Zeitung Heute : Held der Arbeit

Er träumte von Ruhe. Doch er macht’s noch mal. Warum Lothar Bisky Chef der PDS bleiben will

Matthias Meisner

Der Parteichef kleidet sich, als wollte er sich verstecken: schwarzes Hemd, graue Krawatte, graues Sakko, schwarze Hose. Aber hier in seinem Wahlkreis in Ostbrandenburg wird Lothar Bisky sowieso erkannt. Einmal im Moment bereist er ihn, Arbeit an der Basis.

Sein Frankfurter Wahlkreisbüro ist ein schickes Ladenlokal direkt am Markt, gute Lage. Er hat Bürgersprechstunde: Vorgelassen werden der Organisator der Montagsdemonstrationen gegen Hartz IV, ein Obstbauer und ein Sportfunktionär. Aus der Innentasche seines Jacketts zieht Bisky einen Block, macht sich Notizen zu Grenzwerten beim Einsatz von Pflanzenschutzmitteln oder zur Sanierung von Schulturnhallen. Den Kritiker der Agenda 2010 ermuntert er, „beweisfähiges Material“ über die Drangsalierung von Sozialhilfeempfängern in Frankfurt zu sammeln. Die PDS ist hier Volkspartei, Bisky hatte bei der Bundestagswahl 33,3 Prozent bekommen. Fast hätte es für das Direktmandat gereicht.

In seinem Buch „So viele Träume“, erschienen vor einem Jahr, schrieb er noch von der „schönen Aussicht“, dass ihm, wenn die PDS in Fraktionsstärke den Einzug in den Bundestag geschafft hat, alle „endlich Ruhe“ gönnen. Die Linke hat es am 18. September mit 54 Abgeordneten ins Parlament geschafft. Bisky aber hat seinen Rückzug nur träumen dürfen. Er wird sich Ende April wieder verpflichten lassen.

Kann da einer nicht loslassen?

Lothar Bisky wird im August 65 Jahre alt. Er hat sich diese Frage zuletzt häufiger gestellt.

Die Nachricht vom Rücktritt des brandenburgischen Ministerpräsidenten vom SPD-Vorsitz ist an diesem Tag noch frisch. „Platzeck hat’s erwischt“, sagt Bisky mitten in das Gespräch beim Geschäftsführer der Klosterbrauerei in Neuzelle hinein. Das Thema beschäftigt ihn, mit dem Unternehmer redet er über die Show in der Politik und wie leicht die Akteure zu Marionetten werden können. „Killen“ könne einen der politische Betrieb, sagt er.

Er aber macht weiter, die Partei will es so. Von 1993 bis 2000 führte Bisky die PDS, bei seinem Rückzug damals wirkte er ausgelaugt. Mit den Worten „Die finale Mülltonne ist voll“ verabschiedete er sich und ging in die brandenburgische Landespolitik. 2003, die Partei war nach der verlorenen Bundestagswahl im Herbst zuvor in ihre bis dahin schwerste Krise geraten, musste er wieder ran.

Er muss bis heute. Bis morgen. Bis übermorgen. Die Genossen übersehen, dass Bisky auch jetzt zuweilen überfordert wirkt. Gregor Gysi drängelt, Bisky solle auch nach 2007 die neue Partei führen, wenn sich PDS und WASG endlich geeinigt haben. Bisky, der ausgleichende Moderator. Er poltert weniger als Gysi und Lafontaine, die Führer der Fraktion. Und er hat den besten Draht zu Klaus Ernst, dem Vorsitzenden der WASG. „Manchmal“, sagt Bisky, „waren wir beide verdammt einsam.“

Besonders einsam war er wohl im letzten November. Viermal trat er da an für den Posten des Parlamentsvizepräsidenten, viermal ließ eine Mehrheit ihn durchfallen. „Abgestempelt“ fühlte sich Bisky. Es hatte ihn unvorbereitet getroffen: Vor der Bundestagswahl hatten ihm Kontrahenten Respekt gezollt, weil er sich in schwieriger Zeit noch einmal für den PDS-Vorsitz hatte verpflichten lassen. Edmund Stoiber kam mal nach einer Sendung bei Sabine Christiansen zu Bisky und lobte: „Als Käpt’n geht man als Letzter von Bord.“

Nach der Niederlage im Bundestag sah sich Bisky, früher Rektor der Filmhochschule in Potsdam-Babelsberg, Filme von Stanley Kubrick an, darunter „2001 – Odyssee im Weltraum“. „Der Film lässt einen in die Unendlichkeit blicken“, sagt er. „Man schwebt. Man merkt, wie wenig man eigentlich ist.“ Vom „Neuen Deutschland“ wurde er befragt zu seinen Erfahrungen im Parlament und zeigte sich beeindruckt über das „Labyrinth von Gebäuden mit seinen vielen Büroboxen“. Wenn er einen Sciencefiction- oder einen Gefängnisfilm drehen sollte, „ich würde ihn hier drehen“.

Erkner, Kaffeezeit, Treffen mit Neumitgliedern. Bisky hat sich auf die Runde mit „den Kleinen“ gefreut. Im Café Stilbruch aber hat sich kaum fescher Nachwuchs versammelt. Die neun neuen Genossen sind fast alle schon in mittlerem Alter, viele wirken frustriert. Bisky sitzt vor einem Regal mit Keramikengeln und isst Käsekuchen. Ein 66-Jähriger, früher 29 Jahre lang SED-Mitglied, berichtet, seit 1989 habe er keine Beiträge mehr bezahlt und sich nun neu registrieren lassen. Der Mann fordert, die Linkspartei müsse sich zur DDR bekennen, trotz aller Fehler: „Es gibt keinen anderen Weg, als zu versuchen, die jetzige Phase zu überstehen und den Sozialismus anzustreben.“ Bisky schweigt, atmet durch.

„Willkommen im Club“, ruft er dann den Neumitgliedern zu. Wer will, darf leichte Ironie heraushören. Der Parteichef hält einen langen Vortrag mit der Botschaft, dass die PDS nur durch Lebensnähe, nur durch den Bruch mit dem Stalinismus eine Chance bekommen habe. „Wir sind ein Ergebnis dieses Bruchs. Mich ärgert die Partei so unerhört, und ich kann zugleich in keiner anderen Partei sein, weil sie pluralistisch geworden ist.“ Das soll sich auch der Rentner merken, der 16 Jahre lang nicht dabei war. Zurück im Auto macht Bisky „eine große Lücke“ in dessen Biografie aus. Die vereinte Linkspartei werde die ostdeutschen PDS-Mitglieder mit der Vereinigung Deutschlands versöhnen.

Aber noch sei es mit der Linkspartei nicht so weit, dass er ruhig ausschlafen könne. Querelen statt Aufbruchsstimmung. Bisky gibt „eine Delle“ zu, ahnt, dass der „Charme des Neuen“ nicht mehr lange wirkt. Ende April tritt er auf einem Parteitag in Halle für eine weitere Amtszeit als Parteichef an. Vielleicht bin ich zu sehr mit der Partei verheiratet, sagt er noch. Dann geht es weiter.

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