Zeitung Heute : Held unter Verdacht

Richard Jewell und die Olympischen Spiele 1996: Der Wachmann entdeckt die Bombe, schlägt Alarm und rettet damit Leben. Dann wird er als Täter verdächtigt. Zu Unrecht. Ein Treffen in Atlanta.

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Von Albrecht Meier Richard Jewell könnte versuchen, seine Ruhe zu finden. Er könnte sich weigern, Interviews zu geben. Aber er würde auch wissen, dass es nichts nützen würde. Sie würden ohnehin seine Handynummer wählen, sie würden bei seiner Mutter in Atlanta anrufen, sie würden es bei seiner Arbeitsstelle in Meriwether County versuchen. Richard Jewell ist nicht nur in den USA bekannt, auch anderswo auf der Welt erinnert man sich an ihn. Das hat mit der Bombe zu tun, die bei den Olympischen Spielen in Atlanta explodierte. Am 27. Juli war das genau zehn Jahre her. Also häufen sich auch wieder die Anrufe bei Richard Jewell.

„Das werde ich mein Leben lang nicht los“, sagt Jewell. Sein Anwalt Lin Wood sitzt neben ihm, am anderen Ende des Tisches seine Frau. Wir sind im 14. Stock des One Atlantic Center in Midtown von Atlanta. Ob dieses Gespräch im Büro von Jewells Anwalt überhaupt stattfinden würde, war wochenlang unklar gewesen. Am Ende hat sich Jewell an seinem freien Samstagnachmittag dann doch ins Auto gesetzt, um in die Stadt zu kommen. Er nimmt sich dann eine Dreiviertelstunde für das Gespräch.

Sein Verhältnis zu den Medien ist – um es vorsichtig zu sagen – gespalten. Auch während er an seiner Cola nippt, mustert Jewell aufmerksam seinen Gesprächspartner, registriert jedes Nicken, jede Veränderung der Körperhaltung. Einmal während unseres Gesprächs steht die mitgebrachte Kamera zufällig so auf dem Tisch, dass man damit auch seine Frau fotografieren könnte. Jewell bittet, die Kamera umzudrehen. Weder der Name noch ein Foto seiner Frau sollen in der Zeitung erscheinen.

Alles begann in der Nacht zum 27. Juli 1996. Seit einer Woche richtete Atlanta damals die Olympischen Spiele aus, und Jewell arbeitete während dieser Zeit als Wachmann. In jener Nacht spielte in einem Park in Atlanta eine Band, als der Wachmann Jewell unter einer Bank einen verdächtigen Rucksack entdeckte. Jewell überlegte nicht lange und evakuierte den Ort. Kurze Zeit später ging die in dem Rucksack versteckte Bombe hoch. Eine Frau wurde getötet, ein türkischer Kameramann erlitt einen tödlichen Herzanfall, als er zum Unglücksort rannte. 111 Menschen wurden verletzt.

Einige Tage später durchsuchte die Bundespolizei Jewells Wohnung. Aus dem Helden, der den Park kurz vor der Explosion räumte, war im Verlauf der Ermittlungen plötzlich ein Tatverdächtiger geworden. Und alle stürzten sich auf die Story.

Sie war ja auch zu gut, um nicht gedruckt oder gesendet zu werden: Jewell, der gefallene Held, der Eigenbrötler, der mit 33 Jahren immer noch bei seiner Mutter wohnt, der unheimliche Einzelgänger. Handfeste Beweise hatte die Bundespolizei nie gegen ihn, nie wurde er festgenommen. Aber sein Name war in der Welt, nachdem „Atlanta Journal“ ihn zuerst veröffentlicht hatte. Die Zeitung (die heute nach einer Fusion den Zusatz „-Constitution“ hat) schrieb, bei Jewell handele es sich um „ein Individuum mit einer seltsamen Erwerbsbiografie und einer anomalen Persönlichkeit“. Die „New York Post“ zeigte eine Karikatur, in der Jewell verunglimpft wurde. Es dauerte 88 Tage, bis Jewell offiziell vom Verdacht entlastet wurde, die Bombe gelegt zu haben.

Eigentlich könnte man denken, dass an diesem Punkt auch die Geschichte von Richard Jewell zu Ende ist. Dass er aber trotzdem noch sehr lange, vielleicht tatsächlich sein ganzes Leben lang „der unter Verdacht geratene Wachmann von Atlanta“ bleiben wird, hängt unter anderem mit dem Rechtsstreit zusammen, den er bis heute mit dem Blatt „Atlanta Journal-Constitution“ austrägt. Auf dem Höhepunkt der Hysterie nach dem Attentat verglich ihn die Zeitung nach den Worten seines Anwalts mit Wayne Williams, einem berüchtigten amerikanischen Kindermörder. „Was meinen Sie, wie man sich dann fühlt?“, fragt Jewell, der heute als Sheriff-Stellvertreter arbeitet.

Wenn Jewell jetzt an die 88 Tage zurückdenkt, in denen über ihn weltweit als möglichen Attentäter spekuliert wurde, erinnert er sich unter anderem an seine immense Gewichtszunahme. Er saß zu Hause, schottete sich ab gegen die draußen wartenden Reporter, spielte Videospiele – und aß. 130 Kilo wog er damals. Im Fernsehen sagte der NBC-Moderator Tom Brokaw, die Polizei stehe unmittelbar vor seiner Festnahme. Wenn er mit dem Auto unterwegs war, verfolgten ihn das FBI und Kameras. Richard Jewell war zum öffentlichen Gut geworden.

Heute erscheint Jewell als stämmiger Mann mit glattem Gesicht. 35 Kilo hat er abgenommen seit 1996. Seine Antworten wirken überlegt. Einmal macht er einen Witz, als es darum geht, wie er und seine zukünftige Frau sich zur Heirat entschlossen. Seine Frau wiederum kichert, als er von den vielen Umzügen in den letzten zehn Jahren berichtet. Er ist genau wie sie ein Fan der „Braves“, des Baseball-Clubs von Atlanta. Man könnte die beiden für ein ganz normales Ehepaar halten. Wäre da nicht der misstrauische, fast kalte Blick Richard Jewells, mit dem er dem Reporter begegnet. Er sei zum Zyniker geworden, sagt er.

Man kann nicht gerade sagen, dass sein Leben in den letzten zehn Jahren ereignisarm gewesen ist. Jedenfalls ist Jewell reich geworden dank der Entschädigungen, die US-Medien an den zu Unrecht an den Pranger gestellten Ex-Wachmann zahlten. Die genauen Summen werden nicht bekannt gegeben. Im Januar 1997 berichtete das „Wall Street Journal“, dass der Sender NBC 500 000 Dollar Schadensersatz zahlen werde. Das Geld kam gelegen, denn nach dem Anschlag wollte erst einmal kein Sheriff den gelernten Polizisten Jewell einstellen. In der angespannten Situation wollte keiner das Risiko eingehen, ausgerechnet ihm, Richard Jewell, einen Job zu geben, lautet seine Vermutung. Denn wäre auch nur der Verdacht aufgekommen, dass er sich im neuen Job die geringste Verfehlung geleistet hätte, wäre die Meute sofort wieder da gewesen – so malt es sich Jewell heute aus. Um dies zu unterstreichen, äfft er jene wild mit dem Mikrofon herumfuchtelnden Reporter nach, deren Bekanntschaft er während der Hetzjagd machen musste: „Warum beantworten Sie unsere Fragen nicht, Herr Jewell?“

Ein Hauch von Normalität stellte sich für Jewell eineinhalb Jahre nach dem Attentat erst wieder ein, als er einen Job als Polizist in Luthersville südlich von Atlanta bekam. Dort blieb er ein Jahr, und in dieser Zeit lernte er auch seine zukünftige Frau kennen. Dort in der Gegend hat er sich inzwischen auch ein Haus mit einem Stück Land gekauft. Zur Farmidylle der Jewells gehören sechs Hunde, fünf Katzen, fünf Gänse, zwei Ziegen, 14 Hasen und viele Fische.

In all den Jahren ist es aber nie richtig ruhig um ihn geworden. Die Welt begann zwar, den Wachmann aus Atlanta nach dem Olympia-Anschlag langsam wieder zu vergessen. In den USA hingegen begann zum einen die medientheoretische Aufarbeitung seiner Geschichte, die inzwischen zum Fallbeispiel zum Thema Ethik und Journalismus geworden ist. Als etwa in Washington im April 1997 ein interaktives Journalismusmuseum, das „Newseum“, eröffnete, wurden die Besucher dort im „Ethikzentrum“ auch mit Jewells Fall konfrontiert. Und für die Stadt Atlanta war der Fall ebenfalls noch lange nicht beendet. Denn wenn Jewell nicht das Attentat verübt hatte, wer dann?

Nachdem Jewell entlastet war, musste das FBI einräumen, dass es keine heiße Spur gab. Bis Anfang 1997 – als in Atlanta zwei Anschläge auf eine Abtreibungsklinik und eine Homosexuellen-Diskothek verübt wurden. Als dann im folgenden Jahr im benachbarten US-Bundesstaat Alabama eine weitere Bombe in einer Abtreibungsklinik explodierte, geriet ein Mann namens Eric Rudolph ins Visier der Fahnder. Im Oktober 1998 erklärte das US-Justizministerium Rudolph offiziell für verdächtig, alle vier Anschläge begangen zu haben – also auch das Attentat auf die Besucher im Park von Atlanta. Rudolph kam auf die FBI-Fahndungsliste mit den zehn wichtigsten Tatverdächtigen. Kurz vor seiner Festnahme entwischte er und blieb anschließend fünf Jahre lang wie vom Erdboden verschwunden. Rudolph hatte in seiner Zeit als Soldat ein Überlebenstraining erhalten, und so konnte er sich jahrelang in den Bergen von North Carolina verstecken. Als er im Mai 2003 dann doch gefasst wurde, war natürlich auch wieder ein Kommentar von Richard Jewell gefragt. Heute will Jewell wissen: „Welchen Nachrichtenwert hatte das?“

Vor einem Jahr, im August 2005, wurde Eric Rudolph wegen der Bombenanschläge von Atlanta zu lebenslänglicher Haft verurteilt. Zuvor hatte der Abtreibungsgegner Rudolph seinen Anschlag auf die Olympischen Spiele mit seinem Hass auf die US-Bundesregierung in Washington begründet. Er habe mit seinem Anschlag die Bundesbehörden dazu zwingen wollen, die Spiele abzusagen, erklärte er.

Obwohl damit der Fall des Attentats von 1996 abgeschlossen ist, scheint Jewell das Stigma, das durch den falschen Tatverdacht entstand, nie ganz losgeworden zu sein. Er würde lieber als der Wachmann in Erinnerung bleiben, der kurz vor der Explosion der Bombe geistesgegenwärtig handelte und hunderte Menschen in Sicherheit brachte. Einmal im Jahr kommt er in den Park zurück und legt eine Rose für Alice Hawthorne nieder, die unmittelbar bei dem Attentat ums Leben kam.

Es ist ein einsames Gedenkritual, das stets nachts stattfinde, erklärt Jewell. Die Furcht, plötzlich wieder wie vor zehn Jahren unvermittelt den Medien ausgeliefert zu sein, sitzt tief in ihm. Wenn er heute mit seiner Frau ein Restaurant betritt, setzen sich die beiden möglichst immer in eine Ecke, in der sie den Überblick behalten können. Sagt er nichts, sucht seine Frau automatisch einen Platz für ihn aus, wo er sich geschützt fühlt. „Ich war früher nicht so“, sagt Jewell.

Für Oktober steht eine spezielle Verhandlung im Rechtsstreit zwischen Jewell und der Zeitung „Atlanta Journal-Constitution“ an. Die weitere Dauer des inzwischen fast zehn Jahre währenden Verfahrens ist genauso offen wie der Ausgang. „Das ist erst der Anfang“, sagt Richard Jewell mit Blick auf den Verhandlungstermin im Oktober. Während er das sagt, seufzt er unmerklich und stützt dabei sein Kinn auf eine Faust. Einen Schlussstrich will er nicht ziehen.

Im Januar war er gemeinsam mit seinem Anwalt an einer Universität im US-Bundesstaat Pennsylvania. Dort hat er angehenden Journalisten seinen Teil der Story erzählt. Es bleibt ihm nichts anderes übrig, denn längst ist er zum Gefangenen dieser Geschichte geworden: „Ich lebe jeden Tag mit ihr.“

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