Zeitung Heute : Heiter ist nicht nur der Himmel

Der Tagesspiegel

Von Tom Heithoff

Heiter sein! – Das wäre was. Allen Gemeinheiten des Lebens mit heiterem Gemüt begegnen, sich vom herrlichen Frühlingswetter dauerhaft anstecken lassen, ja, die Vergänglichkeit des Irdischen in eine umfassende Heiterkeit einspinnen. Wer wollte das nicht! Diese Heiterkeit jedoch liegt vielen von uns fern. Schon das Wort ist den meisten fremd geworden. Heiterkeit tritt auf im Wetterbericht – und auch das selten genug. In Parlaments-Protokollen verzeichnet der Schriftführer bei einem gelungenen Scherz eines Abgeordneten „große Heiterkeit im Saal“. Und natürlich finden wir sie in der unmittelbaren Nachbarschaft des schunkelnden Frohsinns, wenn es mal wieder darum geht, die Sorgen des Alltags zu vergessen und Platz für Späßchen, Gags und gute Laune zu schaffen.

Die wahre Heiterkeit allerdings hat mit platter Spaßhaftigkeit wenig zu tun. Heiterkeit ist, auch wenn es widersprüchlich scheint, mit dem Ernst verschwistert. Sie steht der Melancholie und dem Tod näher als der Possenhaftigkeit, schreibt der Sprachwissenschaftler und Romanist Harald Weinrich in seinem Essay „Kleine Literaturgeschichte der Heiterkeit“ .

Heiterkeit war jedoch keineswegs nur eine Sache der Literatur. Lange bevor sie ihren Ort in der Dichtung gefunden hat, gehörte sie zur Welt der Philosophen und Götter. In der Antike war der Mensch heiter, dem die Götter gnädig sind oder der sich von der Furcht vor den Göttern befreit hat. Nicht nur für Demokrit lag die Glückseligkeit, das höchste Gut, in der Heiterkeit der Seele begründet. Ataraxia, Seelenruhe, Furchtlosigkeit, Gleichmut – die antike Heiterkeit hat viele Namen. Seneca umschreibt in seiner Schrift „Von der Seelenruhe“ die Heiterkeit mit folgenden Worten: „Nichts ist so bitter, dass ein gelassenes Gemüt nicht einen Trost dabei fände.“

Gut 2000 Jahre nach Seneca hat der Philosoph Joachim Ritter die Heiterkeit noch mal zum Leben erweckt. In seinem Essay „Über das Lachen“ (1940) spricht er – in antiker Tradition – von der „Positivität des Lebensgefühls“. Für Ritter „enthüllt sich im Humor als Philosophie und Daseinshaltung am tiefsten der verborgene Sinn, der dem Lachen überhaupt innewohnt. Es ist die unendlich positive Bewegung, in der das für den Ernst Nichtige in der Lebenswirklichkeit bleibt“.

Je schwächer die Heiterkeit in der Philosophie wurde, desto stärker wurde sie in der Dichtung, wie Harald Weinrich in seiner „Kleinen Literaturgeschichte der Heiterkeit“ zeigt. An Goethe führt natürlich auch Weinrichs Reiseweg durch die Bedeutungsgeschichte nicht vorbei. Wie sollte es auch anders sein, ist doch „heiter“ ein häufig gebrauchtes, „ja ein Schlüsselwort seines literarischen Werkes“. Bei Goethe treffen wir nicht nur auf „heitere Figuren“, wie Ottilie in den Wahlverwandtschaften oder Hilarie in den Wanderjahren, die Heiterkeit spielt auch bei einem solch melancholischen Werk wie dem Werther eine dominierende Rolle. „Eine wunderbare Heiterkeit hat meine ganze Seele eingenommen ...“, schreibt Werther zu Beginn und schießt sich doch am Ende eine Kugel in den Kopf – heiter? Aber ja, wenngleich auf einer anderen Ebene. Für Goethe, der sich mit diesem Buch „aus einem stürmischen Elemente gerettet“ hat, war die Niederschrift des Romans eine Rettung in die Heiterkeit der Kunst.

Viele der nachfolgenden Autoren haben sich an Goethes „olympischer“ Heiterkeit orientiert – sei es in Zustimmung, sei es in Ablehnung. Während der Romantiker Ludwig Börne von Goethes Heiterkeit Magenkrämpfe bekam, da sie in seinen Augen jedes politisch-revolutionäre Handeln verhinderte, finden wir in Thomas Mann den vielleicht größten Bewunderer der Goetheschen Heiterkeit. Mann hat, so Weinrich, die Heiterkeit „mit größter geistiger Anstrengung gegen das Jahrhundert durchgehalten“. Beispiele aus dem „Zauberberg“ und dem Josephsroman zeigen, dass Heiterkeit „ein großes Lösungsmittel für Hass und Dummheit“ (Thomas Mann) sein kann.

Man sieht – Heiterkeit kann nicht nur auf freundlichem, friedvollem Boden, sondern auch auf dunklem Grunde prächtig gedeihen. Laut Weinrich bezeugt Thomas Mann „mehr als jeder andere deutsche Autor des 20. Jahrhunderts Kraft und Stärke der Heiterkeit im geistigen Widerstand gegen den Fanatismus der Diktatoren“.

Heiterkeit ist ein vielköpfiger Begriff. Bei Hegel findet sich die „geistige“ Heiterkeit, die „tief über Tod, Grab, Verlust, Zeitlichkeit hinwegblickt“. Für den schwermütigen Hölderlin offenbart sich die Heiterkeit am unmittelbarsten in der Natur. Bei Nietzsche verliert sie jeden Rest von passiver Behaglichkeit, die ihr zuweilen angedichtet wurde. In seiner „dionysischen“ Heiterkeit, die als Gegenwelt zum apollinischen Gestaltwillen zu sehen ist, haben sehr wohl auch das Leid, der Schrecken, das Energische ihren Platz. Doch von welcher Heiterkeit man auch spricht – immer steht sie der Melancholie näher als dem Klamauk. Sie balanciert gleichsam auf dem Seil über dem Abgrund. Und diese Kunst fällt einem nicht in den Schoß. Sie muss erlernt werden. „Heiterkeit ist zu niedrigsten Preisen nicht zu haben“, schreibt Weinrich, „aber den Kindern der Traurigkeit fällt sie auch nicht zu. Eher schon den Gratwanderern zwischen Glück und Leid, Freude und Trauer, Witz und Wehmut“.

Harald Weinrich: Kleine Literaturgeschichte der Heiterkeit. C.H.Beck Verlag München 2001, 64 Seiten, 10 Euro.

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