Zeitung Heute : Heizkraftwerk bringt Anlieger zur Weißglut Wärme aus alten Möbeln

Der Tagesspiegel

Von Ole Töns

Neukölln. Geballter Bürgerunmut über das geplante Biomasseheizkraftwerk der Harpen EKT schlug Betreibern und Lokalpolitikern am Mittwoch bei einem Informationsabend in der Rudower Fliederbuschgrundschule entgegen. „Wir haben hier schon eine viel zu hohe Bevölkerungsdichte, einen Flughafen, der die Luft verpestet. Jetzt sollen wir auch noch ein Kraftwerk und eine neue Autobahn bekommen“, klang es verärgert aus den Reihen von über 200 Besuchern in der überfüllten Aula. Vor allem, dass ab 2004 auch schadstoffbelastete Althölzer verfeuert werden sollen und ein Drittel des Brennstoffs mit täglich etwa 25 Lkw herangekarrt werden muss, macht den Anwohnern Sorge. „ Sie fürchten um den Wert ihrer Grundstücke, haben Angst vor Lärm und Schadstoffen, wollen einfach kein Kraftwerk vor der Haustür“, wie eine Bürgerin zu später Stunde entnervt in den Saal rief. Harpen-Sprecher Sven Schmieder argumentierte dagegen, dass das Biomassekraftwerk wesentlich weniger Kohlendioxid produziere als das Rudower Kohlekraftwerk der Bewag, der Neubau also eine Verbesserung sei. Ab 2003 will die RWE-Tochter Harpen EKTdie Wärmeversorgung zunächst mit einem Gaskraftwerk übernehmen.

Immer wieder wiesen die Vertreter der Harpen EKT am Mittwochabend auf die strengen Genehmigungsauflagen hin, die die Harpen EKT an diesem Standort einzuhalten hat. Dass die 17. Bundesemissionsschutzverordnung, nach der das Biomassekraftwerk zugelassen werden muss, tatsächlich Schadstoffgrenzwerte festlegt, die zu den derzeit strengsten gehören, bestätigte der anwesende Umweltingenieur der Senatsverwaltung fü r Stadtentwicklung, Bernd Rose. Weniger entscheidend für die direkte Belastung der Umgebung soll allerdings die überregional positive Kohlendioxidbilanz eines Biomassekraftwerkes sein. Bedenkliche Stoffe sind allerdings in Anstrichen und Holzschutzmitteln an Althölzern wie etwa Bahnschwellen enthalten. Sie sollen laut Rose bei der vorgeschriebenen Verbrennungstemperatur von 850 Grad in ungefährliche Bestandteile zerfallen. Vielen Anwohnern blieben dennoch offenkundig starke Bedenken. Der Zulieferverkehr mit rund 25 Lkw aus dem Umland und dem Berliner Stadtgebiet wird zunächst durch die angrenzenden Wohngebiete führen müssen, bestätigt Baustadträtin Stefanie Vogelsang. Die zwischen dem Flughafen Schönefeld und dem Stadtring geplante Autobahnverbindung entlang des Teltowkanals wird nach ihrer Einschätzung frühestens 2005, vermutlich aber erst 2006 fertig.

Das Biomasse-Heizkraftwerk für rund 20000 Wohnungen in der Gropiusstadt soll das weiter nördlich am Teltowkanal gelegene Kohlekraftwerk ersetzen. Der Neubau an der Kanalstraße wird aus zwei Teilen bestehen: Eine Holzverbrennungsanlage deckt den normalen Wärmebedarf. An frostigen Tagen kann eine Gaskesselanlage zugeschaltet werden. Entlang dem Kanal werden zwei neue Rohre bis zum alten Kraftwerk verlegt. Für den restlichen Weg dienen vorhandene Leitungen. Rund 200000 Tonnen Holz jährlich sollen laut dem Betreiber, der RWE-Tochter „Harpen Energie und Kommunal-Technologie GmbH“, jedes Jahr verheizt werden. Der so erhitzte Wasserdampf wird doppelt genutzt: Als Wärmequelle und als Antrieb für eine Turbine, die daraus „grünen“ Strom erzeugt. Das Kraftwerk soll sowohl Frischholz aus Brandenburger Wäldern als auch Altholz – etwa aus Möbeln oder von Baustellen – schlucken. Schadstoffe wie Anstriche oder Imprägnierungen soll die Anlage herausfiltern. Die Rauchgase mü ssen überwacht werden und unterliegen strengen gesetzlichen Grenzwerten. Für die Anrainer dürfte also die Luftbelastung das kleinere Übel sein. Problematischer wird die Anlieferung: Mehr als ein Drittel des Holzes sollen Lastwagen herankarren – macht laut den Planern 20 bis 25 Lkw täglich. Den Rest sollen die Neukölln-Mittenwalder Eisenbahn und Schiffe bis vor die Tür liefern. Vorher muss allerdings noch viel Papier bewegt werden. Den Anfang macht der Vertrag zum Kauf des früheren Eternit-Geländes, der im März unterschrieben werden soll. Im Herbst soll mit dem Bau der Gaskesselanlage und im Winter mit der Errichtung des Holzkraftwerkes begonnen werden. Mitte 2004 soll alles fertig sein.obs

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