Zeitung Heute : Heizkraftwerk Mitte: Beheizte Bänke und eine Zeitung aus Fliesen

Harald Olkus

Die Edelstahlbänke am Spreeufer bekommt leider kaum jemand zu Gesicht. Die acht Skulpturen im Form von Sitzbänken der türkischen Künstlerin Ayse Erkmen sind Teil eines von der Bewag initiierten Kunstprojektes am Heizkraftwerk Mitte. Die Bänke stehen zwar außerhalb des Betriebsgeländes auf dem Uferwanderweg an der Spree und wären somit eigentlich allen Spaziergängern zugänglich, doch bislang existiert der Weg nur zwischen den Grundstücksgrenzen des Energieversorgers. Die Nachbarn links und rechts davon haben ihre Verpflichtung, den Wanderweg anzulegen, nicht erfüllt. Aus Sicherheitsgründen sei der Weg deshalb abgesperrt, sagt Manfred Spaniel, Mitarbeiter im Bereich Unternehmenskommunikation der Bewag.

Als einzige der sechs Künstler, die an dem Kunst-am-Bau-Projekt der Bewag teilgenommen haben, nimmt die türkische Konzeptkünstlerin Ayse Erkmen die Funktion eines Heizkraftwerkes auf und transportiert sie sinnlich wahrnehmbar nach außen. Denn die Bänke sind beheizt. Die nebeneinander liegenden, geschwungenen Edelstahlröhren der Bänke durchläuft das Kühlwasser der Kraftwerks-Transformatoren. Damit wird jedem Besucher, der sich darauf niederlässt, deutlich, was das Kraftwerk produziert - nämlich Wärme.

Bereits 1995, noch während der Planungsphase für den 1997 fertiggestellten Kraftwerksneubau, hatte die Bewag international renommierte Künstler aus verschiedenen Ländern aufgerufen, zur künstlerischen Gestaltung des Heizkraftwerks Mitte beizutragen. Der von der Bewag beauftragte Kurator Jasper König arbeitete schließlich in mehreren Workshops mit den sechs Künstlern Thomas Bayrle, Franz Ackermann, Dan Graham, Per Kirkeby, Ayse Erkmen und Ulrich Wüst die Konzeption für das Kunstprojekt aus. Und da die Bauarbeiten zu diesem Zeitpunkt noch in vollem Gange waren, konnten die Künstler auf die örtlichen Gegebenheiten reagieren und ihre Werke besser als bei sonstigen Kunst-am-Bau-Projekten integrieren.

Die mehr als hundert Meter lange Backsteinmauer von Per Kirkeby dient als Begrenzungsmauer zur Spree. Das drei Meter hohe Werk ragt in regelmäßigen Abständen sechs Meter empor und springt mäanderartig vor und zurück. Je nach Lichteinfall ergeben sich die verschiedensten Schattenspiele. Zu der Arbeit gehört ein turmartiger Bau in der Nähe der Michaelbrücke, der mit seinen Eingängen und Öffnungen eine begehbare Backsteinskulptur ergibt.

Das große Wandbild am Werkstattgebäude des Heizkraftwerks stammt von Thomas Bayrle. Als Vorlage für das aus 12 000 Fliesen bestehende Wandbild diente dem Medienkünstler die Druckseite einer Tageszeitung. Bayrle hat das Bibelzitat "Es möchten vielleicht fünfzig Gerechte in der Stadt sein" in vielen Arbeitsschritten vergrößert, aufgerastert und verfremdet.

Franz Ackermanns Arbeit befindet sich dagegen im Innenraum. Auf dem mit leuchtenden Farben gestalteten Fries im Foyer des Verwaltungsgebäudes tauchen außer Ornamenten bekannte Berliner Bauten auf. Die Häuser am Potsdamer Platz, das Reichstagsgebäude und das Brandenburger Tor sind allerdings keine realistischen Wiedergaben der vorhandenen Architektur.

Optische Täuschungen

Ein Gebäude, das keines ist, hat Dan Graham entworfen. Für den Eingangsbereich des Heizkraftwerks hat Graham einen ovalen Pavillon entworfen, der auf einem hölzernen Podest inmitten eines Wasserbeckens steht. Eine Hälfte des Pavillons besteht aus gelochtem Stahlblech, die andere aus verspiegeltem Glas. Durch die Kombination dieser Materialien ergeben sich Spiegelungen und Lichtreflexionen, die die räumlichen Verhältnisse verschwimmen lassen und die optische Wahrnehmung täuschen.

Der Fotograf Ulrich Wüst schließlich hat zum Kunstprojekt einen Bildband beigesteuert. Die Schwarz-Weiß-Bilder im Duplexdruck dokumentieren die Entwicklung des Bezirks Mitte nach der Wende. Wüsts Bilder zeigen Zwischenstadien im Wandlungsprozess der Innenstadt und halten Dinge fest, die es heute schon nicht mehr gibt.

Eine der Aufgaben des Kunstprojektes sei es, die Akzeptanz des Kraftwerkes bei der Bevölkerung zu fördern, teilt die Bewag mit. Doch das Gelände ist nur angemeldeten Besuchern zugänglich, die einen Bauhelm tragen müssen, damit sie sich nicht irgendwo den Kopf stoßen. Die Bewag präsentierte das Projekt im September der Öffentlichkeit, und versäumte nicht, darauf hinzuweisen, dass es sich dabei um "eines der wenigen Kraftwerke Europas" handelt, das mit "Kunst am Bau" zur Gestaltung seiner Umgebung beiträgt. Foyers von Banken und Versicherungsgebäuden werden recht häufig mit Kunst ausgestattet, für simple Kraftwerksbauten wird im Allgemeinen weniger Mühe aufgewendet. "Bislang", betonte die Bewag, "war Kunst am Bau eine Domäne der Auftraggeber der öffentlichen Hand." Mit dem Kunstprojekt am Heizkraftwerk Mitte bekenne sich nun auch ein bedeutender privater Bauherr zu seiner Verantwortung für die Stadtbildpflege in Berlin.

Das Kraftwerk kostete insgesamt 600 Millionen Mark, zwei Millionen hat die Bewag für die Kunst ausgegeben. "Das Projekt ist eine gute Sache", sagt Martina Kaesser, zuständig für den Bereich Sponsoring bei der Bewag. "Wir würden es heute aber wahrscheinlich nicht noch einmal machen." Durch die Liberalisierung des Energiemarktes müsse die Bewag heute mit spitzerer Feder rechnen als noch vor ein paar Jahren. "Wir haben dafür einfach kein Geld mehr", sagt Kaesser. Außerdem seien solche Millionen-Projekte sehr schwer zu rechtfertigen, wenn man Mitarbeiter entlassen müsse.

Für das Heizkraftwerk Mitte ist die Kunst am Bau allerdings nichts Neues. Schon den Vorgängerbau, der von der Ostberliner EBAG in den sechziger Jahren erbaut wurde, ziert ein Wandbild. Die Bewag wollte das strahlenartige, zweifarbige Gemälde am Altbau anfangs übermalen. Doch die Denkmalbehörde erklärte das Bild als schutzwürdig und bestand auf dem Erhalt. So kann es jetzt mit den neu hinzugekommenen Kunstwerken korrespondieren.

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