Zeitung Heute : Heiße Spuren

Matthias Thibaut[London]

Bei den Ermittlungen im Mordfall des russischen Ex-Spions Litwinenko ist eine Teekanne mit einer tödlichen Dosis Polonium gefunden worden. Welche Rolle spielt diese Spur bei der Lösung des Falls?


Eine Teekanne hat offenbar die Mörder des russischen Dissidenten und Ex-Spions Alexander Litwinenko überführt. Nach britischen Presseberichten hat Scotland Yard seine Ermittlungen in der Polonium-210-Affäre abgeschlossen, die im Dezember weltweites Aufsehen erregte und bereits die Drehbuchschreiber von Hollywood beschäftigt. Nach den durchgesickerten Meldungen hält Scotland Yard den ehemaligen KGB-

Agenten Andrej Lugowoj und den Geschäftsmann Dimitri Kowtun für die Hauptverdächtigen.

Scotland Yard will noch in dieser Woche seine Akten der Staatsanwaltschaft übergeben. Diese muss dann entscheiden, ob die Beweise für einen Antrag auf Auslieferung des Tatverdächtigen durch Russland reichen. Doch die britischen Behörden scheinen skeptisch, ob die russischen Behörden darauf eingehen werden. Nach Angaben der „Sunday Times“ bezweifelten die Ermittler in einem Gespräch mit Litwinenkos Witwe Marina, dass es überhaupt zu einer Auslieferung nach Großbritannien kommen wird.

Auch britische Diplomaten halten ein Auslieferungsersuchen an Moskau für aussichtslos. Mit Sicherheit würde es die Beziehungen zwischen London und Moskau weiter auf die Probe stellen. Denn Russland würde im Gegenzug erneut die Auslieferung des ehemaligen Oligarchen Boris Beresowskij fordern – die von britischen Gerichten bereits untersagt wurde, weil sie „politisch motiviert“ sei. Die russische Staatsanwaltschaft beharrte am Wochenende auf dem Standpunkt, dass russische Bürger nicht im Ausland vor Gericht gestellt werden können. „Wenn sich eine Schuld beweisen lässt, wird ihm in Russland der Prozess gemacht“, sagte ein Justizsprecher. Und Lugowoj wies die Vorwürfe erneut zurück. Es handle sich um „Lügen, Provokationen und Regierungspropaganda“, sagte er der russischen Nachrichtenagentur Interfax.

Die fragliche Teekanne hat Scotland Yard offenbar erst Mitte Dezember auf Spuren des hoch radioaktiven Stoffes hin untersucht – ein peinlicher Fahndungsfehler. „Beim Geigerzähler reichte die Skala nicht“, hieß es. Litwinenko hatte sich am 1. November 2006 mit Lugowoj und Kowtun im Londoner Millennium-Hotel getroffen und mit ihnen Tee getrunken. Laut Litwinenkos Witwe Marina war der Tee damals schon eingeschenkt, als ihr Mann eintraf. „Mein Mann sagte später, er habe nicht besonders gut geschmeckt, weil er kalt gewesen sei.“ Belastend für Lugowoj ist außerdem, dass er im Londoner West End eine radioaktive Spur hinterließ, anhand derer Scotland Yard jeden seiner Schritte verfolgen konnte. In London wurden insgesamt 129 Menschen kontaminiert – 13 davon so stark, dass Spätfolgen nicht auszuschließen sind. Scotland Yard glaubt auch, dass zwei Wochen vor der Vergiftung im MilleniumHotel bereits ein erster Versuch in der Itsu Sushi Bar am Piccadilly stattfand.

Sollte es nicht zum Prozess gegen die Tatverdächtigen kommen, werde „höhere Gerechtigkeit“ das ihre tun, prophezeit inzwischen der in Cambridge lebende ehemalige Doppelagent Oleg Gordiewskij. Er ist überzeugt, dass sich Alexander Litwinenkos Mörder unweigerlich selbst mit Polonium 210 infiziert hat und „in spätestens drei Jahren an Leukämie sterben wird“. Mehr wird vielleicht demnächst im Kino zu erfahren sein: Columbia Pictures soll sich mit Litwinenkos Witwe Marina bereits über die Filmrechte geeinigt haben.

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