Zeitung Heute : Helden wie wir

Sportler werden bewundert – wenn sie siegen. Aber erst, wenn sie verlieren und wieder aufstehen, können wir sie lieben. Stefanie Graf erklärt warum.

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VON STEFANIE GRAF

Warum gilt Sympathie im Zweifel immer dem vermeintlich Schwächeren? Weil wir zu wissen glauben, wie er sich fühlt. Eigentlich hat er gegen den vermeintlich Größeren keine Chance. Wie das ist, weiß jeder. Es kostet viel Kraft, im Grunde keine Chance zu haben, es aber dennoch zu versuchen.

Ein David ist niemals feige. Er glaubt an sich, an den Erfolg. Ihm ist nicht jedes Mittel recht, nur dann ist er ein wirkliches Vorbild. Er ist fair und respektiert sein Gegenüber, was auch passiert. Eins ist ganz klar: Selbst wenn er verliert, er kommt wieder und versucht es aufs neue. David ist einer, der nicht aufgibt – jeder wäre gerne so.

Der perfekte David

Von der biblischen Figur, die einem übermächtigen Gegner entgegentritt, spannt sich ein weiter Bogen in die Gegenwart. Wenn es jemanden gibt, der heute die Figur des David perfekt verkörpert, dann ist es Woody Allen, dessen Anblick immer an den einer gerupften Krähe erinnert. Ein Mann mit schütterem roten Haar und Augen, in denen die Melancholie zu Hause ist. Helden sehen anders aus. Dieser David ist daran gewöhnt, Niederlagen einzustecken. Auf dünnen Beinen spaziert er durch eine Welt, die Höchstleistungen produziert und allzu leicht ein Kerlchen wie ihn überrollen kann. Er ist klein und wäre so gerne so groß: als Musiker, Revolutionär und Liebhaber. Er stolpert, wo andere schreiten, er sucht nach den richtigen Worten, wenn andere parlieren. Aber Aufgeben gilt nicht, Bangemachen auch nicht.

Das Kino bringt Davids wie Woody Allen und Charlie Chaplin hervor, noch viel mehr aber kreiert sie das wahre Leben. Sportler zum Beispiel, die vermeintlich ohne jede Chance in den Wettkampf zogen. Obwohl das olympische Motto des immer höher, immer weiter und immer schneller allenthalben der Gradmesser ist, bekamen manche Helden des Sports nie eine Medaille, aber blieben unvergessen. Die Zuschauer mögen die Außenseiter manchmal mehr als den Primus. Sie respektieren den Großen, aber lieben den Kleinen. Wer erinnert sich noch an die Großtaten eines Matti Nykänen? Ein Skiflieger, der drei Goldmedaillen gewann.

Nykänen hatte das Pech, gegen jemanden anzutreten, der im Wettbewerb hinterher flog: Eddie „The Eagle“ Edwards, der Brite mit den dicken Brillengläsern. Edwards sprang bei den Olympischen Winterspielen 1988 in Calgary zwar knapp 50 Meter kürzer als der Sieger Nykänen, aber die Sympathien des Publikums gehörten dem kleinen Mann. Offenbar musste dieser Edwards seinen ganzen Mut zusammennehmen, um vom Schanzentisch abzuheben. Er schien sich keineswegs sicher zu sein, heil unten anzukommen. Ein Gefühl, das jeder Zuschauer nachvollziehen kann. Edwards war einer von ihnen.

Dass die letzten Olympischen Spiele, in Salt Lake City, schön waren, dazu hat auch Iginia Boccalandro aus Venezuela beigetragen. Eine kleine Berühmtheit ist sie geworden. 41 Jahre alt, 85 Kilo schwer und gleich nach dem Start von ihrem Rennschlitten gefallen. Wie ein Belugawal schlitterte sie über die Bahn. Danach brauchte sie drei Telefone, um allen Interviewwünschen nachzukommen. Sport ist nicht nur Hochleistung, Rekord. Daran hat diese Rodlerin erinnert, als sie sich neben ihren Schlitten legte.

Der Weg nach oben mag beschwerlich sein, sich oben zu halten ist es nicht minder. Ein gutes Beispiel dafür ist das Schicksal des FC Bayern München. Keine andere Vereinsmannschaft ist so erfolgreich. Aber die Gefühle diesem Goliath gegenüber sind durchaus zwiespältig. Und während die Abneigung beständig ist, steht die Zuneigung jedesmal erneut auf dem Spiel.

Es hat seinen besonderen Reiz, den Favoriten straucheln zu sehen. Schon deshalb gehören dem Außenseiter die Sympathien. Keiner, der nicht selbst in einem Stadion stand, kann ermessen, welcher Druck in solchen Situationen auf einem Sportler lastet. Ich erinnere mich an Filmaufnahmen, die Björn Borg beim US-Open-Finale in Flushing Meadow 1980 zeigen. Mehr als 20 Jahre hatte der als „Eisberg“ verkannte Schwede geschwiegen. Hatte Ungerechtigkeiten weggesteckt, arrogante Schiedsrichter ignoriert. Aber bei diesem Finale platzte ihm der Kragen. Zornesrot raste er auf den Hauptschiedsrichter zu und brüllte ihn an, als ginge es um Leben oder Tod. Borg hatte Tränen in den Augen, dann schleuderte er seinen Schläger zu Boden. Es war wohl das einzige Mal, dass der ewige Stoiker die Fassung verlor. Schnell konzentrierte er sich wieder auf seine Rolle als Grundlinienspieler, der die Bälle präzise und klaglos wie eine Maschine über das Netz spielt. Es gab damals nicht wenige, die über diesen emotionalen Ausbruch erleichtert waren: Björn Borg war also doch kein Wesen von einem anderen Stern, unantastbar, automatisch auf Erfolg gebucht. Sogar in ihm steckte noch etwas von einem David.

Wer ehrgeizige Ziele hat, tut gut daran, diese mit einem Höchstmaß an Selbstdisziplin zu verfolgen. Man muss Prioritäten setzen, wichtige Dinge von weniger wichtigen zu unterscheiden wissen. Über viele Jahre stand allein Tennis ganz oben auf meiner Prioritätenliste, die Wettkämpfe, das Training. Nur so ist ein großer Erfolg möglich. Wer in der Weltspitze mitspielt, wird vom Tennis total vereinnahmt. Elf Monate im Jahr. Man hat keine Wahl, die aufzubringende Zeit lässt sich nicht in kleine Portionen filetieren. Entweder ganz oder gar nicht.

Die Hatz nach immer neuen Rekorden ist typisch für den modernen Leistungssport. Gesucht werden die berühmten Sekundensplitter – wobei Trainer, Wissenschaftler und Athleten mittlerweile ahnen, dass der Mensch als Sportgerät ausgereizt ist. Im Gegensatz zu den Rennwagen der Formel 1, wo die Ingenieure den Motoren immer mehr Leistung entlocken, lässt sich der menschliche Körper nicht endlos höherdrehen.

Doch weil in einer Leistungsgesellschaft das Wachstum kein Ende haben darf, wird rigoros nach neuen Wegen gesucht. High-Tech heißt das Zauberwort des Sports im 21. Jahrhundert. Computer besorgen alle notwendigen Bewegungsanalysen, der Windkanal liefert Formoptimierungen, das Chemielabor steuert alle Zutaten für neue Materialentwicklungen bei. Für den amerikanischen Sprinterkönig Michael Johnson entwickelte Nike zum Beispiel ein paar Laufschuhe, die statt der herkömmlichen elf Spikes nur fünf Dornen unter der Sohle haben. Damit ließ sich das Gewicht der Schuhe auf knapp 140 Gramm reduzieren. Vorbei die Zeiten, als der technische Fortschritt bei Sportgeräten in Kilogramm gemessen wurde. Das eigentliche Duell, der Zweikampf, tritt notgedrungen mehr und mehr in den Hintergrund.

Wenn ich die großen Bilder aus der Welt des Sports Revue passieren lasse, dann sind es selten die Rekordmarken, die Bestzeiten, die sich unauslöschlich ins Gedächtnis eingegraben haben. Meist sind es die Gesichter der Athleten, die Geschichten ihrer Niederlagen und Siege, die unvergesslich bleiben.

Es geht um die Aufrichtigkeit, die Ehrlichkeit der menschlichen Leistung. Aus diesem Bedürfnis entsteht die Fähigkeit alle Zweifel beiseite zu schieben und begeistert an das Gute in jedem Sieger und Verlierer zu glauben, auch in jedem David, in jedem Goliath.

„Man fährt, was man fahren kann, und was geschieht, das geschieht“, hat Jan Ullrich einmal gesagt, als man ihm wieder bohrende Fragen zum Thema Doping stellte. Und er meinte, dass sich niemand, der zu Hause im Fernsehsessel sitzt, vorstellen könne, wie hart das Leben eines Radrennfahrers sei. Dieser Geschmack von Blut im Mund bisweilen, der Körper, der immer mehr Laktat produziere, Milchsäure, die in den letzten Muskel zieht: Man fühle sich „wie klinisch tot“. Dennoch sei da ein unglaubliches Glücksgefühl, das entstehe, wenn man es dann tatsächlich geschafft hat.

Wenn die Luft dünn wird

David gegen Goliath, bei den Radrennfahrern hat man dieses Bild vor Augen, wenn sie in die Berge fahren. Diese Schinderei, wenn die Luft dünn wird und der Gegner scheinbar nicht müde. Die Fernsehkameras zeigen die Bilder fast hautnah. Die Zuschauer sind begeistert angesichts der grandiosen Zweikämpfe. In solchen Situationen werden Sportler immer wieder zu Vorbildern, und als solche dürfen sie uns nicht enttäuschen.

„Bleib mit dem Kopf oben“, lautet eine Anweisung, die ein Boxtrainer seinem Schützling gerne mit auf den Weg gibt. Denn genau das ist es, was einem Herausforderer und Außenseiter im Kampf oft schwer fällt. Als David kann er nicht wissen, wie seinem Gegenüber zumute ist. Dabei trägt auch ein Meister, ein Titelträger, ein Goliath, mitunter schwer an seinen Zweifeln.

Wer ist der Stärkere? Das ist die ewige Frage. Vitali Klitschko hat einmal davon gesprochen, er sei Boxer geworden, weil dieser Sport dem Leben sehr ähnlich sei, und er hat seine Angst erwähnt, die ihn in den Stunden vor der ersten Runde überkomme. Es machte ihm offenbar gar nichts aus, darüber zu reden. Angst sei niemals unmännlich, meinte er. Die Frage sei immer nur, wovor man Angst habe. „Bist du Herr der Lage, siehst du die Gefahr, kannst du dich wehren, oder bist du der Situation machtlos ausgeliefert?“ Wenige Monate zuvor war dem Boxer genau dies passiert. Wegen einer Verletzung hatte er seinen ersten Kampf verloren, der erste nach 27 Siegen durch k. o. Der Gegner traf ihn fast nach Belieben, Klitschko konnte sich nicht mehr wehren. Plötzlich habe er Angst gehabt, eine Heidenangst, und er habe sich ausgemalt, wie es wohl sei, zum ersten Mal in der Karriere am Boden zu liegen. „Eine furchbare Vorstellung“, gab Klitschko später zu.

Zu den festen Glaubensregeln im Boxen gehörte lange Zeit die Überzeugung, wer einmal strauchelt, hat für immer verloren. Der vom Thron gestürzte Meister galt als der besiegte Goliath, dessen Rückkehr für immer auszuschließen war. Doch dann blickte alle Welt auf Muhammad Ali, der das beste Beispiel dafür bot, dass es auch anders geht. Nach einem tiefen Fall kam der Boxer noch einmal zurück. Entmachtet und dann doch wieder da. Wer weiß, wie viele gestürzte Meister aus Alis Comeback heimlich Kraft und Hoffnung schöpften.

Aber irgendwann neigt sich die Karriere unausweichlich ihrem Ende zu. Wohl nirgendwo spürt man die vergehende Zeit stärker als im Sport. Jeder Zauberer ist so gut wie sein letztes Kunststück. Gut, wenn ein Goliath den Zeitpunkt selber bestimmt. Und manchmal kann es sogar passieren, dass Athleten in dem Moment, wo sie den Platz räumen, zum ersten Mal seit langer Zeit mit sich zufrieden sind.

Der Text ist ein exklusiver Abdruck aus dem Band „Wendelin Wiedeking: Das Davidprinzip“, einer Essay-Sammlung zum 50. Geburtstag des Porsche-Vorstandschefs, die gerade im Verlag Eichborn erschienen ist.

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