Zeitung Heute : Helden Meine

Peter Plate ist die eine Hälfte des erfolgreichen Popduos Rosenstolz. Seit seiner Jugend macht er Musik: in Goslar, London und Berlin. Hier erzählt er von neun Männern, die er bewundert.

Hit-Band Rosenstolz („Ich bin ich“) pausiert, ihr Mitgründer Peter Plate (45) kommt. Und zwar mit seinem ersten Soloalbum: „Schüchtern ist mein Glück“.
Hit-Band Rosenstolz („Ich bin ich“) pausiert, ihr Mitgründer Peter Plate (45) kommt. Und zwar mit seinem ersten Soloalbum:...Foto: AFP

BENNY ANDERSSON

Als ich sieben war, gab es eine Zeit, in der ich jeden Nachmittag in der Kneipe saß. 1975 sind wir von Hamburg nach Goslar gezogen. Für mich war der Umzug das Ende der Welt. Ich verlor meine Freunde und sollte auf eine neue Schule. Die ersten Wochen haben wir in Goslar bei einer Bekannten gewohnt. Die hatte die Kneipe, nachmittags saß ich im Schankraum, es roch nach Bier, und ich stand vor der Jukebox, warf 20 Pfennige ein, um immer und immer wieder dieses eine Lied zu hören: „Fernando“ von Abba. Wenn ich den Song hörte, war ich allein und glücklich. Damals habe ich überhaupt nicht begriffen, dass es ein Anti-Kriegslied war, ich wurde nur zum glühenden Verehrer von Abba.

Benny war der Typ mit dem Bart, der mit Frida verheiratet war. Ich weiß noch, dass ich über ihn in einem Abba-Taschenbuch las, dass er nie Noten gelernt hat, sondern alles nach Gehör spielte. Er hörte ein Lied im Radio, erkannte sofort die Melodie heraus und konnte es anschließend auf dem Klavier spielen. Diese Fähigkeit hätte ich gern. Mit zunehmendem Alter finde ich ihn besser, weil mich sein kompositorisches Talent beeindruckt. Ich finde, er war total anarchistisch. Schon in den 70er Jahren hat er sich mit einem uncoolen Akkordeon auf die Bühne gestellt, hat vor dem Soundcheck Folk gespielt und sich nicht geschert, was die anderen von ihm hielten.

KARL UND JONATHAN LÖWE

Als Kind war ich riesiger Astrid-Lindgren-Fan. Am meisten bewegt hat mich ihr Buch „Die Gebrüder Löwenherz“. Es war ein Buch über den Tod, ich kann mich noch erinnern, was für ein Aufruhr das war: Wie kann eine Kinderbuchautorin darüber nur schreiben? Im Grunde geht es sogar um Selbstmord. Der eine Bruder, Karl, kann nicht mehr laufen, dann springen beide zusammen einen Felsen runter, weil der ältere Jonathan von einem Land gehört hat, das sei ganz wunderbar. Er sagt: Wir müssen nur die Augen schließen, dann landen wir in diesem nächsten Land. Es ist eine Fantasywelt, hat nichts Bedrohliches, sondern strahlt Wärme aus.

Mit zwölf Jahren habe ich das in Goslar gelesen – und dann gleich noch mal, weil ich mich aus dieser Welt nicht verabschieden wollte. Drei Jahre später hatte die Schwester meines besten Freundes Gehirntumor. Sie war sieben, lag im Krankenhaus, und wenn wir sie besuchten, lasen wir ihr das Buch vor. Als sie gestorben ist, haben wir es ihr mit dem Buch vielleicht einfacher gemacht. Es gab Ende der 70er Jahre auch eine Verfilmung, sie war schön, aber nicht so toll wie die Fantasiewelt in meinem Kopf. Nichts ist eben so groß wie die Vorstellungskraft eines Kindes.

ERICH KÄSTNER

Ach, ich wünschte, ich würde als Erwachsener noch so viel lesen wie damals als Kind – unter der Decke und mit Taschenlampe. Erich Kästner ist bis heute mein Lieblingsschriftsteller, von ihm habe ich alles gelesen, angefangen bei „Emil und die Detektive“ bis zu meinem Lieblingsbuch „Das doppelte Lottchen“. Den Plot, die Eltern zu tauschen, finde ich genial. In der Pubertät waren die Bücher eine Möglichkeit, dem Alltag zu entfliehen. Mit fünf Jahren wurde ich schon eingeschult, in der siebten oder achten Klasse war ich dann Spätentwickler, da habe ich total gelitten. Goslar ist eine Kleinstadt mit 50 000 Einwohnern, in meiner Klasse gab es viele Jungs aus den umliegenden Dörfern – die waren härter als ich. Ich fand mit 13 die Öko-Bewegung toll, habe Jute- statt Plastikbeutel getragen und ging in Teestuben. Klar, da wurde ich gemobbt. Trotzdem hatte ich schon als Kind eine große Klappe, ich konnte nie nicht widersprechen. Die achte Klasse habe ich noch mal freiwillig wiederholt. Ab dann wurde alles besser. Es war wahrscheinlich altersgerechter für mich.

HELMUT SCHMIDT

Dazu müssen Sie wissen, dass mein Opa Diplomat war und wollte, dass ich auch einer werde. Er war CDU-Wähler. Als ich 14 wurde, hatte er nichts Besseres zu tun, als mir die „FAZ“ zu abonnieren, obwohl ich lieber die „Bravo“ oder ein Skateboard gehabt hätte. Nach dem Abitur habe ich Zivildienst gemacht, da hat mich mein Opa als Trittbrettfahrer beschimpft. Einmal habe ich ihn besucht, ich trug ganz frisch einen Ohrring – natürlich hat er mich rausgeschmissen.

Trotzdem hat er mir etwas Wichtiges vererbt: eine Leidenschaft für Politik. Deshalb begeistert mich eine Figur wie Helmut Schmidt. Ein alter Mann hat etwas Weises, haben meine Eltern früher gesagt. Das trifft auf ihn zu. Wenn er erklärt, dass wir eine Banken- und keine Euro-Krise haben, finde ich das beruhigender als von manch anderem Politiker. Ich habe Helmut Schmidt in meiner Jugend widersprüchlich erlebt. Er war der Kanzler des Nato-Doppelbeschlusses, gegen den ich als Jute-Öko protestierte. Ich gestehe ihm eine Wandlung zu: Seit er nicht mehr Kanzler ist, finde ich ihn liberaler. Am meisten imponiert mir, dass er sich in seinem Alter noch mal verliebt hat. Das macht ihn menschlich.

Ein einziges Mal stand ich in einem Raum mit Helmut Schmidt, als wir beide den Bambi 2011 erhielten. Kurzzeitig habe ich überlegt, mich in die Schlange der Gratulanten einzureihen. Aber die war ellenlang, jeder wollte ihn mal berühren, da habe ich mir gesagt: Das ist doch Quatsch, das verbietet mir jetzt der Respekt.

DAVE STEWART

Was Abba in meiner Kindheit war, waren die Eurythmics in meiner Pubertät. Dave Stewart war der Mann am Keyboard, den fand ich faszinierend, weil ich mit 15 Jahren selbst von Akkordeon und Orgel auf Synthesizer umstieg. Das Lied „Love is a Stranger“ habe ich zum ersten Mal im Radio auf NDR2 gehört, ich wusste zuerst gar nicht, ob das eine Frau oder ein Mann singt, weil Annie Lennox eine relativ tiefe Stimme hat. Ich habe mir sofort das Album gekauft. Wie die beiden damals aussahen, fand ich megacool: Die trugen fast denselben Bürstenhaarschnitt und ähnelten sich auf den Fotos.

Seitdem ist Dave Stewart für mich ein Held, auch weil er nach der Auflösung der Eurythmics weitergearbeitet hat: als Solokünstler, Komponist oder Produzent für andere. Mick Jagger, Celine Dion, jetzt macht er ein Musical am Broadway, „Ghost“, das ich leider noch nicht kenne. Er hat keine Scheuklappen, das bewundere ich an ihm. Als ich die Eurythmics das erste Mal live gesehen habe, auf der „Peace“-Tour 1999, da kam er mit einem Gitarrensolo auf die Bühne, so herrlich schräg, das war super. Ich höre übrigens jedes Dave-Stewart-Gitarrensolo sofort heraus, obwohl ich kein Experte bin. Der hat einen hallenden Sound wegen der Fuzz-Gitarren.

LEONARD COHEN

Mit 21 Jahren hatte ich eine richtige Krise. Mein erster Freund hat nach einem Jahr mit mir Schluss gemacht, ich war gerade mit meinem Zivildienst in einem Braunschweiger Altersheim fertig, wohnte da noch zwei Monate – und bin in derselben Nacht Hals über Kopf nach Amsterdam abgehauen. Habe einfach den Zug genommen, ohne jemanden zu benachrichtigen. Eine romantische Flucht, weil ich mit meinem Freund mal vorher hingefahren bin. Es regnete die ganze Zeit, ich war verzweifelt, nachts schlief ich in einer Jugendherberge und heulte mir die Augen aus. Da kam einmal eine Engländerin auf mich zu, ein bisschen älter, sie setzte mir die Kopfhörer ihres Walkmans auf – und da lief „First We Take Manhattan“ von Leonard Cohen und Jennifer Warnes. Was für ein Lied!

Seitdem bin ich Fan von Cohen. Ich wünschte, ich hätte seine tiefe Stimme. Er hat mich überzeugt, bei allen Liedern so tief wie möglich zu singen. Im vergangenen Jahr habe ich ihn in der Waldbühne gesehen, seine Würde und Frechheit fand ich umwerfend. Als ich 1988 aus Amsterdam wiederkam, waren alle unheimlich nett zu mir. Meine Mutter reiste sogar extra aus Cuxhaven an, wo sie inzwischen lebte, nur mein Freund kam nicht zu mir zurück.

PEDRO ALMODOVAR

An ihm finde ich gut, dass er kommerzielle Filme dreht, die trotzdem anarchistisch sind. Er zieht seinen Stiefel durch. Es geht immer um die Liebe und das Drama. Ich liebe das Drama! Und wie die Schauspielerinnen sich bei ihm aufplustern dürfen, das ist herrlich, besonders wenn ich die Filme auf Spanisch sehe. Spreche ich leider nicht, deshalb immer mit englischen Untertiteln. Rossy de Palma mit ihrer großen Nase oder Carmen Maura in „Mein blühendes Geheimnis“, die darauf wartet, dass ihr Mann endlich anruft.

Almodovar polarisiert, was mir erst nicht bewusst war. Einmal wollte ich Daniel, den Koproduzenten von Rosenstolz, die Filme nahebringen. Also haben wir uns zum Videoabend zu Hause getroffen und „Alles über meine Mutter“ geschaut. Was ich so großartig fand – die Farben, die Frauen, die Geschichte der trauernden Mutter – das hat ihn kalt gelassen. Er ist einfach eingeschlafen. Ich glaube, Almodovar ist ein ziemlicher Grantler und ziemlich schüchtern. Auf einer Berlinale-Veranstaltung habe ich ihn mal erlebt. Es war ihm so unangenehm, nach der Filmvorstellung auf die Bühne zu kommen, da hätte ich ihn am liebsten in den Arm genommen.

ULF SOMMER

Er ist mein Produzent und größter Kritiker. Wenn ich Musik schreibe, schaut er sich das an und sagt: Der Refrain ist eigentlich eine Strophe, und die Bridge funktioniert noch nicht. In London habe ich „Wir sind am Leben“ für Rosenstolz geschrieben, ich war völlig euphorisiert und der Meinung, ich hätte den größten Hit geschrieben. Ulf hat den Song erst einmal auseinander gepflückt. Er kann mich sortieren, das brauche ich. Ohne ihn säße ich nicht hier.

Kennengelernt haben wir uns schon im Februar 1990 in Braunschweig. Das war sein erster West-Besuch, weil er davor noch seinen Wehrdienst leisten musste. Er kam zur Party meines damaligen Freundes, Ulf und ich haben uns die ganze Nacht über Nena, Abba und Popmusik unterhalten. Die Verbindung war gleich da. Wir waren später ein Paar, haben geheiratet, aber uns privat vor zwei Jahren getrennt. Ich bin für eine Zeit nach London gegangen, das hat uns beiden geholfen. Es ist schön, dass wir es geschafft haben, beruflich weiterzuarbeiten. Wir tun das schließlich schon seit 20 Jahren. Uns beiden war klar: Die gemeinsame Arbeit wollen wir nie aufgeben. Deshalb ist er auf meinem ersten Soloalbum natürlich mit dabei.

Aufgezeichnet von Ulf Lippitz.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar