Zeitung Heute : Helden wie wir

Wo einst die Nazis den alten Mythos missbrauchten, hat nun die demokratische Wiederbelebung Premiere: Moritz Rinkes „Nibelungen“. Und alle kämpfen um Worms, von Mario Adorf bis Regisseur Dieter Wedel. Nur der Himmel hat etwas dagegen – und öffnet seine Schleusen.

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Von Peter von Becker, Worms

Kein Mord im Dom. Doch Schlachtenlärm und Todesschreie dringen von draußen manchmal auch ins stille, hohe Kirchenhaus, wo Deutschlands Spätromanik sich in andachtsvollem Halbdunkel erhebt. Und wer als Besucher des berühmten Doms zu Worms in diesen Tagen vor dem Gotteshaus schon Absperrgitter erblickt und einen Riegel von Blechcontainern, zwischen denen sich manchmal bluverschmierte Herren in Bundeswehrtarnanzügen oder in Uniformen der selig verblichenen Nationalen Volksarmee begegnen, der darf gewiss sein: Hier kämpfen allenfalls die Burgunder gegen die Hunnen – und machen gerade Pause oder müssen mal austreten, mitten im Krieg.

Drinnen im Dom, wo die alte Welt noch in Ordnung scheint, kann es dem Arglosen dann nur passieren, dass seinen Weg gereckten Kinns und stolzen Auges eine junge Frau in prachtvoll golddurchwirkter Robe kreuzt. Aus dem Seitenschiff eilt sie durch eine Pforte schnell ins Freie. Und Türe zu! So hätte der verwunderte Besucher zumindest einen Sekundenauftritt der Schauspielerin Maria Schrader erlebt, die er sonst nur aus dem Kino („Aimée und Jaguar“) oder vom Fernsehen kennt.

Das verdankt er den Nibelungen. Und einem Freilichtspektakel, das sich nicht nur des aktuellen Wetters wegen gewaschen hat. Maria Schrader probt die Siegfried-Gattin und Rächerin Kriemhild dort draußen, hinter den Absperrungen am Wormser Domplatz – und hat ihre Garderobe voll kostbarer, wie aus Renaissance-Gemälden geschnittener Kleider hier in der Sakristei: neben der Salier-Gruft, wo die Gebeine der Prinzessin Judith und von Herzog Konrad dem Roten ruhen. Jenseits von Kirche und Krypta aber sind Himmel und Hölle los. Vor allem der Himmel.

Blitz und Donner

Auf der Erde herrscht noch der Regisseur. Eben erst hat Dieter Wedel, ein Mann bisher der eher zeitnahen Fernsehereignisse („Der große Bellheim“, „Die Affaire Semmeling“), über Lautsprecher an den Burgunderhof gerufen, zu Siegfried und Kriemhilds Rückkehr ins mythische Worms. Das ist der zweite Akt der „Nibelungen“ von Moritz Rinke, die als dramatische Nachdichtung der vor 1000 Jahren entstandenen Sage am kommenden Sonnabend Premiere haben sollen. Jetzt ruft Wedel „Wir brauchen noch die Waffe für Hagen!“, auf dass dieser in Gestalt von Mario Adorf am Ende des Aktes den gehörnten Siegfried rücklings meucheln kann. Da freilich fegt aus eben noch blauem Himmel ein erster Wind die Rosenblüten und Weinkelchimitate von der riesigen Festtafel, welche zwischen zwei Ahornbäumen an der Südseite des Domes den Hof des hier einst residierenden Burgunderkönigs Gunther markiert. Gegenüber ragen drei mächtige Stahlrohrtribünen für genau 2002 Zuschauer auf, und dazwischen nur Wiese, Erde und Sand, der beim nächsten Luftzug das zeltüberdachte Regiepult in eine Staubwolke hüllt.

Sommertheater. Seit April sind alle 13 Vorstellungen ausverkauft, das Fernsehen überträgt am Premierenabend eine Aufzeichnung der Generalprobe (in 3sat), Wedel zeigt später im ZDF eine Art Filmfassung, und der rheinland-pfälzische Ministerpräsident Kurt Beck hat auf den Premierensamstag auch seinen Wormser Wahlkampfauftritt gelegt, ähnlich wie nächsten Montag Finanzminister Hans Eichel, der anschließend die dritte Vorstellung besucht. Ob auch Gerhard Schröder kommt, der sich neuerdings gerne im Kreis von Schriftstellern und Künstlern zeigt und seit einer Rinke-Lesung im Kanzleramt als Fan des aus Niedersachsen stammenden Jungdramatikers gilt, ist freilich noch so ungewiss wie eine Worms-Visite des Reinland-Pfälzers Rudolf Scharping – hier beim Drama, wo Helden und Liebhaber zuhauf in Tod und Verderben stürzen.

Immerhin gerät nun der anfangs stolpernde, zum ersten Mal nicht nur auf der geschlossenen Probebühne durchgespielte Akt ins Laufen. Hagen ist in Moritz Rinkes leichthändig raffinierter Neufassung des Nibelungenmythos nicht bloß der finstre Ränkeschmied. Sondern ein Mann der Staatsraison, Gunthers Schily: ein Burgunderheld der inneren Sicherheit. Im Moment aber, da Hagen alias Mario Adorf an diesem Spätnachmittag dem in Fragen der Politik und der Liebe immer etwas nassforschen Siegfriedrecken das Schwert in den Rücken rammt und der Berliner Schauspieler Götz Schubert („Helden wie wir“) zu seiner Kriemhild staunend, blutend übers drahtlose Mikrofon noch flüstert „Sag mir, dass ich träume –“, da brechen mit Siegfrieds Tod auf die Sekunde der Donner los und das Gewitter.

„Vom Winde verweht“, meint Moritz Rinke achselzuckend. Es ist die erste Probe, die er sieht von seinem Stück im Freien; und der Domplatz, auf dem nun immer wieder in diesem Regensommer die Scheinwerfer platzen und die Szenen sowieso, er versinkt im Schlamm. Dabei haben sie nur noch wenige Tage: Wedel und sein für diese neuen „Nibelungen-Festspiele“ engagiertes Ensemble, zu dem noch der Wormser Schaustellersohn André Eisermann und Protagonisten wie Judith Rosmair, Susanne Tremper und Uwe Friedrichsen mitsamt 100 Wormser Bürgern als Burgunder, Sachsen, Nibelungen und Hunnen gehören. Bis jetzt das Fernsehen, die Zuschauer und die Kritiker kommen, hängt eine Millionenproduktion, mit der die 80000 Einwohner zählende „Nibelungenstadt“ laut Eigenwerbung zur „europäischen Festpielstadt“ werden möchte, buchstäblich am Wetterfaden.

Vielleicht gibt es ja das Wunder von Worms. Wenn im nördlich benachbarten Mainz oder im Süden in Mannheim Sturm und Regen toben, dann bilde sich um Worms und seine nahen Weinberge mitunter eine sonnenmilde Klima-Insel; so geschah’s auch am letzten Regenwochenende. Und irgendwie gilt hier ohnehin schon ein Ausnahmezustand. Wer über den Rhein und die Nibelungenbrücke durchs trutzige Ufertor sich der Domstadt nähert, sieht am Fluss bereits Hagens Standbild Schiffe und Menschen grüßen. Das Bier heißt Nibelungen-Bräu, den Nahverkehr regelt das Nibelungen-Taxi; es gibt die Kriemhildenstraße und den Siegfriedbrunnen, und als letzte Woche in den paar örtlichen Buchhandlungen Moritz Rinkes „Nibelungen“ als frisch gedrucktes Taschenbuch auslagen, da waren in drei Tagen fast 2000 Exemplare verkauft; und die „Wormser Zeitung“ titelte: „Rinke besser als Walser“.

Explodierende Kosten

Am folgenden Tag jedoch hatte die Zeitung, welche täglich in mehreren Beiträgen über das bevorstehende „Nibelungen“-Spektakel berichtet, die Schlagzeile: „Festspiele müssen Kredit aufnehmen“. Statt des fixen Etats von rund 2,5 Millionen Euro werden die realen Kosten plötzlich auf 3,6 Millionen geschätzt, und davon seien 0,7 Millionen nicht gedeckt. In diesen Haushaltszeiten für eine Kleinstadt, deren Jahre als Zentrum der Lederindustrie lange vorbei sind, ein happiger Fall.

Und eine Falle, Probe auf die Nibelungentreue. Denn seit Werner Kilz, Chefredakteur der „Süddeutschen Zeitung“, gebürtiger Wormser und lebenslanger Fan von Wormatia Worms (zur Zeit nur Verbandsliga), im fernen München die Idee zum Kulturaufstieg seiner Heimatstadt gebar und dazu neben seiner Frau Bettina Musall (beurlaubte „Spiegel“-Redakteurin und Pressesprecherin der „Nibelungen“-Festspiele) auch seinen Freund Mario Adorf gewann, darf dieses Helden-Festival nur noch durch himmlische Mächte ernstlich gefährdet werden.

Zu viel und zu Teures stehen auf dem Spiel. Großstar Mario Adorf, der einst im nahen Mainz Germanistik und Theaterwissenschaft studiert hatte, war sogleich elektrisiert von der Idee einer Wiederbelebung des in über 2000 Strophen und 39 „Aventiuren“ erzählten Nibelungenlieds: des mittelhochdeutschen Kriegs-, Liebes- und Menschheitsdramas. Und das in Worms, wo die Sage anhebt und die Nazis zwischen 1936 und ’39 unter Goebbels’ Schirmherrschaft erst das alte Lied und dann Friedrich Hebbels „Nibelungen“-Drama aus dem 19. Jahrhundert zur „Weltfeier der Völker germanischen Blutes“ missbraucht hatten.

Spätestens hier muss man nun anmerken, dass Worms nicht nur der im 5. Jahrhundert von den Hunnen zerstörte Hort der christliche Burgunder war und so mit Hilfe der Poesie und des Papstes zur Nibelungen- und Domstadt avancierte. Über 100 Reichstage fanden hier statt, Luther verteidigte vor Karl V., der kaum Deutsch konnte, seine Reformationsthesen – doch Worms war auch eine Metropole des jüdischen Lebens. Davon zeugt nicht allein die Eingangsausstellung im Libeskind-Museum in Berlin. Im heutigen Worms, hinter einer Videothek, einer Propangashandlung und einem Tätowiersalon, der martialische Wolfsschnauzen und Nibelungenköpfe als „Ghost-Tatoos“ anpreist, liegt unausgeschildert der älteste jüdische Friedhof Europas. Wie rote rostige Zähne stehen da vielhundert schiefe Male aus Buntsandstein in der ungemähten Wiese: Gräber, wie eine Inschrift sagt, „berühmter Rabbiner, Märtyrer und edler Menschen“, seit 1076.

Zudem: Die wunderschöne kleine Synagoge in der Judengasse am anderen Ende der Altstadt, auch sie eine der ältesten in Europa, wurde nach dem Nazipogrom 1938 und weiteren Weltkriegsschäden behutsam wiederaufgebaut, verbunden mit einem Museum. Nun aber, da es ein Menschenalter nach Hitler und dem Holocaust wieder Nibelungen-Festspiele geben sollte, musste ein neues, die Sage und ihre Geschichte in Deutschland mitspiegelndes Überzeitstück her. Mario Adorf fand Rinke, begeisterte den Wormser Stadtrat, besorgte 200000 Euro Sponsorengelder von der Versicherung, für die er auch im Fernsehen wirbt, und holte, nachdem Katharina Thalbach als erste „Nibelungen“-Regisseurin abgesprungen war, zur allgemeinen Überraschung Dieter Wedel.

Wedels Frühkarriere im Theater hatte Adorf zwar nicht erlebt. Aber er beobachtete beim Drehen des „Bellheim“ und zuletzt auch bei der „Affaire Semmeling“, wie „gut der Dieter großräumige Szenen mit vielen synchron agierenden Darstellern und Komparsen organisieren kann“. Hierzu sagt Rinkes Schriftstellerkollege und Freund John von Düffel, der bei den „Nibelungen“ als Produktionsdramaturg arbeitet: „Bei den logistischen und technischen Problemen, die es in Worms ohne bestehende Theater-Infrastruktur gibt, wo Schwerter in Tschechien geschmiedet und Kostüme weißgottwo genäht werden und jetzt auch noch das Wetter irre spielt, wäre jeder normale Theaterregisseur längst entnervt abgereist.“

Dieter Wedel jedoch bewahrt, wenn er nicht kurzzeitig in Rage gerät, sein gewinnend heiteres Lächeln. Er ist filmgeschäftsgestählt – und hatte gerade ein neues, eher unverhofftes Erfolgserlebnis. Beim Frühstück im jüngst eröffneten Festspiel-Vertragshotel, wo er und Adorf immer einen eigenen Tisch haben, erzählt der Meisterregisseur des deutschen Fernsehens, dass der Fall Özdemir mit dem hunzingerhaften Privatkredit und die ganzen Korruptionsgeschichten in Nordrhein-Westfalen punktgenau in der „Affaire Semmling“ vorgekommen seien. „Da haben mir Politiker dieses Frühjahr gesagt, das gebe es doch nicht in der wirklichen Politik! Und nun spielt die Realität meinen Film einfach nach. Nur die Geschichte mit den Bonusmeilen ist zu doof, um erfunden zu werden.“

Für die Wormser liegt jene Welt der großen Politik, des Films und des Theaters ziemlich fern. Ihr Kulturdezernent, der seit 25 Jahren einen Steinwurf vom Dom im Wormser Rathaus residiert, heißt Heiland, und mit Vorn gut burgundisch-nibelungisch Gunter. Herr Heiland ist Sozialdemokrat, 64, und sagt gleich zur Begrüßung: „Ich habe in meinem Leben in Worms zwei Besetzungen erlebt – 1945 durch die Amerikaner und 2002 durch die Künstler!“ Der schlanke, gutgelaunte Graukopf strahlt. Er ist ein glühender Verfechter der demokratischen Erneuerung des Nibelungen-Gedankens, welcher der alten Kaiser-, Luther- und Juden-Stadt auch touristisch ein „Alleinstellungsmerkmal“ beschere. Also hat Gunter Heiland den Bau des vor einem Jahr eröffneten Nibelungen-Museums betrieben. In einer Verbindung von mittelalterlichen Stadtmauerresten und einer postmodernen audiovisuellen Installation erzählt Mario Adorfs Stimme alle Varianten und Rezeptionsgeschichten des Nibelungenliedes, untermalt mit Sequenzen aus Fritz Langs „Nibelungen“-Film von 1924.

Seufzen und strahlen

Das ist auch Heilands Erfolg. Außerdem ist er Aufsichtsratvorsitzende jener „Nibelungen-Festspiele GmbH“, die merkwürdigerweise einen völlig sagenfernen Elefanten als Firmenlogo präsentiert, die ihre Tickets bis heute in D-Mark annonciert und in der Bahnhofstraße 4 1/10 residiert – da lässt dann Harry Potter grüßen. Im Aufsichtsrat aber sind nun nicht Märchen und auch nicht mehr Märker gefragt. Es geht um das neue Euro-Defizit des Festivals. Heiland übt den Spagat. „Wir müssen auf die Kosten achten und wollen trotzdem einen Wedel! Mit ihm sind die Ansprüche gewachsen und die Ausgaben. Kostüme, Technik und die Darsteller sind immer teurer geworden, seitdem hier das Wort von ,Adorf-kompatiblen’ Schauspielern aufgekommen ist.“ Der Kulturdezernent seufzt – und strahlt. Als Wormser Weltkind in der Mitten.

Am Abend, als eine Probe am Dom gerade dem Regen zum Opfer fällt, begegnen wir ihm noch einmal. Im einzigen Wormser Szene-Café liest der Schriftsteller Jürgen Lodemann aus seinem kürzlich erschienenen, viel gelobten Roman „Siegfried und Krimhild“. Die kulturhistorische Fleißarbeit ist 900 engbedruckte Seiten dick. Lodemann, pensionierter Fernsehredakteur und Erfinder der berühmten Südwestfunk-Bücherbestenliste, tritt nun im Nibelungen-Rahmenprogramm auf und verübelt mit ein paar Seitenhieben dem jungen Kollegen Rinke doch ein wenig die Publicity, wo der doch kaum 100 lockere Seiten geschafft hat. Als letzter vor der Lesung erscheint noch Gunter Heiland mit Gattin. Und bezahlt für sich und seine Frau je sechs Euro Eintritt. Das freilich haben wir noch nie erlebt, in Berlin, München, Frankfurt, Köln oder Hamburg nicht: dass der oberste Kulturpolitiker in seiner Stadt bei einer Kulturveranstaltung nicht selbstverständlich Freikarten benutzt. Auch das ist wohl ein Wormser Wunder.

Das zweite Wunder wird teurer. Eine Schlüsselszene der „Nibelungen“ ist, wie Siegfried der Kriemhild-Konkurrentin Brünhild vom Pferd hilft und sich so als intimer Steigbügelhalter entlarvt. Angesichts von 1000 europäischen Ritter- und Reiterspielen, wollte Dieter Wedel hierfür keinen gewöhnlichen „äppelnden Gaul“. Darum reitet Judith Rosmairs Brünhild als isländische Amazonenkönigin in Worms auf einem Ross aus Eis ein. Eine spezialgefrorene Pferdeskulptur, für jede Vorstellung und jedes Tau- und Sauwetter doppelt angefertigt: Das heißt Aufwand. Ist aber auch ein ziemlich genialer Einfall.

Schmelzen die Wormser Festspielträume ab diesem Wochenende nicht dahin und werden Moritz Rinkes und Dieter Wedels „Nibelungen“ ein Erfolg, dann sollen die Helden auch nach Kriemhilds Rache wieder auferstehen. Im nächsten Jahr. Darüber will die Stadt sehr bald entscheiden, am 11. September.

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