Zeitung Heute : Helden für einen Tag

Seit 40 Jahren treffen sie sich am 9. Mai: Während auf dem Roten Platz das Militär paradiert, feiern sie ihr Fest in einer Garage

Elke Windisch[Moskau]

Das ist nur was für feine Leute, sagt Alexej Wassiljewitsch, für welche, die ohnehin schon alles haben. Gekochte Möhren und Kartoffeln werden in kleine Würfel geschnitten, junge Erbsen dazu, Salz und Pfeffer, und dann wird das Ganze mit Mayonnaise verrührt. Es ist das Rezept für den Salat, den der französische Koch Olivier vor über 150 Jahren den Reichen von St. Petersburg machte. Alexej Wassiljewitsch und die anderen drei Herren sind keine feinen Leute. Sie sind ehemalige Frontkämpfer und Shanna Bulatowa, die einzige Dame der Runde, eine ehemalige Partisanin aus Moldawien, die in den Wäldern der Ukraine kämpfte. Tief im Hinterland des Feindes.

Fleisch, von dem sie nach vier Jahren Krieg nicht einmal mehr wussten, wie es schmeckt, ist für sie noch 60 Jahre später Symbol für Frieden und Wohlstand. So wie für Deutschlands Kriegskinder die gute Butter. Die Wurstwürfel, die Shanna in den Salat schneidet, sind doppelt so groß wie die Kartoffelstücke.

Seit Zufall und staatliche Wohnraumlenkung sie vor über 40 Jahren in dem fünfgeschossigen Mietshaus im Nordwesten Moskaus zusammenführten, feiern sie den Tag des Sieges gemeinsam. In den letzten Jahren meist in der Garage. Ein Wellblechquader, fünf Meter lang und vier Meter breit, der bei Bedarf mit seinem Besitzer umziehen kann. Sonst steht hier ein Minibus, in dem sich abends die Jugendlichen der Aufgänge eins bis vier treffen. Zum Knutschen, manchmal auch zum Kiffen.

Jetzt steht hier ein Tapeziertisch, auf dem der Feine-Leute-Salat das einzige Zugeständnis an 60 Jahre Frieden ist. Fast alles andere ist wie damals an der Front, Graupengrütze, schwarzes Kommissbrot, selbst gedrehte Papirossi und Wodka. Die Gläser sind kleiner. Die 100 Gramm, die sie damals vor und nach den schlimmsten Gefechten bekamen, würde heute keiner von ihnen mehr verkraften. Jedenfalls nicht, wenn das Glas – werden Trinksprüche gehalten, ist das in Russland Gesetz – auf einen Zug geleert wird. Heute wird es viele Trinksprüche geben.

Vor fünf Jahren war es eng in der Garage. Doch Essenbai aus Wohnung 4 ist inzwischen tot, der tschetschenische Professor aus Wohnung 15 auch, und letzte Woche haben sie die Restauratorin aus Wohnung 9 begraben: Natalja Serdjukowa, stets liebenswürdig, das weiße Haar sorgfältig frisiert und mit den feinen Manieren ihrer Heimatstadt St. Petersburg, wo sie die 900 Tage Blockade überstand.

Jetzt sind sie noch fünf. Und jeden kann es jeden Tag treffen. Shanna, die noch immer ein bisschen so ist wie die „Smugljanka“, das Mädchen aus dem Lied über die moldawische Partisanin: quirlig, fröhlich, schlank. Nur die schwarzen Augen sehen fast nichts mehr. Oder Alexej Wassiljewitsch, der Moskau im Herbst 1941 verteidigte. Inzwischen 79 Jahre alt wie Shanna und schwer herzkrank, schafft der beleibte Mann es trotz Stock meist nur noch bis zur Bank vor der Haustür. Und wer soll für Musik sorgen, wenn es die beiden trifft, die bis nach Berlin kamen? Gagik Petrosjan, dem Armenier, gehört der alte Plattenspieler, und Alik Abbassow, dem Aserbaidschaner, gehören die abgenutzten Schallplatten mit den Liedern des Sieges: die „Smugljanka“, „Katjuscha“ und das Lied von den gefallenen Soldaten, deren Seelen als weiße Kraniche wiederauferstehen.

„Die Texte muss man nicht mögen“, sagt Petrosjan, der Armenier, „doch die Musik schlägt jeden in ihren Bann.“ Fast jeden. Die Jugendlichen aus Aufgang eins bis vier, die heute nicht in die Garage können, besetzen gerade den Kinderspielplatz und scheuchen die Kleinen von Schaukel und Wippe.

Der Tag des Sieges findet ohne die eigentlichen Sieger statt – die Völker der Sowjetunion: Das Moskauer Stadtzentrum ist für gewöhnliche Sterbliche dicht. Und der Luftraum über der Stadt gleich mit dazu. Die Sonderstaffel der Luftstreitkräfte, die die Regenwolken schon über Kaluga, 400 Kilometer südwestlich von Moskau, zur Zwangsentleerung veranlassen soll, kann lange nicht aufsteigen. Auf dem Roten Platz tröpfelt es daher, als mit dem Glockenschlag zehn Uhr die Militärparade beginnt.

Einheiten in Uniformen von anno 1945 nebst Waffen aus jener Zeit eröffnen sie, gefolgt von 130 Lastwagen, auf deren Ladeflächen Kriegsveteranen mit roten Nelken sitzen, Panzerketten rasseln, Kampfjäger donnern im Tiefflug über die Ehrentribünen hinweg. Der Einladung Wladimir Putins, der die „historische Versöhnung zwischen Russland und Deutschland“ eine der wichtigsten Errungenschaften im Nachkriegseuropa nennt, sind über 50 Staatschefs gefolgt.

Die Sieger und die Verlierer. Bush und Chirac, der Japaner Koizumi und der deutsche Bundeskanzler. Sogar UN-Generalsekretär Kofi Annan. Nur ein paar Chefs der Länder, die aus den ehemaligen Sowjetrepubliken hervorgingen, fehlen; die Präsidenten von Litauen und Estland, weil Moskau sich nicht für die Okkupation des Baltikums entschuldigt, Michail Saakaschwili ist nicht da, weil Russland so viel Zeit für die Räumung seiner letzten Basen in Georgien braucht, und Aserbaidschans Ilham Alijew wollte nicht neben dem Armenier Robert Kotscharjan sitzen.

„Die sollten uns mal verhandeln lassen“, sagt der Aserbaidschaner Abbassow in der Garage, wo sie den Fernseher angemacht haben. „In einer halben Stunde wäre Frieden, was, Gagik?“ – „Was sonst?“, sagt Gagik, der gerade Wodka eingießt für den ersten Toast. „Auf den Sieg“, sagt Alexej Wassiljewitsch, als im Fernsehen der erste Akkord der Nationalhymne ertönt. 1944 von Maestro Alexandrow als Sowjethymne komponiert, singt sie auch das postkommunistische Russland seit vier Jahren wieder. Mit neuem Text. In der Garage singen sie den alten. Den von der unverbrüchlichen Union, deren Völker das große Russland auf ewig zusammengeschweißt hat.

Es ist inzwischen kurz nach halb zwölf. Im Alexandergarten unter den Kremlmauern legen Putin und die Staatsgäste am Grabmal des unbekannten Soldaten gemeinsam eine Girlande aus dunkelroten Rosen nieder. Die Luftwaffe hat ihren ersten Teilsieg über die Wolken errungen, kurz zeigt sich die Sonne.

Zwölf Uhr. In der Garage legt Petrosjan eine neue Platte auf. Der Fernseher läuft im Hintergrund nun ohne Ton. Im Kreml hat inzwischen der große Empfang begonnen. Putin, die Staatsgäste und ausgewählte Veteranen. „Wir, die wir im Frieden aufwachsen durften“, sagt Putin, „stehen für immer in der Schuld unserer Veteranen.“ Der erste Toast – mit 100 Gramm wie an der Front – gilt daher ihnen. Später gibt es Kaviar und Sekt.

Sekt, sagt Shanna, habe sie nie gemocht. Es klingt nicht sehr überzeugend. Eher trotzig und verstört. So, wie ein kleines Mädchen reagieren würde, dem man die Schokolade wegnimmt, weil es etwas angestellt hat, aber nicht erklärt bekommt, was genau.

Der Tag des Sieges, schrieb der Publizist Leonid Radzichowski in einer viel beachten Kolumne, sei der einzige Tag des Jahres, an dem die Bürger Russlands sich eins mit ihrem Staat fühlen. Nicht die Funktionäre des Staates, auch nicht die ausländischen Staatsgäste seien dessen Hauptpersonen, sondern die Kriegsteilnehmer, ihre Kinder und Kindeskinder. Wenn sie alle ausgesperrt bleiben, dann sei das „gleichbedeutend mit dem Verbot, stolz sein zu dürfen“.

13 Uhr: In der Twerskaja scheitert eine nicht genehmigte Demonstration der antifaschistischen Jugend an den Postenketten. Und an Moskaus Kiewer Bahnhof, der außerhalb des Sperrbezirks liegt, verkaufen junge Frauen aus dem Nordkaukasus frische, sonnengereifte Erdbeeren. „30 Rubel die Schale“, sagt eine. „Aber nur, wenn du es passend hast.“ Geldwechseln kostet Zeit, und die hat die Frau nicht. Denn sie ist mit ihrem Bauchladen ständig auf der Flucht vor der Miliz, die Order hat, wenigstens heute jeden Straßenhandel zu verhindern. Mit einem Lächeln im Gesicht. So die ausdrückliche Dienstanweisung von Polizeichef Wladimir Pronin.

14 Uhr. Der Himmel ist wieder voll Wolken, die Garage hat den Fernseher auf den Privatsender NTW umgeschaltet, der live aus Berlin sendet. Schöne Bilder. Schwenks über Reichstag und Brandenburger Tor. Die fünf schauen interessiert zu. „Kaum wiederzuerkennen die Stadt“, sagt Petrosjan. „Hat sich mächtig rausgemacht.“ Staunen schwingt da mit, Anerkennung, keine Verbitterung, kein Neid darüber, dass es den Verlierern von damals so viel besser geht als den Siegern. Petrosjan hebt sein Glas, der dritte Toast steht an, und er ist an der Reihe. „Auf den Frieden“, sagt er, „und auf die Völkerfreundschaft.“

Auf dem Kinderspielplatz geraten sich die Jugendlichen der Aufgänge eins bis vier bei Verteilungskämpfen um Wippe und Schaukel in die Haare. Die Fronten verlaufen nach ethnischem Prinzip. Liebenswürdigkeiten wie „Kasachenpack“ und „Russenschweine“ werden ausgetauscht. Im dritten Stock geht ein Fenster auf. „Könnt ihr nicht wenigstens heute Frieden halten“, schimpft Großmutter Raissa, vor deren schwarzem Wolfshund alle Respekt haben.

15 Uhr. Auf der Poklonnaja Gora – dem Heldenhügel im Südwesten der Stadt – beginnt nun doch noch so eine Art Volksfest. Erstklässler überreichen Kriegsteilnehmern Blumen und selbst gezeichnete Bilder. Die Sonne ist darauf zu sehen, Bäume, Blumen, Panzer mit dem Sowjetstern und auf einer Zeichnung ein Reiter und ein Schimmel – Marschall Georgi Schukow, der die historische Parade des Sieges vor 60 Jahren hoch zu Ross abnahm. „Danke dafür, dass wir leben“, sagt ein kleiner blonder Junge.

Shanna in der Garage holt wieder ihr Taschentuch hervor. Alexej Wassiljewitsch gießt noch mal nach. „Auf die Kinder“, sagt Abbassow, der Aserbaidschaner. „Auf die Blumen unseres Lebens.“

16 Uhr. Putin macht Smalltalk mit diversen Staatsgästen, Schröder absolviert ein Sonderprogramm. Besuch des deutschen Soldatenfriedhofs in Ljublino. Ein sehr nachdenklich scheinender Kanzler.

18 Uhr. In der Garage läuft immer noch der Fernseher, mit Ton wieder, denn es wird ein Konzert mit den alten Liedern übertragen. Die Newsmaker schneiden unterdessen ihre Berichte für die Abendnachrichten zusammen und suchen sich dann die günstigsten Plätze für das große Abschlusskonzert auf dem Roten Platz und das Feuerwerk, mit dem der Tag ausklingt.

Alexej Wassiljewitsch verteilt möglichst gerecht den letzten Rest aus der Flasche. In ein paar Minuten werden sie alle aufgestanden sein und zu ihren Familien gehen, an die Festtafeln. Es wird noch mal Salat Olivier geben, reichlich Fleisch, Sekt und Torte. Und bei Radio „Echo Moskwy“ wird der stets kritische Chefkommentator eine, rein rhetorische, Frage stellen, die die Antwort schon ein wenig vorwegnimmt. Was war das heute eigentlich? Eine Feier des Sieges oder ein Sieg über den Feiertag?

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