Zeitung Heute : Heldendämmerung

DEUTSCHES THEATER Michael Thalheimer stutzt „Die Nibelungen“ für postheroische Zeiten zurecht

PATRICK WILDERMANN

Man wäre ja geradezu naiv“, sagt der Regisseur Michael Thalheimer, „wenn man sich mit der Aufführungs- und Rezeptionsgeschichte dieses Werkes nicht auseinandersetzen würde.“ Und natürlich, um gleich mal auf den Punkt zu kommen, seien Hebbels „Nibelungen“ während der Nazizeit missbraucht worden. Genau wie andere große Theatertragödien, wie der „Faust“, der „Hamlet“, der „Prinz von Homburg“. „Das bleibt im Hinterkopf, das möchte ich nicht verdrängen. Man muss aber den ideologischen Ballast wegräumen, der auf den ,Nibelungen’ liegt, um wieder auf das blanke Stück blicken zu können.“ Und was das betrifft, kann man sich kaum einen besseren Regisseur für die Heldensaga vorstellen. Denn wenn Thalheimer eines beherrscht, dann ist es die Kunst, zum nackten Wesen der Stoffe vorzudringen, die er auf die Bühne bringt. Klassikern den Stuck und Zierrat abzuschlagen, der bisweilen verstellt, was sie über die Conditio humana erzählen. Unter diesem Gesichtspunkt liest er derzeit, am Beginn der Proben, auch die Sage aus dem hohen Norden, die zum deutschen Gründungsmythos herangezerrt wurde: „Die Geschichte beschreibt das Grauen. Wie Menschen miteinander umgehen, wohin schicksalhaft ihre Wege führen.“

So wie Thalheimer inszeniert, so wirkt er auch im Gespräch: Schnörkellos. Auf den Punkt. Analytisch durchdrungen und von Passion befeuert. Sicher, es gibt Themen, bei denen merkt man ihm einen gewissen Überdruss an. Seit er, vor gut zehn Jahren, am Thalia Theater mit seiner radikalen „Liliom“-Bearbeitung das Premierenpublikum verstörte und die Theaterwelt aufwirbelte, hat er es mit Anfeindungen, Vergröberungen zu tun. Von Teilen der Kritik wird er, aufgrund der starken dramaturgischen und visuellen Setzungen seiner Arbeiten, „Konzeptregisseur“ genannt. Und wenn mal wieder eine dieser leidigen Regietheaterdebatten losbricht, kann man sicher sein, dass auch sein Name fällt. „Konzepttheater unterstellt ja meist, dass die Seele des Schauspielers fehlen würde, dass es gegen das Lebendige geht. Da würde ich vorschlagen, mal die Beteiligten zu fragen“, gibt er zurück.

Tatsächlich erzählen viele der Schauspieler, mit denen Thalheimer, der Theaterfamilienmensch, immer wieder arbeitet, von den Freiheiten, die sie bei ihm genießen. Sicher, die Räume, die sein Bühnenbildner Olaf Altmann baut, machen der Inszenierung oft genaue Vorgaben, das ist auch so gewollt. Am augenfälligsten vielleicht in seiner Version von Hauptmanns „Ratten“, wo das Ensemble sich gebückt durch einen gedrungenen Holzguckkasten bewegen musste. Aber die Idee, den Schauspielern den aufrechten Gang zu nehmen, tat der emotionalen Wucht keinen Abbruch, im Gegenteil. „Ich glaube, dass es mir in meinen wirklich guten Arbeiten gelingt“, sagt der Regisseur, „den Zuschauer nicht nur intellektuell zu erreichen, sondern auf die sinnlichste Art zu berühren.“

Michael Thalheimer ist ein rastloser Theatermacher, einer der gefragtesten der Republik. Wie er sich dabei vor Wiederholungen, vor Langeweile schütze, will man wissen. „Durch Arbeit. Schlicht und ergreifend“, entgegnet er. „Und dadurch, das Eigene immer wieder zu hinterfragen.“ Er verdeutlicht dies dann noch an einem Bild: „Der erste Kuss ist der speziellste. Und dieses Gefühl wird man nie wieder erlangen. Das heißt aber nicht, dass man in Muster verfällt. Sondern man küsst immer wieder, und es ist auch immer wieder toll.“

Thalheimers Generation der unermüdlichen Theaterliebhaber gibt im Gegenwartstheater den Ton an, keine Frage. „Wir sind mittlerweile die Väter“, sagt er, als das Gespräch auf die Revolte kommt, auf die Notwenigkeit des Vatermordes, um sich seinen Platz zu erkämpfen. Die nachfolgende Generation sei nun zum Vatermord aufgerufen – aber der könne ja auch ein Liebesbeweis sein. „Nur dann“, sagt Thalheimer „verändert sich das Theater.“ PATRICK WILDERMANN

Premiere 26.3., 19.30 Uhr

Weitere Vorstellung 27.3., 19 Uhr

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