allerdings ein Zweiklassensystem ein: Besonders gute Freunde des Hauses, zu denen beispielsweise bekannte Sportler, Unternehmer und Journalisten gehörten, genossen bevorzugte Behandlung. Des Öfteren wurde die männliche Prominenz Chicagos von der Klatschpresse beim Stadtbummel mit einem Bunny in Zivil ausgespäht.

Der eigentliche Skandal kam vier Jahre nach Erfindung des Bunnys. Die 28-jährige Magna cum laude-Absolventin Gloria Steinem, eine bildschöne, langbeinige Brünette, bewarb sich unter dem Namen Marie Ochs um einen Job in der neu eröffneten New Yorker Club-Filiale. Steinem war sozusagen der Günter Wallraff der Bunnys – sie recherchierte undercover für die Zeitschrift „Show“, wollte mehr erfahren über die Arbeitsbedingungen der Frauen. „Show“ war zu dieser Zeit die größte Konkurrenz des Hefner-Blattes „Show Business Illustrated“, Steinems Mission kann also kein Zufall gewesen sein. Ihr Artikel, der in den Mai- und Juniausgaben der Zeitschrift erschien, geißelte die Zustände im New Yorker Club: Den Frauen sei es nicht erlaubt, während der Arbeit Wasser zu trinken, die Kostüme seien grundsätzlich zu eng geschnitten, nur das Brustteil zu weit, so dass die Hasen-Kellnerinnen sie mit Plastikfolie ausstopfen müssten. Zudem sei das Durchschnittsbunny nicht mit besonderer Intelligenz ausgestattet. Steinem beobachtete gnadenlose Zickenkriege um die Gunst und das Geld der Männer.

Erst 1998 wehrte sich eine ehemalige Kollegin Steinems in aller Öffentlichkeit. Kathryn Leigh Scott, Autorin des Buches „The Bunny Years“, schrieb, immer noch tief verletzt: „Ich war eines der Bunnys, die sie in ihrer Geschichte porträtiert hat. Und noch heute empfinde ich einen gewissen Groll auf Gloria Steinem, weil sie uns damals gewissermaßen verraten hat. (…) Wir waren Studentinnen, angehende Schauspielerinnen, alleinerziehende Mütter. Wir brauchten den Job wegen der flexiblen Arbeitszeiten und des überdurchschnittlich hohen Gehaltes.“

Gloria Steinem habe es ganze zwei Wochen im Club ausgehalten, danach einen Krankheitsfall in der Familie vorgetäuscht, um dem heiklen Projekt zu entkommen. Später wurde sie eine der Vorzeigefeministinnen Amerikas, der Satz „Eine Frau ohne Mann ist wie ein Fisch ohne Fahrrad“ wird ihr zugeschrieben.

Hugh Hefner selbst, der damit beschäftigt war, die Chicagoer Mafia aus seinem Business rauszuhalten und seinen Reichtum zu mehren, scherte sich naturgemäß nicht besonders um Frauenrechte. Seine Frau Millie hatte er bereits kurz nach Erscheinen des ersten „Playboy“-Magazins verlassen, die gemeinsamen Kinder sah er kaum. Erst als seine Tochter Christie 16 wurde, richtete er für sie eine Sweet-Sixteen-Party in einem seiner Clubs aus – und verführte eine ihrer Klassenkameradinnen.

Heute leitet Christie Hefner das Imperium ihres Vaters, der in seinem „Logbuch“ alle Frauen verzeichnet, mit denen er Sex hat, inklusive Datum, besonderen Vorkommnissen und abschließender Bewertung. Eine Sekretärin soll das „Logbuch“ mal geöffnet haben. Bei 1000 Einträgen hörte sie auf zu zählen. Das war Ende der 70er Jahre.

Die meisten Bunnys, die in den „Playboy“-Clubs arbeiteten, wurden nicht berühmt. Doch es gab auch welche, die zwischen Martini und Garderobe entdeckt wurden und Karriere machten – wie zum Beispiel Lauren Hutton, die ihre Mitbunnys angeblich vor jeder Schicht erneut schockte, weil sie nur mit einem Trenchcoat bekleidet in der Club-Garderobe erschien. „Warum soll ich mich anziehen, nur um mich dann wieder auszuziehen?“

Hugh Hefner genoss es über alle Maßen, sich im Kreise seiner Bunnys fotografieren zu lassen. Er lebte Anfang der 60er Jahre nicht weit von seinem Chicagoer Club, in seiner „Playboy“-Mansion. Er hatte sich im Alter von Ende 30 hinter heruntergelassenen Jalousien eine eigene, in sich abgeschlossene Kuschelwelt geschaffen, die er nicht verlassen musste – mit elektrisch verstellbarem und vibrierendem Bett, Hausangestellten, Partysaal, eigener Grotte und Swimmingpool.

Doch das Schwimmbad diente – wie die Bunnys – nur als Dekoration: Der Mann, den das Leben auch später immer wieder nach oben spülte, war Nichtschwimmer und ist es noch.

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