Zeitung Heute : Helden der Epoche

Der Tagesspiegel

Von Rüdiger Schaper

Das 20. Jahrhundert, das blutigste der Menschheitsgeschichte, war das Jahrhundert des Kinos. „Film ist wie ein Schlachtfeld“, so hat es der Hollywood-Regisseur Sam Fuller ausgedrückt – ehe das Fernsehen neue, omnipräsente Schlachtfelder eröffnete. Das Theater, dem der Film entsprang, hatte als Mutter-Kunst schon das alttestamentarische Alter von 2500 Jahren. Doch ausgerechnet in der Epoche, die den elektronisch erzeugten Bildern gehören sollte, hat sich das Theater noch einmal revolutioniert und erneuert wie nie zuvor. Das unbekannte Wesen, das die Bühne schlagartig modernisierte, war der Regisseur.

Mit der „Geburt der Regie“ intonieren 3sat und der ZDF-Theaterkanal ihre sechsteilige Dokumentarreihe „Das Jahrhundert des Theaters“. Eine Premiere: Zum ersten Mal wirft sich das Fernsehen mit gewaltigem Rechercheaufwand auf das Theater, jenes Medium, das durch das Fernsehen beeinflusst und schließlich in die Defensive gedrängt wurde. Dabei zeigt sich das Theater nicht allein als Spiegel der Zeitgeschichte. Es hat selbst Geschichte geschrieben.

Es geschah zur gleichen Zeit in Paris, Moskau und Berlin. Die Regisseure übernehmen das Kommando. Sie heißen Konstantin Stanislawski, André Antoine und Max Reinhardt. Um das Jahr 1900 entwickelt sich in den europäischen Metropolen ein zeitgenössisches Theater, das sich von der Rasanz des technischen Fortschritts und den Neuerungen der Psychoanalyse Freuds mitreißen lässt. Theater- und Filmregisseuren werden diktatorische Neigungen nachgesagt – und dann dauert es nicht mehr lang, bis Diktatoren, Kriegstreiber, Massenmörder Europa und die Welt in ein infernalisches Gesamtkunstwerk stürzen. Hitler, Mussolini, Stalin haben die Politik theatralisiert. So wurden die bahnbrechenden Masseninszenierungen des Berliner Theatertriumphators, des Juden Max Reinhardt, von den Nazi-Propagandisten ins Ungeheuerliche pervertiert. Brecht holte den Schmieren-Spieler Hitler auf die Bühne zurück – als Arturo Ui, der bei einem Staatsschauspieler Shakespeare-Unterricht nimmt. Da sieht man, im doppelten Zeitsprung, Martin Wuttke und Bernhard Minetti in der legendären Inszenierung Heiner Müllers vom Berliner Ensemble.

Peter von Becker, Autor des „Theater-Jahrhunderts“ und Feuilletonchef des Tagesspiegel, schlägt überraschende, erhellende Schneisen durch das Dickicht der historischen Kulissen. Was sein TV-Essay (Regie: C. Rainer Ecke, Matthias Schmidt) ins Auge fasst, ist die Wirkungsgeschichte von Regisseuren und Inszenierungen, kein bebilderter Schauspielführer, keine Dramen- und Dramatikerparade, vielmehr ein sechsstündiger Riesen-Clip dessen, was sich auf der Bühne und in den Schlachthäusern der Welt in Szene gesetzt hat; die „große Parallelaktion“, von der Robert Musil sprach. Reinhardt, das Originalgenie. Gründgens, der diabolische Dulder. Kortner, Emigrant und Adenauers künstlerischer Antagonist. Giorgio Strehler, der europäische Visionär. Brecht und sein Antipode Samuel Beckett: Es ist das Jahrhundert der verfolgten, zerrissenen Giganten.

Das Theater, diese flüchtige Kunst, schafft Erinnerungsposten in immer flüchtigerer Zeit. Strehlers letzte Inszenierung, Pirandellos „Riesen vom Berge“, 1994 am Wiener Burgtheater, endete in einem Menetekel: Der sich herabsenkende eiserne Vorhang zerdrückt den Karren einer fahrenden Schauspieltruppe. „Das Jahrhundert des Theaters“ fokussiert sich in solchen Momenten: Nach der Unterzeichnung des Hitler-Stalin-Pakts gehen der deutsche und der sowjetische Außenminister in die Oper. Die Siegermächte wetteifern im Berlin des Jahres 1945 um die Vorherrschaft auf den (zerbombten) Bühnen: russische Autoren gegen Sartre und Thornton Wilder, ein Vorspiel zum Kalten Krieg. Das Living Theatre (hier kommt auch einmal US-Theater aufs deutsch-europäische Spielfeld) gibt in den 60er Jahren Protestformen vor. Der „Marat / Sade“ von Peter Weiss in der legendären Inszenierung Peter Brooks: das 20. Jahrhundert als Irrenhaus, mit frühen Flower-Power-Parolen: „Keine Revolution ohne allgemeine Kopulation“.

Die an Trouvaillen reiche 3sat-Dokumentationsreihe verzichtet auf strenge Chronologie. Sie schlägt Kapriolen, springt durch Theater-Traum und Zeitgeschichte wie Carlo Goldonis akrobatisch-gejagter „Diener zweier Herren“, dem man hier auch begegnet. Das Fernseh-Theater (Sprecher: Esther Schweins, Otto Sander) arbeitet mit Zeitraffer, raffinierten Gegenschnitten, findet Zeitzeugen wie Heiner Müller, Marcel Reich-Ranicki und Henning Rischbieter, die nicht als theaterwissenschaftliche Experten befragt werden, sondern sich spontan erinnern.

Die Schlussfolge heißt „Helden der Postmoderne“. Auch am Ende der Epoche haben die Regisseure das Zepter in der Hand, fester als je zuvor: Grüber, Zadek, Stein, Peymann. Es folgen Regisseure der strengen Form: der Musiker Christoph Marthaler, der bildende Künstler Robert Wilson. Und einer wie Frank Castorf, der Bilder, Stile, Ideologien des Jahrhunderts durcheinander wirbelt.

„Das Jahrhundert des Theaters“, 3 sat, 20 Uhr 15. Die weiteren Folgen jeweils sonntags zur gleichen Sendezeit. Im ZDF-Theaterkanal läuft die Reihe bis September.

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