Zeitung Heute : Heißkalte Diplomatie

Mit „seinem Freund“ Joschka Fischer aß der US-Außenminister Torte. Kanzler Schröder gegenüber war Powell merklich kühler. Das hatte nicht nur mit dem Zerwürfnis über den Irak zu tun. Sondern mit einer Überraschung aus den USA: Roland Koch traf dort Präsident Bush.

Christoph v. Marschall[Hans Monath] Robert v. R

Von Christoph v. Marschall, Hans Monath

und Robert v. Rimscha

Er beherrscht die ganze Palette der Körper- und Augensprache. Das warme, gewinnende Lächeln und den kameradschaftlichen Klaps auf den Rücken. Aber auch den neutralen Händedruck und die brüske Abwendung. Selbst wenn Colin Powell an diesem Freitag in Berlin nicht mehrfach die Formulierung „meine Gespräche mit dem Kanzler und mit meinem guten Freund Joschka Fischer“ gebraucht hätte – es wäre unübersehbar, wie unterschiedlich sein Verhältnis zu den beiden ist. Und da Colin Powell ein Diplomat ist, der nicht nur seine Zunge, sondern auch seinen Körper bestens zu kontrollieren versteht, darf man durchaus annehmen, dass er das gar nicht verbergen wollte.

Weshalb es in die Irre führen könnte, wenn man von einer der vielen Episoden dieses ereignisreichen Tages auf den Stand der deutsch-amerikanischen Beziehungen schließen wollte. Zumal unerwartet weitere, nicht unwichtige Mosaiksteine aus Washington hinzukamen.

Morgens um 7 Uhr 30 sieht die Welt für Colin Powells erste Gäste ziemlich gefährlich aus. Scharfschützen auf den Vordächern des Interconti-Hotel, die Bürgersteige auf beiden Seiten der Budapester Straße sind mit Polizeigittern abgesperrt, weiträumiges Halteverbot in den Straßen ringsum. Die Taschen und Mäntel der Gäste werden von Sprengstoffhunden beschnüffelt. Im obersten Geschoss, wo Colin Powell in der Präsidenten-Suite residiert, drängen sich die Sicherheitsbeamten, deutsche wie amerikanische – weit mehr, als die US-Delegation Mitglieder hat. Der Metalldetektor, den die Gäste passieren müssen, ist so empfindlich eingestellt, dass er selbst auf dünne Gürtelschnallen anspricht.

Der Außenminister kommt den sechs Journalisten schon an der Tür entgegen, schenkt jedem einen langen Händedruck und ein „good to see you“, dann kann das Gespräch beginnen, das offiziell als gemeinsames Frühstück deklariert ist. Powells Sprecher schenkt frisch gepressten Orangensaft und Kaffee ein, bietet Croissants und Gebäck an, ehe er sich mit Botschafter Daniel Coats in die zweite Reihe zurückzieht. Zum Essen ist am Ende niemand gekommen. Hier zählt jedes Wort.

Werben um die Deutschen

Colin Powell gibt sich locker, zu Scherzen aufgelegt, sympathisch. Nur die kleine Flagge am Revers des dunklen Anzugs verrät, dass er als Öffentlichkeitsarbeiter für Amerika und George W. Bush hier ist. Jedes Wort an die sechs Journalisten ist ein Werben um die deutsche Öffentlichkeit. Er erzählt erstmal von seinen Jahren als Soldat in Frankfurt am Main – „auch da war die Sicherheit zeitweise streng, wegen des Terrors der Rote Armee Fraktion“ –, den ersten Begegnungen als Korps-Kommandant mit Joschka Fischer, der damals die hessischen Grünen führte. Und bedauert, dass er diesmal kaum rauskomme aus dem Hotel, wo er sich doch jedes Mal so auf Berlin freue.

„Und jetzt stehe ich zu Ihrer Verfügung“, nimmt er den Übergang zur harten Politik. Den Streit um den Irak, den dürfe man weder vergessen noch ignorieren, er spricht von „ernsten Meinungsverschiedenheiten“ und schweren Enttäuschungen. Aber die müsse man jetzt hinter sich lassen. Ein Neuanfang sei möglich. Gemeint ist nicht der G-8-Gipfel Anfang Juni in Evian, wo Bush und Schröder sich erstmals seit dem Nato-Gipfel in Prag Ende November persönlich begegnen. „Ich glaube nicht, dass Zeit für ein bilaterales Gespräch bleibt“, wehrt Powell solche Spekulationen ab.

Ihm geht es um die kommenden Tage, wenn der UN-Sicherheitsrat in New York über die Resolution für den Wiederaufbau im Irak entscheidet. Powell erwähnt diese Resolution als „ersten Schritt“ so oft in den 45 Minuten, dass sich der Eindruck aufdrängt: Das ist das strategische Ziel seiner langen Reise, die ihn vom Nahen Osten über Moskau nach Berlin führte. Kommt die Resolution durch den Sicherheitsrat – und dafür ist er zu Änderungen bereit –, dann hat Powell einen wichtigen Erfolg gegen die Konservativen in der US-Regierung erzielt, die die UN am liebsten umgehen würden. Die UN wieder ins Spiel bringen, das wollen auch der Kanzler und sein Außenminister.

„Letzte Frage“, ruft es so pünktlich aus der zweiten Reihe, dass Powell in aller Ruhe das Gespräch beenden und sich von jedem einzeln verabschieden kann. Im Hinausgehen fällt der Blick auf einen kleinen Alukoffer, der mit dem daneben stehenden Telefon verkabelt ist. Ein Verschlüsselungsapparat? „Natürlich muss er ständig abhörsicher erreichbar sein für den Präsidenten oder Mrs. Rice“, sagt sein Sprecher Boucher nur knapp.

Wenig später macht er sich auf zu Gerhard Schröder, die Presse wartet schon im Garten des Kanzleramts. Ein Jahr zuvor, im Mai 2002, hatten George W. Bush und Schröder genau hier hinter denselben Stehpulten über gemeinsame Angel-Ausflüge nachgedacht. Jetzt, im Mai 2003, ist alles anders. Gerade eine halbe Stunde haben Colin Powell und der Kanzler miteinander gesprochen. Bei fast zehn Themen von der internationalen Krisenfront bleibt da, Übersetzung mitgerechnet, kaum mehr als ein Drei-Sätze-Statement jeder Partei pro Thema.

Als Powell nach der knappen Begegnung aus dem Kanzleramt tritt, wirft er einen flüchtigen Blick nach rechts oben, die hellgraue Fassade empor. Das ist also der Ort, wo seit August 2002 ausgeheckt wird, wie man Washington ein Bein stellen kann. Das Nest der Verräter, wie es die Hardliner im Bush-Kabinett formulieren würden.

Ein kreisender Helikopter als bedrohliches Begleitgeräusch, der rasche Wechsel von Sonne und Wolken als himmlischer Kommentar, ein strenger Geruch, der von der Spree herüberzog: Die Unterrichtung der Presse fängt schon seltsam an. In knappen Worten gehen Schröder und Powell ihre Themenlisten durch. Wo der Kanzler noch einen „freundschaftlichen Meinungsaustausch“ erkennen kann, der „in offener und ausführlicher Form“ verlaufen sei, wiederholt Powell Vokabeln, die die diplomatische Tarnung für das sind, was andere Levitenlesen nennen würden. „Sehr offen und ehrlich“ habe man gesprochen, sagte Powell gleich zweimal, und als er „die Meinungsverschiedenheit über den Irak“ erwähnt, schiebt er nach: „die Schwere der Meinungsverschiedenheit.“

So kurz wie ihr Gespräch drinnen, bleibt die öffentliche Erklärung draußen. Dann streckt Powell die Hand aus, um die Journalisten zu Fragen aufzufordern. Aber der Kanzler entscheidet, es folge später ja noch eine ausführliche Pressebegegnung, daher sei jetzt fraglos Schluss. Beim Abgang vom Podium wendet sich Powell sofort Fischer zu, legt ihm die Hand freundschaftlich auf den Rücken, beginnt ein kurzes Gespräch. Den Kanzler würdigt der Amerikaner keines Blickes mehr – und keines Wortes. Was großes Tuscheln unter den Beobachtern auslöst. Frostig, ruppig, eisig, und dies alles kaum kaschiert – so haben sie die Begegnung erlebt. In Wahrheit ging es beim Treffen offenbar ziviler zu. Powell musste wohl öffentlich frostiger auf Schröder reagieren, als er dies im direkten Gespräch getan hatte.

Das Kanzleramt hatte dennoch ganz aktuelle Nadelstiche zu verdauen. Nur Stunden vor der Begegnung Powell-Schröder hat Präsident Bush Roland Koch, Merkels Rivalen um die CDU-Kanzlerkandidatur, begrüßt. Was in der Bundesregierung bitter aufgestoßen ist.

Der Hesse und der Texaner

Natürlich nicht offiziell. Thomas Steg, der Vize-Sprecher Schröders, hebt am Freitag erst einmal beiseite wischend die Hand, als er nach dem Treffen Bush-Koch gefragt wird. Dann kommt ihm die folgende Beschreibung der angeblichen Zufälligkeit solcher Gespräche im Weißen Haus von der Zunge: „Wie das in solchen Regierungsgebäuden eben ist, man geht durch die Flure, man schaut mal in ein Zimmer und begegnet sich.“

Genau so regiert Bush natürlich nicht, er stapft nicht willkürlich durch seine Gänge und setzt zufällig kleine Affronts gegen Schröder. Er war auch nicht auf der Suche nach seinem Hund, wie Spötter in der deutschen Hauptstadt meinen. Offiziell aber hat das Kanzleramt „nichts dagegen einzuwenden“, dass der Hesse den Texaner traf, und behauptet auch, beider Begegnung sei „ohne Bedeutung“ für den Frostgipfel des Kanzlers mit Powell gewesen.

Während Koch schon bei Vizepräsident Dick Cheney saß, ließ Bush es bei seinem Stellvertreter klingeln und kündigte an, mal kurz vorbeischauen zu wollen. Koch war signalisiert worden, diese Möglichkeit bestehe. Ganz unüblich sind solche Begegnungen nicht. Doch der deutsche Botschafter war nicht involviert, und so gab es vorab auch keine Warnung nach Berlin. Dort erfuhr die Regierungsspitze aus den Medien, dass jener Bush, mit dem Schröder seit einem halben Jahr keinerlei Kontakt mehr hatte, jetzt mal eben den Merkel-Konkurrenten um die Unions-Kanzlerkandidatur beschnuppert hat.

Für solche Neidgefühle hat Joschka Fischer keinen Grund. Er wird nicht geschnitten, sein Draht nach Washington ist nicht zerrissen. Sein „guter Freund“, wie auch Fischer den US-Außenminister nennt, isst mit ihm gemeinsam zu Mittag, im Gästehaus des Auswärtigen Amts an der Pacelliallee: Wiener Schnitzel mit Kartoffeln und Gurkensalat, Powells Lieblingsgericht aus Soldatentagen in Hessen. Und da Botschafter Daniel Coats an diesem Tag seinen 60. Geburtstag feiert, wird zum Dessert als Überraschung eine Torte aufgefahren.

55 Minuten hat ihr Vier-Augen-Gespräch gedauert, obwohl nur 40 vorgesehen waren, es ist gerade umgekehrt wie beim Kanzler. Als in der Pressekonferenz nach der UN-Resolution gefragt wird, und der Aufhebung der Irak-Sanktionen, sagt Fischer: „Was wir dazu beitragen können, werden wir tun.“ Powell nickt zufrieden. Dann verschwinden die beiden lachend im Haus. Jetzt müssen sie nur noch ihre Chefs überzeugen.

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